Allgemeine Zahnheilkunde

Glosse

Kostenübernahme der GKV nur für toxische Prothesenkunststoffe?!

Quelle: © Adel/pixelio.de
Quelle: © Adel/pixelio.de

Ich mochte es nicht glauben: In einem Schreiben vom „Team Leistungsbearbeitung“ der „DAK-Gesundheit“ vom 1. Dezember letzten Jahres las ich wie folgt: „Bei der Prothese aus biokompatiblem Kunststoff handelt es sich um eine außervertragliche Leistung. Ein Festzuschuss kann nicht gewährt werden.“

  • Schreiben vom „Team Leistungsbearbeitung“ der „DAK-Gesundheit“.

  • Schreiben vom „Team Leistungsbearbeitung“ der „DAK-Gesundheit“.
Dies war für mich eine schockierende Erkenntnis: einerseits aufgrund der Tatsache, dass die gesetzlichen Krankenkassen heutzutage ihren Versicherten nur noch bioinkompatible Basiskunststoffe bezuschussen sollen und damit sozusagen die Vergiftung der Total- und Teilprothesenpatienten nicht nur in Kauf nehmen, sondern durch Festzuschüsse auch noch fördern. Und andererseits die unerhörte Chuzpe, diese Tatsache auch noch ganz offen zuzugeben. Jetzt wird man einwenden, im besagten Brief stünde gar nicht, dass nur noch toxische Basismaterialien bezuschusst würden. Aber wie anders soll man diese ausdrückliche Verweigerung biokompatibler Kunststoffe denn sonst verstehen? Will man sich auf diesem Wege etwa der älteren und deshalb im Durchschnitt auch teureren Versicherten entledigen?

Lassen Sie uns an dieser Stelle nicht ausmalen, was diese Verweigerung biokompatibler Substanzen auf dem Sektor der Arzneimittelversorgung oder der Endoprothetik bedeuten würde. Denn ich möchte über den Hintergrund dieses merkwürdigen Briefes aufklären, der auf einer doppelten Dummheit basiert.

Der Patientenfall

Eine hochbetagte und zunehmend dement werdende Patientin hatte schon seit längerer Zeit Probleme im UK, wo sie eine Drahtklammer-Teilprothese zum Ersatz fast aller Seitenzähne trug. Sie klagte ständig über Schmerzen, für die sich kein klinisches Korrelat fand. Wie oft in solchen Fällen hatte man ihr, obwohl jegliche Symptomatik einer allergischen Reaktion fehlte, einen Allergietest empfohlen. Und der daraufhin durchgeführte Epikutantest ergab tatsächlich eine positive Reaktion auf PMMA. Der Widerspruch, dass die Patientin im OK problemlos eine Totalprothese auf PMMA-Basis trug und sich jetzt als Unterkiefer-PMMAAllergikerin entpuppte, lässt sich mit zwei Erklärungen auflösen: Entweder lag die Menge des aus der Prothese eluierten Restmonomers weit unterhalb der Schwellendosis für eine Schleimhautreaktion. Deshalb gab es im Munde keine Reaktion auf den verarbeiteten Kunststoff, obwohl der Test mit dem reinen Monomer auf der empfindlichen Rückenhaut positiv war. Oder es handelte sich um ein gar nicht so seltenes „falsch positives“ Testergebnis.

Bei der exakten Befunderhebung fand sich an einem der fünf UK-Restzähne unter einer dicken Plaque-Schicht eine tief infragingival gelegene profunde Wurzelkaries und damit eine nachvollziehbare Ursache der Beschwerden. Dieser Prämolar war nicht zu erhalten, und nach seiner Extraktion ging es der Patientin auch deutlich besser.

Aus zahnärztlicher Sicht war damit die Ursache der vermeintlichen „Allergie“ beseitigt. Der Fall hätte also mit einer Erweiterung der partiellen UK-Prothese beendet werden können. Aber weder die Angehörigen noch die Patientin selbst wollten sich von dieser unerwartet eingetretenen Verbesserung davon abbringen lassen, nun endlich auch noch ein „verträgliches“ Material für eine Neuanfertigung zu verwenden. Der Rat, stattdessen lieber die Plaquekontrolle an den letzten eigenen Zähnen zu optimieren, wurde als durchsichtiges Ablenkungsmanöver aufgefasst. Man vermutete ganz offen, wir wollten uns wohl um die fällige Neuanfertigung drücken. Denn wozu hatte man schließlich diesen Allergiepass … Da die vorhandene Prothese schon einige Jahre auf dem Buckel hatte und im Studentenkurs immer Bedarf an solchen Arbeiten besteht, gaben wir schließlich diesem Wunsch nach. Dabei mussten wir aus forensischer Sicht, sozusagen als Selbstschutz, eine PMMA-Alternative verwenden. Also beauftragten wir ein Dentallabor mit der Anfertigung der Prothesenbasis aus einem Polyurethan-Dimethacrylat, wofür sich das Material Eclipse® (Degu- Dent GmbH, Hanau) anbot. Diese Materialgruppe und das konkrete Produkt sind hierzulande bestens eingeführt, erfüllen die geforderten Normen und haben tatsächlich den großen Vorteil, praktisch kein Benzoylperoxid und auch kein MMA-Monomer freizusetzen.

Zwei bürokratische Fehler

Es wurde ein Heil- und Kostenplan in Auftrag gegeben, der die Bemerkung enthalten sollte: Wegen nachgewiesener Allergie auf PMMA Herstellung der Prothesenbasis aus Polyurethan-DMA. Das erschien aber der zuständigen Verwaltungskollegin viel zu umständlich und stellte sich außerdem als viel zu lang für das entsprechend Feld des HKP-Formulares heraus. Aber anstatt nun zu schreiben: PMMA-Allergie, deshalb Polyurethan-Basis „übersetzte“ und kürzte sie diese Bemerkung zu dem vermeintlich viel klareren Ausdruck: „Verwendung eines biokompatiblen Kunststoffes“ und schickte den Plan auf den Weg.

Bei der zuständigen Krankenkasse aber blieb die Sachbearbeiterin ausgerechnet am Wort „biokompatibel“ hängen und übersetzte es in ein konkretes Material zurück. Was dabei herauskam, lässt in der Marketingabteilung der Firma Sun Dental Labs jetzt vermutlich die Korken knallen. Denn eine namhafte deutsche gesetzliche Krankenversicherung assoziiert offensichtlich mit „biokompatibel“ an erster Stelle das Produkt Sunflex©, einen Basiskunststoff auf Polyamid-Basis! Genauso jedenfalls lautet die Antwort auf meinen entgeisterten Anruf bei der Krankenkasse: Wer „biokompatibel“ schreibe, meine damit Sunflex und das dürfe eben nicht zulasten der GKV finanziert werden. So schnell können zwei kleine Bürokratenfehler für Aufregung sorgen.

Des Pudels Kern

Mithilfe zweier Telefonate konnte dieser „Skandal“ also nun auf ein einfaches „Ärgernis“ herabgestuft werden. Zurück bleibt ein wenig Verwunderung über den leichtfertigen und unwissenden Umgang mit Fachwörtern. Wir sind das von den Krankenversicherern leider gewohnt, sollten uns aber nicht daran gewöhnen.

Denken wir nur an die leidige Unterteilung einfacher Kunststoffprothesen in Interims- und Immediatprothesen. Hier wird völlig willkürlich die geplante Nutzungsdauer („Interims“) einer Methode („Immediat“) gegenübergestellt. Man könnte über diese Dummheit lachen, wären damit nicht auch unangenehme finanzielle Folgen für die Versicherten verbunden.

Was aber lehrt uns dieser Fall? Wir entdeckten eine merkwürdige und unterschwellige Ablehnung des Begriffes Biokompatibilität, der doch eigentlich die absolute Voraussetzung für jeglichen Materialeinsatz am Menschen sein sollte. Mag sein, dass die inflationäre und oft auch irreführende Benutzung der Vorsilbe „Bio-“ inzwischen einen gegenteiligen Effekt hat und „Bio“ deshalb bei manchen (auch manchen Sachbearbeiterinnen) sogar mit esoterischem Gedöns assoziiert wird. Vor diesem Hintergrund wäre die vermutete Sektlaune bei Sun Dental allerdings verfrüht gewesen …

Nennen wir also künftig die Dinge beim Namen und scheuen wir uns nicht, dabei auch chemische Bezeichnungen zu verwenden. Und wir sollten auch nicht vor möglicherweise nervigen Telefonaten mit „wissenden“ Sachbearbeitern zurückschrecken. Schließlich sind wir Fachleute und bestimmen von daher auch die Termini technici!

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Felix Blankenstein

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dr. Felix Blankenstein


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