Allgemeine Zahnheilkunde


Hauterkrankungen mit Manifestation im Bereich der Zunge - Teil 2

31.03.2011

Abb. 6a: Candidose tropicalis.
Abb. 6a: Candidose tropicalis.

Fortsetzung

Zungenauflagerungen

Eine Candidose (Abb. 6a u. b) der Zunge tritt auf bei Befall mit Candida albicans, seltenere Auslöser sind Candida tropicalis, Candida krusei und Candida parapsilosis. Bevorzugt erkranken immunsuppremierte Patienten, Diabetiker und Abwehrgeschwächte. Es finden sich weißliche Plaques auf geröteter Schleimhaut. Nach dem Abwischen bleiben leicht blutende Erosionen zurück22.

Die chronische Graft-versus-Host-Reaktion (Abb. 7) trifft definitionsgemäß bei 10 % der Patienten 3 bis 15 Monate nach Organtransplantation als Reaktion auf die Übertragung allogener immunkompetenter T-Lymphozyten auf. Klinisch zeigen sich Sicca-Symptomatik, lichenoide Exantheme, morphaeartige Hautveränderungen, bukkale Mukositis, Ösophagus- und Vaginalstrikturen bis hin zum allgemeinen körperlichen Verfall. Es besteht die Gefahr der opportunistischen Infektionen wie der Candidose (siehe oben). Die Indikation für eine systemische Immunsuppression hängt meist vom Ausmaß der Organbeteiligung ab, mindestens bei dem Befall von zwei Organsystemen (z. B. Haut und Schleimhaut)22.

  • Abb. 6b: Candidose tropicalis.
  • Tab. 1: Auswahl klinischer Beispiele zum Thema Zungenschwellungen (Altmeyer et al. 2007(1)).
  • Abb. 6b: Candidose tropicalis.
  • Tab. 1: Auswahl klinischer Beispiele zum Thema Zungenschwellungen (Altmeyer et al. 2007(1)).

  • Tab. 2: Auswahl klinischer Beispiele zum Thema Zungenauflagerungen (Altmeyer et al. 2007(1)).
  • Abb. 7: Veränderungen im Rahmen einer chronischen Graft-versus-Host-Reaktion.
  • Tab. 2: Auswahl klinischer Beispiele zum Thema Zungenauflagerungen (Altmeyer et al. 2007(1)).
  • Abb. 7: Veränderungen im Rahmen einer chronischen Graft-versus-Host-Reaktion.



Die Syphilis acquisita (Abb. 8 u. 9) ist eine weltweit verbreitete, bakterielle (Treponema pallidum) Geschlechtskrankheit (Meldepflicht) mit typischem chronischem und systemischem Verlauf. Folgende Einteilung ist heute üblich: Frühsyphillis (Syphilis I und II), Spätsyphilis (Syphilis III und IV) sowie frühlatente und spätlatente Syphilis. Die Inzidenz in Deutschland liegt bei 3,6/100.000 Einwohner/Jahr. Die unmittelbare Übertragung von Mensch zu Mensch erfolgt durch Schmierinfektion, vor allem beim Geschlechtsverkehr, durch Bluttransfusionen und selten über infizierte Gegenstände. Das Eindringen der Erreger erfolgt durch mikroskopisch kleine Epitheldefekte der Haut und Schleimhaut1,22.
Die Frühsyphilis ist genital und extragenital wie z. B. im Bereich der Zunge lokalisiert, hier unter anderem als Plaques muqueuses der Zunge oder weißlich-opaker, nicht abwischbarer, leicht mazerativer, feucht belegter Rundherd an der Zungenspitze. Bei etwa 5 % der Fälle tritt der Primäraffekt auch extragenital vor allem oral auf.
Die Spätsyphilis beginnt durchschnittlich 3 bis 5 Jahre, teilweise aber auch bis zu 10 Jahre nach der Infektion. Es können granulomatöse Veränderungen der Haut und Schleimhäute sowie der inneren Organe auftreten. Charakteristisch ist mitunter auch die tuberöse Zungensyphilis mit knotigen Zungenveränderungen. Hier handelt es sich um linsengroße, einschmelzende Tubera. Es kommt zur Ausbildung eines umschriebenen glatten, reliefarmen, atrophischen Herdes auf der Zungenoberfläche1,22.

Die Pachyonychia congenita (Abb. 10) ist eine hereditäre Verhornungsstörung der Haut (Keratosis palmoplantaris) und der Schleimhäute mit Nageldystrophien. Die Einteilung der Erkrankung erfolgt in Typ I: Jadassohn-Lewandowsky-Typ (PC-1) und Typ II: Jackson-Lawler-Typ (PC-2). Das klinische Bild ist durch angeborene krallenförmige, verdickte Finger- und Zehennägel, inselförmige oder streifige Palmarkeratosen, seltener durch Plantarkeratosen geprägt. Häufig ist eine Hyperhidrose auffällig. Sebostase und Blasenbildung sind möglich. Es kann zu Schleimhautveränderungen mit weißlichen, streifigen Plaques im Bereich der Zunge, der Mundwinkel, der Mundschleimhaut und des Kehlkopfes kommen21.
  • Abb. 8: Syphilis acquisita.
  • Abb. 9: Syphilis acquisita.
  • Abb. 8: Syphilis acquisita.
  • Abb. 9: Syphilis acquisita.

  • Abb. 10: Pachyonychia congenita.
  • Abb. 10: Pachyonychia congenita.


Die schwarze Haarzunge

Lingua nigra pilosa (Synonym; Lingua villosa nigra, Abb. 11 u. 12) sind dicht stehende, fadenförmige, hyperkeratotische, hypertrophische Papillae filiformes an der Zungenoberfläche. Durch die Verlängerung der Papillae filiformes erscheint auf dem Zungenrücken ein haariger, meist dunkler Belag. Eine Ursache ist hier nicht sicher geklärt. Es wird eine Dysbalance der normalen oralen mikrobiellen Besiedelung vermutet. Häufig ist eine schwarze Haarzunge nach Einwirkung der unten stehenden Ursachen zu finden. Einen eigentlichen Krankheitswert hat die Haarzunge nicht15.

Tabakkonsum hat bekanntlich viele Auswirkungen, so z. B. auch die schwarze Haarzunge. Das klinische Bild zeigt, vor allem bei männlichen Rauchern, Auffälligkeiten wie bereits oben beschrieben. Neben diesen kann es allenfalls zu Geschmacksveränderungen und diskretem Juckreiz kommen. Hierbei sollte das Rauchen, als ein irritierender Faktor, vermieden werden durch ein striktes Rauchverbot. Der Eiweißbelag lässt sich mit Vitamin-C-Lutschtabletten auf der Zunge ausfällen und anschließend mit einer weichen Zahnbürste abbürsten. Eine Eiweißausfällung ist auch mit 1- bis 2 %igem Wasserstoffperoxid möglich, welches man aber nicht schlucken sollte3,12.

Mangelnde Mundhygiene: Hier finden sich haarige Beläge meist im hinteren Teil der Zunge. Je nach Nahrungsaufnahme nimmt die Zunge eine dunkelgrüne bis schwärzliche Färbung an. Wichtig sind eine sorgfältige Mundpflege mit Stomatologika wie Kamillenextrakt oder Dexapanthenol-Lösung sowie eine Zahnsanierung.

Systemische Glukokortikoide, dauerhaft angewendet, können zu einer schwarzen Haarzunge führen. Wenn die Möglichkeit gegeben ist, sollte das Medikament abgesetzt werden. Im Falle einer entstandenen Candidose, wie bereits oben beschrieben, wird hier eine antimykotische Therapie eingeleitet.

Fehlender physiologischer Abrieb durch mangelnde Nahrungsaufnahme, z. B. beim Fasten oder bei andauernder parenteraler Ernährung. Die haarigen Beläge können in der Ausdehnung bis weit in den Schlund reichen und somit ein äußerst störendes Kitzeln beim Sprechen und Schlucken verursachen. Es kann auch zu ständigem Würgereiz kommen.

Zungenschmerzen

Pemphigus vulgaris, mukosaler Typ (Abb. 13): Hier finden sich sehr schmerzhafte, persistierende Erosionen mit speckig glänzender bzw. weißlich belegter Oberfläche an Zunge und Schleimhäuten. Bei über 70 % der Patienten beginnt der Pemphigus vulgaris im Bereich der Schleimhäute der Mundhöhle. Der Ösophagus, das Genital und die Konjunktiven können ebenfalls, ausgelöst durch Desmolgein-3-reaktive Autoantikörper, befallen sein. Die Manifestation im Bereich des Ösophagus kann zur Notfallsituation führen5.
Der Pemphigus vulgaris ist die häufigste Variante der Pemphigus-Gruppe, vor allem zwischen dem 30. und 60. Lebensjahr auftretend. Es handelt sich um eine potenziell letal verlaufende, intraepidermale Blasenbildung an Haut und Schleimhäuten22.

  • Abb. 11: Lingua nigra pilosa.
  • Abb. 12: Lingua nigra pilosa bei einem Patienten mit Mycosis fungoides.
  • Abb. 11: Lingua nigra pilosa.
  • Abb. 12: Lingua nigra pilosa bei einem Patienten mit Mycosis fungoides.

  • Abb. 13: Pemphigus vulgaris, mukosaler Typ.
  • Abb. 13: Pemphigus vulgaris, mukosaler Typ.



Der Lichen planus mucosae, erosiver Typ (Abb. 14), sind selten, meist während des 30. bis 60. Lebensjahres vorkommende, ausgedehnte, schleierartige, warzige, weißliche Plaques der Zunge mit fokalen Erosionen. Meist gehen die Erosionen mit starken Schmerzen einher. Fruchthaltige Getränke werden von den Patienten vermieden4,5.

Bei der Dermatomyositis (Abb. 15) handelt es sich um eine seltene Erkrankung mit Schwund der Muskelkraft durch autoimmune entzündliche Degeneration der Muskulatur mit Betonung im Schulter- und Beckengürtel. Einige Fallbeispiele zeigen auch, dass die Muskulatur der Zunge betroffen sein kann. Diese Erkrankung ist mit typischen Hautveränderungen assoziiert. Es kommt bei 10 bis 20 % der Patienten zu Ulzerationen im Bereich der Zunge und der Mundschleimhaut. Diese Ulzerationen sind mit starken Schmerzen verbunden. Die geschwollene Zunge kann klinisch rötlich bis bläulich erscheinen. Durch die Einschränkung der Beweglichkeit der Zunge ist die Sprache des Patienten leicht lallend19,22.

Die Eruptiva-linguale-Papillitis (Abb. 16) ist eine plötzlich auftretende, meist stark brennende, entzündliche hypertrophe Papille an der Zungenspitze oder an den Seitenrändern der Zunge. Diese ist häufig mit kleinen Vesikeln und schmerzhaften Erosionen vergesellschaftet. Diese Hautveränderungen kommen häufig bei Kleinkindern und selten bei Erwachsenen vor. Die Ätiologie ist nicht geklärt. Es kommt zu kurzfristigen Fieberschüben und die Erkrankung kann mit Lymphknotenschwellungen einhergehen. Zu einer Spontanremission kommt es innerhalb von 15 Tagen16.
  • Abb. 14: Lichen planus mucosae, erosiver Typ.
  • Abb. 15: Dermatomyositis.
  • Abb. 14: Lichen planus mucosae, erosiver Typ.
  • Abb. 15: Dermatomyositis.



Lingua plicata (Abb. 17) ist eine häufige (15 % aller Menschen), harmlose, meist angeborene Anomalie des Zungenprofils mit einer verstärkten Furchung der Zungenoberfläche und mit Betonung der vorderen zwei Drittel. Wie bereits oben beschrieben, handelt es sich um ein Teilsymptom beim Melkersson-Rosenthal-Syndrom und des Cowden-Syndroms. Im Allgemeinen ist keine Therapie notwendig. In diesem Abschnitt soll vor allem erwähnt werden, dass diese Hautveränderung mit einem für den Patienten unangenehmen und belastenden Zungenbrennen vergesellschaftet ist. Aufgrund dessen kann es zu Mundtrockenheit und Geschmacksstörungen kommen2,9,13,17.

Fazit

Die Erkennung von Effloreszenzen im Bereich der Zunge bietet häufig größere Schwierigkeiten als auf der Haut, weil hier zahlreiche charakteristische Merkmale undeutlich werden oder ganz verloren gehen. Gerade dies kann zu Fehldiagnosen führen. Darum gehört die Diagnostik in die Hände des Erfahrenen. Hinter scheinbar harmlosen Veränderungen können maligne Tumore oder chronische Erkrankungen stecken. Daher ist die Sensibilisierung der Zahnmediziner in ihrem täglichen Behandlungsfeld auf Diagnosen von Erkrankungen der Zunge dringend auf der Ebene einer fachübergreifenden Zusammenarbeit notwendig. Mit diesem Übersichtsartikel über die Erkrankungen der Zunge konnte mit den jeweiligen fünf häufigsten Hauterkrankungen, die sich auch auf der Zunge manifestieren können, nur ein weiterer Grundbaustein gelegt werden. Ein Anfang wurde bereits mit dem Artikel „Hauterkrankungen der Lippen und Mundschleimhaut in der zahnärztlichen Praxis“ in der ZMK 7-8/2009* gelegt. Der Themenbereich ist weiterhin ausbaufähig und sollte ausgeweitet werden, um z. B. Hauterkrankungen mit Manifestation an der Lippenschleimhaut, der Gingiva, des Gaumens und im Bereich des Gesichtes oder Halses anzusprechen. Meist ist die Frage der Differenzialdiagnosen zu klären, da harmlose Hautveränderungen mit Manifestation im Bereich der Zunge von malignen abzugrenzen sind.


* Der Beitrag ist auf www.zmk-aktuell.de/Krueger nachzulesen.