Allgemeine Zahnheilkunde


Für eine kultursensible Zahnmedizin

19.07.2017

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In Deutschland leben viele Menschen mit einem Migrationshintergrund. Darunter solche, die schon lange hier und mehr oder weniger gut integriert sind – aber auch Geflüchtete, die jüngst aus arabischen Ländern gekommen sind. Alle diese Menschen benötigen selbstverständlich eine angemessene zahnmedizinische Versorgung. Doch hat diese Patientengruppe auch ganz eigene Bedürfnisse? Und wenn ja: Was können Zahnarzt und Team tun, um diesen im Praxisalltag gerecht zu werden? Antworten auf diese Fragen gibt Prof. Dominik Groß.

ZMK: Sind Kinder und Erwachsene mit Migrationshintergrund (zahn-)gesundheitlich schlechter gestellt als die deutschstämmige Bevölkerung?

  • Prof. Dr. Dr. Dr. Dominik Groß - Geschäftsführender Direktor und Lehrstuhlinhaber am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin Aachen

  • Prof. Dr. Dr. Dr. Dominik Groß - Geschäftsführender Direktor und Lehrstuhlinhaber am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin Aachen
Prof. Groß: Ja. Gerade in Sachen Zahngesundheit: Kinder von Eltern mit ausländischer Staatsbürgerschaft zeigen eine mehr als doppelt so hohe Kariesprävalenz wie deutsche Altersgenossen. Und Migranten und Personen mit Migrationshintergrund sind insgesamt schlechter über bestehende Angebote im Bereich der Prophylaxe und gesundheitsfördernde Leistungen informiert bzw. nehmen diese seltener in Anspruch, während sie wiederum im Sektor der Notfall- und Akutversorgung überrepräsentiert sind. Viele gehen also erst zum Zahnarzt, wenn Gefahr im Verzug ist.

ZMK: Wenn man nach sozioökonomischer Schicht unterscheidet, schrumpfen die Unterschiede zwischen Menschen mit Migrationshintergrund und Deutschstämmigen hinsichtlich der Zahngesundheit. So weisen etwa deutsch- und türkischstämmige 12- und 15-jährige Hauptschüler eine fast gleich niedrige Rate von Kariesfreiheit auf, während Gymnasiasten der entsprechenden Altersstufen unabhängig von ihrer Herkunft wesentlich gesündere Gebisse haben*. Daher: Ist „Migration“ überhaupt ein Risikofaktor für schlechtere Zahngesundheit?

Prof. Groß: Beide Faktoren sind schwerlich zu trennen, denn Menschen mit Migrationshintergrund sind eben häufig auch sozioökonomisch schlechter gestellt. Sie haben vielfach eingeschränkte finanzielle Spielräume, einen geringeren Bildungsstand und sehen sich Bildungsbarrieren gegenüber – z. B. haben sie vielfach Verständigungsschwierigkeiten und gerade die Elterngenerationen verfügen oft nur über eingeschränkte Deutschkenntnisse. Ihre Verwandtschaftsbeziehungen sind häufig zerrissen. In den Haushalten befinden sich höhere durchschnittliche Kinderzahlen mit entsprechenden Auswirkungen auf die Betreuungsintensität des einzelnen Kindes, und die Betreffenden sind vielfach sozial schlechter integriert, insbesondere wenn die Lebensplanung nicht konsequent auf den Verbleib in der neuen Gesellschaft abgestellt ist. Insofern fallen „Migrationshintergrund“ und „geringer sozialer bzw. wirtschaftlicher Status“ nicht selten zusammen.

ZMK: Woran liegt es, dass Menschen mit Migrationshintergrund schlechter versorgt sind?

Prof. Groß: Vier Faktoren fallen hier besonders ins Gewicht: zum Ersten migrationsspezifische Faktoren wie z. B. oft belastende Umstände der Einwanderung, ein eventuell unsicherer Aufenthaltsstatus und geringe Sprachkompetenz. Zum Zweiten kulturspezifische Faktoren wie z. B. mögliche Gefühle der Fremdheit und Isolation im Einwanderungsland, ein abweichendes Krankheitsverständnis, festbestehende familiäre Hierarchien oder kulturspezifische Schamgefühle. Zum Dritten krankheitsspezifische Faktoren: So kommen neben Karies z. B. auch Vitamin-D- bzw. Calcium-Mangelerscheinungen bzw. psychosomatische Belastungen durch Stress und Diskriminierungserfahrungen häufiger vor als in der einheimischen Bevölkerung. Hinzu kommen viertens – wie bereits ausgeführt – soziale Faktoren.

ZMK: Es ist also eine Vielzahl von Einflüssen, die die Versorgung beeinträchtigen. Fällt unter diesen ein Einzelner besonders ins Gewicht?

Prof. Groß: Ich glaube, am meisten Gewicht haben die kulturspezifischen Faktoren. Das hat eben auch mit dem Krankheitsverständnis zu tun. Wenn ich eine Krankheit als schicksalhaft oder von Gott gegeben ansehe, werde ich ein anderes Verhalten zeigen, als wenn die Krankheit mein Feind ist und ich mich zur Wehr setzen möchte. Und wenn ich ein ganzheitliches Krankheitsverständnis habe, bringe ich weniger Verständnis auf für lokale Chlorhexidin-Spüllösungen, als wenn ich ein organbezogenes Krankheitsverständnis habe und weiß, dass sich die Krankheit auf das Zahnbett bezieht und ich daher auch dort mit der Therapie ansetzen muss.

ZMK: Heißt das, dass man viele Patienten mit Migrationshintergrund erst einmal für den regelmäßigen Zahnarztbesuch sensibilisieren müsste?

Prof. Groß: Zunächst muss man anerkennen, dass es andere Auffassungen von Krankheit gibt, sich das bewusst machen und dies nicht einfach abwerten. Wenn die Patienten das Gefühl haben, sie werden ernst genommen in ihrem Denken, resultiert daraus eine höhere Therapietreue. Voraussetzung ist aber, dass der Patient merkt, dass ich ihn akzeptiere in seinem Denken und seiner Befindlichkeit. Erst dann kann ein therapeutisches Bündnis entstehen.

ZMK: Manche Kulturkreise haben beispielsweise ein anderes Verständnis von Intimität und damit verbunden ein abweichendes Schamgefühl, spezielle Speisevorschriften oder ein Alkoholverbot. Was sollte diesbezüglich in der Praxis berücksichtigt werden?

Prof. Groß: In der Tat wird die Mundhöhle von manchen zu den Intimzonen gezählt. Wenn man unsicher ist in Bezug auf religiöse oder kulturell bedingte spezifische Praktiken oder Gebote, sollte man einfach nachfragen. Nur so erfahre ich, ob z. B. alkoholhaltige Spüllösungen für den Patienten akzeptabel sind oder ob religiöse Regeln wie z. B. der Ramadan befolgt werden, was wiederum Rückwirkungen auf das Ernährungsverhalten bzw. die Therapietreue des Patienten haben kann.

ZMK: Sollte die Zahnärztin oder der Zahnarzt Verständnis zeigen, wenn eine muslimische Patientin/ein muslimischer Patient nur von einem Arzt des gleichen Geschlechts untersucht werden möchte? Was ist zu tun?

Prof. Groß: So wichtig es ist, dass Praxismitarbeiter kulturelle Offenheit und Verständnis für Menschen mit Migrationshintergrund und ihre z. T. traumatisierenden oder diskriminierenden Erfahrungen aufbringen, so wichtig ist es auch, dass Migranten akzeptieren, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter in unserer Gesellschaft einen hohen Wert darstellt, den es zu respektieren gilt. Insofern müssen auch muslimische Patienten Zugeständnisse machen. „Kultursensibles“ Verhalten muss auf Gegenseitigkeit beruhen.

ZMK: Kulturkreise unterschieden sich auch in ihrem Verständnis von Patientenautonomie. Ist das für das Patientengespräch wichtig? Oder kann der Zahnarzt einfach von seinem eigenen Verständnis ausgehen?

Prof. Groß: Das ist durchaus wichtig. Auch hier muss man im Zweifelsfall nachfragen, ob Familienmitglieder z. B. in Aufklärungsgespräche einbezogen werden sollen oder ob der Patient sich als selbstbestimmt versteht. Beides ist möglich.

ZMK: Um eine Verbindung zu einem Patienten aufzubauen, muss ich überhaupt mit ihm kommunizieren können. Verständigungsschwierigkeiten sind aber sicherlich ein häufiges Problem im Praxisalltag. Wie können diese überwunden werden?

Prof. Groß: Manche Praxisinhaber behelfen sich mit der Anstellung von Fachpersonal mit Migrationshintergrund und der Benennung einer konkreten Ansprechperson in der Praxis, die sich näher mit den Bedürfnissen der betreffenden Patienten befasst. Hilfreich wäre auch der Rückgriff auf regionale Netzwerke für Übersetzungsdienste bzw. auf sogenannte „Mediatoren für Migranten“. Hierbei handelt es sich um Schlüsselpersonen (engl. key persons) aus den Migrantengemeinschaften, die in manchen Regionen Hilfestellungen bei der Behandlung von Migranten anbieten (z. B. im Raum Hannover). Aber in vielen Regionen, gerade auf dem Land, gibt es dieses Hilfsangebot noch nicht. Und klassische professionelle Dolmetscherdienste finden sich vor allem an Universitätsklinika – Praxen können dies schlichtweg nicht leisten. Ansonsten bleibt die Option, schriftliches Informationsmaterial anzufordern und auszulegen. Schließlich gibt es einzelne bedarfsorientierte Hilfen wie z. B. mehrsprachige Schmerzskalen, anhand derer der Patient das Ausmaß des empfundenen Schmerzes angeben kann.

ZMK: Nicht alle Zahnmediziner und Praxisteams zeigen sich aufgeschlossen gegenüber dieser Patientengruppe. Sie, Herr Prof. Groß, beklagen eine „Stigmatisierung“ von Menschen mit Migrationshintergrund. Das heißt, diese Patienten werden entsprechend ihrer Herkunft pauschal als andersartig klassifiziert, was einer Abwertung Tür und Tor öffnet. Wie können Zahnarzt/Zahnärztin und Praxispersonal es vermeiden, Patienten zu stigmatisieren?

Prof. Groß: Indem wir jeden Patienten zuerst als Individuum – und nicht als Vertreter eines Kulturraums – ansehen und entsprechend behandeln.

ZMK: Sollte das Thema nicht auch im Team besprochen werden?

Prof. Groß: Ja, sicherlich. Das setzt aber voraus, dass die Zahnärztin oder der Zahnarzt selbst ein Problemdenken hat in diesem Themenfeld und es nicht nur im Alltag abhandelt, wie es gerade kommt, ohne sich grundsätzlich damit zu beschäftigen. Meist ist es ja so: Da kommen Menschen mit Migrationshintergrund und man versucht, damit irgendwie klarzukommen. In den wenigsten Praxen gibt es dafür Algorithmen, d. h., dass ich beispielsweise erst mal schaue, wie gut ist das Sprachverständnis, und dann im Bedarfsfall spezielle, bildreiche Anamnesebögen einsetze.

ZMK: Was ist notwendig für eine migrantensensible Zahnmedizin?

Prof. Groß: Sie beginnt mit der inneren Einstellung, d.h. mit der allgemeinen Bereitschaft, Migranten mit ihren spezifischen Bedarfen anzunehmen – sofern es diese gibt. Wichtige Aspekte hierbei sind Aufmerksamkeit, Offenheit, Vorurteilslosigkeit und die Bereitschaft zur Kommunikation. So kann ich mögliche sprachliche, religiöse oder soziokulturelle Barrieren überwinden.

ZMK: Sollten Zahnmediziner zumindest in Grundzügen über die unterschiedlichen Kulturen informiert sein und dementsprechend sensibel kommunizieren?

Prof. Groß: Natürlich wäre das der Idealfall. Vielfach reicht es aber auch schon, dem betreffenden Patienten offen und ohne Vorurteile zu begegnen und ihn als Einzelperson und nicht als Vertreter einer Religion oder eines geografischen Raumes anzusehen.

ZMK: Wir bedanken uns für das Interview.

* Heinrich-Weltzien R, Kühnisch J, Goddon I, Senkel H, Stößer L: Zahngesundheit deutscher und türkischer Schüler – ein 10-Jahresvergleich. Gesundheitswesen 69: 105-109 (2007).


Infomaterial und Hilfen

Die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) stellt ein Piktogrammheft, also eine Broschüre in Bildsprache, zur zahnärztlichen Versorgung zum Download zur Verfügung unter https://www.bzaek.de/fileadmin/PDFs/b/piktogrammheft.pdf. Die Bildtafeln veranschaulichen zahnmedizinische Zusammenhänge von der Diagnostik über Therapie bis hin zur Medikation; auch eine Schmerzskala ist enthalten. Ergänzend können Patienteninformationen zur Prophylaxe und zum Verhalten nach einer Operation abgerufen werden sowie Anamnesebögen und Formulare in 31 Sprachen.

  • Aufklärungs- und Einwilligungsformulare von Spitta.

  • Aufklärungs- und Einwilligungsformulare von Spitta.

Aufklärungs- und Einwilligungsformulare sind beim Spitta Verlag in deutsch-arabisch bestellbar: https://www.spitta.de/shop/patientenberatung/aufklaerung/produkt/zahnaerztliche-aufklaerungsformulare-in-deutsch-arabisch.html

Infoblätter in 15 Sprachen zu Kariesentstehung, Zuckerkonsum und zahngesunde Ernährung stellt Styria vitalis, eine österreichische Initiative, zur Verfügung unter https://styriavitalis.at/information-service/zahngesundheit/. Die Informationen wurden gemeinsam mit Migranten erstellt.

Das Ethno-Medizinische Zentrum e.V. vermittelt kultursensible DolmetscherInnen. Zudem hat das Zentrum bereits im Jahr 2003 ein Projekt für eine bessere Gesundheit von Migranten auf die Beine gestellt: MiMi - Mit Migranten für Migranten. Menschen mit Zuwanderungsgeschichte werden in Gesundheitsfragen ausgebildet, um als Multiplikatoren dieses Wissen an ihre Landsleute weiterzugeben und damit deren Gesundheit und die Nutzung des Deutschen Gesundheitsdienstes zu verbessern. Informationen unter http://www.ethno-medizinisches-zentrum.de.


Studie zum Thema Versorgung von Geflüchteten

Unter Federführung der Universität Greifswald wird derzeit die multizentrische Studie zur Mundgesundheit von Geflüchteten und dem resultierenden Versorgungsbedarf durchgeführt. Auf Basis der Erhebung sollen bessere präventive und therapeutische Strategien entwickelt werden, die über eine oft nicht zielführende Akutversorgung hinausgehen. Voraussichtlich werden die Ergebnisse der Studie auf dem Deutschen Zahnärztetag 2017 vorgestellt.

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