Allgemeine Zahnheilkunde


Die Angst wegleuchten: Lichtkonzepte für die Zahnarztpraxis

08.02.2017

Lichtarchitekt Fatih Yetgin (Karlsruhe).
Lichtarchitekt Fatih Yetgin (Karlsruhe).


Der Einfluss von Licht auf die Emotionen und das Wohlbefinden des Menschen ist in den Fokus von Lichtplanung und -design gerückt. Auch der Zahnarzt kann dieses Wissen nutzen, um einen Mehrwert für seine Patienten zu schaffen: Viele Menschen fühlen sich auf dem Behandlungsstuhl unwohl – mit einem optimalen Lichtkonzept kann man das Patientenbefinden positiv beeinflussen.

Licht bringt die Schönheit von Gegenständen, Materialien und Strukturen erst richtig zum Vorschein“, sagt Fatih Yetgin, Lichtarchitekt aus Karlsruhe. „Doch nicht nur das ist so besonders an Licht: Es beeinflusst uns Menschen, unsere Gefühle. Es kann uns in verschiedene Stimmungen versetzen und unseren Rhythmus bestimmen.“

  • Lichtkonzept für eine Zahnarztpraxis von Fatih Yetgin. Jedes Lichtkonzept erfordert Planung und gestalterische Vorstellungskraft, sonst ist Licht zu hell, zu dunkel oder einfach unangenehm.

  • Lichtkonzept für eine Zahnarztpraxis von Fatih Yetgin. Jedes Lichtkonzept erfordert Planung und gestalterische Vorstellungskraft, sonst ist Licht zu hell, zu dunkel oder einfach unangenehm.
Der Mensch lebt in einem so genannten zirkadianischen Rhythmus. Das heißt, der Tag und die Nacht sind klar eingeteilt: Nachts im Dunkeln schlafen wir, und tagsüber im Hellen sind wir wach. Begibt sich der Mensch in eine andere Zeitzone, wird dieser Rhythmus gestört. Jeder kennt das Problem des Jetlags. Das Licht, das uns umgibt, und die damit zusammenhängende Beleuchtungsstärke und Lichtfarbe, sind ein zuverlässiger Rhythmusgeber. Wir leben morgens in einem schwachen orangem, mittags in starkem blauen und abends in schwachem roten Licht. Die Lichtverhältnisse sagen unserem Körper, was er zu tun hat. Sie beeinflussen unsere innere Uhr, hormonelle Abläufe und somit auch die emotionale Befindlichkeit [1].

Viele Industrien haben sich die Bedeutsamkeit des Lichts zunutze gemacht. Bars und Clubs, um atmosphärische Stimmung zu erzeugen, Boutiquen, um die Farben der Kleidung zu intensivieren, oder Kosmetiksalons, um die Haut in schönstem Licht erstrahlen zu lassen.

Zahnarztpraxen können durch das richtige Lichtkonzept einen spürbaren Mehrwert für ihre Patienten schaffen. Das optimale Lichtkonzept könne in einer Zahnarztpraxis „die Angst wegleuchten oder sie zumindest dimmen“, meint Fatih Yetgin. Gutes Licht werte eine Umgebung auf, allerdings müsse auch die Raumgestaltung stimmen; Architektur, Einrichtung und Lichtkonzept sollten stets im Einklang stehen.

Ohne Konzept kein gutes Licht

Eine Zahnarztpraxis lässt sich in verschiedene Lichtzonen einteilen: den Warteraum, Behandlungsraum und den Bereich der Beleuchtung der Mundhöhle. Entscheidend bei der Ausleuchtung der Zonen ist nicht die Quantität, sondern die Qualität, denn einfach nur viel und starkes Licht hilft nicht dabei, besser zu sehen.

Um die Beleuchtung optimal zu gestalten, erarbeiten Lichtarchitekten Lichtkonzepte, die auf individuelle Bedürfnisse – wie die einer Zahnarztpraxis – zugeschnitten sind (Abb. 1 und 2). Dabei sind viele Faktoren zu beachten, die in eine optimale Balance gebracht werden sollen. Lichtstärke (gemessen in Lux), Lichtfarbe (gemessen in Kelvin) und der CRI-Wert (Farbwiedergabeindex) müssen in der passenden Relation zueinander stehen. Und der Lichtarchitekt muss berücksichtigen, wie viel natürliches Licht zur Verfügung steht.

  • Abb. 1: Faith Yetgin leuchtete schon viele Praxen aus, die mit Dentsply Sirona Behandlungseinheiten ausgestattet sind. Hier ergänzen sich Leuchte der Einheit (Bild:TENEO mit LEDview Plus) mit dem Licht der Umgebung. Zusammengefasst ergibt das optimale Lichtkonzept. ® Fred McFar Andreas Friedrich, http://www.fredmcfar.com
  • Abb. 2: Auch außerhalb des Behandlungsraums muss das Lichtkonzept stimmig sein. ® Fred McFar Andreas Friedrich, http://www.fredmcfar.com
  • Abb. 1: Faith Yetgin leuchtete schon viele Praxen aus, die mit Dentsply Sirona Behandlungseinheiten ausgestattet sind. Hier ergänzen sich Leuchte der Einheit (Bild:TENEO mit LEDview Plus) mit dem Licht der Umgebung. Zusammengefasst ergibt das optimale Lichtkonzept. ® Fred McFar Andreas Friedrich, http://www.fredmcfar.com
  • Abb. 2: Auch außerhalb des Behandlungsraums muss das Lichtkonzept stimmig sein. ® Fred McFar Andreas Friedrich, http://www.fredmcfar.com

Bei der Beleuchtung der Mundhöhle beispielsweise wirken mehrere Lichtquellen auf den Patienten ein. Zum einen die Behandlungsleuchte, die nach EU Norm, EN ISO 9680 [2], bei mindestens 5.000 bis 8.000 Lux, 90 CRI und 6.000 Kelvin liegen muss, die Deckenleuchte des Raums, das aus dem Fenster hereinfallende Tageslicht und sonstige im Raum stehenden Quellen (Im Vergleich ein heller Sonnentag: 100.000 Lux, CRI 100, ca. 5.300 Kelvin). Die Herausforderung bei der Einstellung der Lichtstärke der Behandlungsleuchte liegt beispielsweise im Folgenden: Der Zahnarzt braucht einerseits perfekte Lichtverhältnisse für eine optimale Sicht, die es ihm ermöglicht, exakt und ermüdungsfrei zu sehen und die Situation im Mund des Patienten zu erkennen. Andererseits darf das Licht nicht so hell sein, dass Lichtreflexe entstehen.

Hinzu kommt, dass ein CRI-Wert von 90 aufrechtzuerhalten ist, um Farben und Strukturen so naturgetreu wie möglich zu erkennen. Außerdem sollte der Patient nicht geblendet werden: Patienten sollten keinesfalls das Gefühl haben, auf einem OP-Tisch zu liegen. Dann verspannen sie sich und Angst kommt auf. Eine bewegliche Behandlungsleuchte kann dabei helfen, das hellere Licht optimal über der Mundhöhle des Patienten zu justieren, ohne zu blenden. Mit Hilfe verschiedener Helligkeitsstufen der Leuchte kann das Licht auf alle Stadien der Behandlung, etwa auf das Patientengespräch, eine Untersuchung oder Operation angepasst werden. Darüber hinaus können zusätzliche Lichtquellen im Raum einen Ausgleich schaffen: Die Ausleuchtung sollte gleichmäßig sein und die einzelnen Lichtquellen im Behandlungsraum können nicht einzeln betrachtet werden, man muss sie als Ganzes sehen, weiß Lichtarchitekt Fatih Yetgin.

Auch das Team fühlt sich wohl

Um Patienten die Angst vor dem Zahnarztbesuch zu nehmen, kann ein Lichtkonzept sehr hilfreich sein. Die passende Lichtintensität, Lichtfarbe und die gleichmäßige Verteilung des Lichts können entscheidend sein, wenn es darum geht, Wohlbefinden und Vertrauen bei Patienten hervorzurufen – sie sollen sich sicher und aufgehoben fühlen. Nicht nur Patienten profitieren von optimalen Lichtkonzepten: Auch das Praxisteam und der Zahnarzt selbst arbeiten viele Stunden in der Lichtumgebung der Zahnarztpraxis, die sich auch auf deren Wohlbefinden, Konzentration und den Behandlungserfolg auswirkt. 

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Literatur:
  1. Action Spectrum for Melanin Regulation in Humans: Evidence for a Novel Circadian Photoreceptor. In: The Journal of Neuroscience, Aug. 15, 2001, 21(16):6405-6412, 6411. (http://www.jneurosci.org/content/21/16/6405.full.pdf+html): “These findings open the door for optimizing the use of light in both therapeutic and architectural applications”
  2. Erhältlich unter: https://www.beuth.de/de/norm/din-en-iso-9680/203631585

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