Allgemeine Zahnheilkunde


Besondere Patienten: Psychische Erkrankungen

06.10.2021


Zwischen 25 und 38 Prozent der Menschen in Deutschland leiden unter einer psychischen bzw. psychosomatischen Störung. Die Corona-Pandemie trägt ihren Teil dazu bei. Die Bundeszahnärztekammer geht in ihrem Positionspapier vom März 2021 davon aus, dass dies im zahnärztlichen Bereich 20 Prozent der Patienten betrifft [1]. Ein Überblick über stomatognathe Folgen und Auswirkungen der Medikation, die Zahnärzte bei der Behandlung berücksichtigen sollten.

Zahnärzte können psychische Störungen aufgrund der regelmäßigen Vorsorge und orale Auswirkungen oftmals als erste erkennen und entsprechende Maßnahmen empfehlen [2]. Zusammenhänge zwischen psychischen Erkrankungen und solchen des Mund-Kiefer-Gesichts-Bereichs zeigen sich z. B. bei Depression und Schmerz, Stress und Hyperaktivität der Kaumuskulatur, Essstörungen und Zahnschmelzschäden, Gesichtsschmerz, Zungen- und Schleimhautbrennen sowie dem Burning-Mouth-Syndrom [3].

Krankheitsbilder

  • Somatoforme Schmerzstörungen
  • Chronischer Gesichtsschmerz
  • Somatopsychische Erkrankungen
  • Zahnbehandlungsangst [4]
  • Depressionen
  • Essstörungen [5]
  • Psychogene Zahnersatzunverträglichkeit
  • Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD)
  • Stress induzierte Parodontitis [6]
  • Bruxismus

Einfluss von Antidepressiva

Etwa 20 Prozent der Patienten mit psychischen Komorbiditäten nehmen Antidepressiva ein [7]. Sie haben mitunter direkte orale Symptome wie zur Folge. Die gängigsten Antidepressiva sind:

  1. Selektive Serotonin-Rückaufnahme-Inhibitoren (SSRI):
    Am häufigsten werden SSRI eingesetzt, unter anderem bei leichten bis mittelschweren Depressionen, Zwangs- oder Panikstörungen sowie Phobien [8]. Bruxismus wird mit Antidepressiva wie SSRI in Verbindung gebracht [9,10].  
  2. Selektive Serotonin-/Noradrenalin-Rückaufnahme-Inhibitoren (SSNRI):
    Sie haben wie TZA einen analgetischen Effekt [8,7]. Trotz dieser Eigenschaften könnten SSRI und SSNRI einen Risikofaktor für parodontale Gewebe darstellen, sprich, tiefere Taschen, mehr Taschen und mehr Attachmentverlust [11,12,13].
  3. Trizyklische Antidepressiva (TZA):
    TZA kommen in der Regel wie MAO-Inhibitoren als zweite Wahl zum Einsatz, wenn die SSRI oder SNRI-Therapie z. B. von Depressionen nicht erfolgreich war. Es kann zu Symptomen wie Blutdruckabfall, Mundtrockenheit, Sedierung und Verstopfung kommen [8].
  4. Monoaminoxidase-Inhibitoren (MAOI):
    Sie kommen bei Depressionen oder auch Morbus Parkinson zum Einsatz. Überdosierungen führen zu sympathischen Symptomen wie Pupillenweitstellung, Bluthochdruck, Tachykardie, Hyperthermie, Krampfanfällen bis hin zum Koma und Exitus letalis [7,8].
  5. Johanniskraut:
    Bei leichten oder mittelschweren depressiven Episoden als pflanzliche, nebenwirkungsärmere Alternative [8].

Wechselwirkungen von Antidepressiva mit zahnärztlichen Arzneimitteln

Antidepressiva können mit verschiedenen Medikamenten der zahnärztlichen Anwendung interagieren. So können insbesondere adrenalinhaltige Lokalanästhetika zu gefährlichen Blutdrucksteigerungen führen. Der Einsatz sollte demnach generell beschränkt werden, bei SSRI und atypischen Antidepressiva scheint es keine Interaktionen zu geben. Eine langsame und gegebenenfalls fraktionierte Injektion kann helfen, die systemische Aufnahme zu reduzieren. Da sie die Adrenalinwirkung potenzieren und verlängern, ist die blutdruck- und pulssteigernde Wirkung bei TZA und SSNRI möglich [14]. Die Einnahme von TZA wird daher in Fachinformationen als Kontraindikation für einen Epinephrinzusatz aufgeführt [15]. Die Gegenanzeige bezüglich Adrenalin gilt auch für MAO-Inhibitoren und zwar bis zu 14 Tage nach Beendigung der Einnahme [16]. Sie interagieren zwar pharmakologisch nicht direkt mit adrenergen Agonisten, jedoch scheint die endogene Adrenalinausschüttung bei diesen Patienten, z. B. durch Angst oder Schmerzen, eine entscheidende Rolle zu spielen. Auch könnten adrenerge Rezeptoren gegenüber Sympathomimetika sensibilisiert sein. Bei Patienten mit dieser Medikation empfiehlt sich ein kardiovaskuläres Monitoring [15] und der Einsatz adrenalinfreier Präparate, z. B. Ultracain® D ohne Adrenalin [16,17]. Bei den Antibiotika Gatifloxacin und Moxifloxacin können in Zusammenhang mit TZA gefährliche Herzrhythmusstörungen (Torsades des Pointes) ausgelöst werden. Die zentraldämpfende Wirkung der TZA kann durch Hypnotika, Sedativa (auch Lachgas und Benzodiazepine), Tranquilizer, Diphenhydramin und Doxylamin verstärkt werden [7,17]. Zahnärzte sollten sich des Risikos von Interaktionen, dem lebensbedrohlichen Serotonin-Syndrom durch serotonerge Substanzen sowie hämodynamischen Veränderungen und Blutungen bewusst sein [18]. SSRI und gegebenenfalls SSNRI erhöhen womöglich die Blutungsneigung durch die Reduktion von Thrombozyten. Bei gemeinsamer Einnahme mit Thrombozytenaggregationshemmern oder Warfarin ist eine Potenzierung zu erwarten; vor allem aber bei nichtsteroidalen Antiphlogistika (NSAID), bei denen Studien eine Erhöhung des Risikos um das 4,25-Fache bis 12,2-Fache fanden [19,20].

Kontakt:
Sanofi-Aventis Deutschland GmbH
www.dental.sanofi.de 
Tel.: 0800 5252-010

Hinweis: Das im Text beschriebene Vorgehen dient der Orientierung, maßgeblich sind jedoch immer die individuelle Anamnese und die Therapieentscheidung durch die behandelnde Ärztin/den behandelnden Arzt. Die aktuellen Fachinformationen und Leitlinien sind zu beachten.

Literatur:
[1] BZÄK (Hrsg.), Oesterreich D, Positionspapier: Der Einfluss psychosomatischer Erkrankungen auf die Mundgesundheit - Wege zu erfolgreicher Prävention und Therapie, März 2021. Online abrufbar unter: www.bzaek.de/fileadmin/PDFs/b/Position_Psychosomatik.pdf (Letzter Zugriff: 25.05.2021).
[2] Eichenberg C, Zahnmedizin und Psychotherapie: Kooperationen sind sinnvoll. Dt. Ärzteblatt PP 2019; 17 (4): 176-8. Online abrufbar unter: www.aerzteblatt.de/archiv/206712/Zahnmedizin-und-Psychotherapie-Kooperationen-sind-sinnvoll (Letzter Zugriff: 25.05.2021).
[3] Wolowski A, Demmel HJ, Psychosomatische Medizin und Psychologie für Zahnmediziner. Compact Lehrbuch für Studium und Praxis Schattauer, Stuttgart, 2010, American Association for Dental Research.
[4] AKPP/DGZMK (Hrsg.), S3-Leitlinie (Langversion) Zahnbehandlungsangst beim Erwachsenen (AWMF-Registernr.: 083-020), Oktober 2019. Online abrufbar unter: www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/083-020l_S3_Zahnbehandlungsangst-beim-Erwachsenen_2019-11.pdf (Letzter Zugriff: 25.05.2021).
[5] Schmiedel W, Psychologie und Psychosomatik in der Zahn-Medizin. Vom Kennen und Erkennen psychosomatischer Auffälligkeiten. ZMK (2014). Online abrufbar unter: www.zmk-aktuell.de/fachgebiete/allgemeine-zahnheilkunde/story/psychologie-und-psychosomatik-in-der-zahn-medizin-vom-kennen-und-erkennen-psychosomatischer-auffaelligkeiten__997.html (Letzter Zugriff: 25.05.2021).
[6] Schneider G, Leyendecker SS, Correlation between psychosocial factors and periodontal disease. A systematic review of the literature. Z Psychosom Med Psychother 2005; 51 (3): 277–96.
[7] Mathers F, Schön H, Zahnärztliche Pharmakologie: Antidepressiva und Mundgesundheit. zm 2020 (17). Online abrufbar unter: www.zm-online.de/archiv/2020/17/zahnmedizin/antidepressiva-und-mundgesundheit/seite/alle/ (Letzter Zugriff: 25.05.2021).
[8] DGPPN/BÄK/KBV/AWMF (Hrsg.), S3-Leitlinie/Nationale Versorgungsleitlinie Unipolare Depression Langfassung (AWMF Registernr. Nvl-005), 2. Auflage 2015. Online abrufbar unter: (https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/nvl-005l_S3_Unipolare_Depression_2017-05.pdf (Letzter Zugriff: 25.05.2021).
[9] DGFTD (Hrsg.), S3-Leitlinie (Langversion) Diagnostik und Behandlung von
Bruxismus (AWMF: Registernr. 083-027), Mai 2019. Online abrufbar unter: www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/083-027l_S3_Bruxismus-Diagnostik-Behandlung_2019-06.pdf (Letzter Zugriff: 25.05.2021).
[10] Garrett AR, Hawley JS, SSRI-associated bruxism: A systematic review of published case reports. Neurol Clin Pract. 2018 Apr;8(2):135-141.
[11] DocCheck Flexikon, Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, Februar 2021. Online abrufbar unter:  flexikon.doccheck.com/de/Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (Letzter Zugriff: 25.05.2021).
[12] Bey A et al., Effect of antidepressants on various periodontal parameters: A case-control study. J Indian Soc Periodontol. 2020 Mar-Apr;24(2):122-126.
[13] Bey A et al., Effect of antidepressants on various periodontal parameters: A case-control study. J Indian Soc Periodontol. 2020 Mar-Apr;24(2):122-126.
[14] Saraghi M, Golden LR und Hersh EV, Anesthetic Considerations for Patients on Antidepressant Therapy-Part I. Anesth Prog. 2017 Winter;64(4):253-261. doi: 10.2344/anpr-64-04-14.
[15] Sanofi, Fachinformation Ultracain® D-S, Ultracain® D-S forte, September 2020.
[16] BZÄK, KZBV, Arzneimittelkommission Zahnärzte – Informationen über zahnärztliche Arzneimittel (IZA), 2019. Online abrufbar unter: www.bzaek.de/fileadmin/PDFs/iza_pdf/IZA.pdf (Letzter Zugriff: 25.05.2021).
[17] Sanofi, Fachinformation Ultracain® D ohne Adrenalin, April 2017.
[18] Saraghi M, Golden LR, Hersh EV. Anesthetic Considerations for Patients on Antidepressant Therapy-Part I. Anesth Prog. 2017 Winter;64(4):253-261.
[19] Bandelow B et al., Deutsche S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen. (AWMF-Registernr. 051-028), April 2014 (abgelaufen). Online abrufbar unter: www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/051-028l_S3_Angstst%C3%B6rungen_2014-05-abgelaufen.pdf (Letzter Zugriff: 25.05.2021).
[20] Teoh L, Moses G und McCullough MJ, A review of drugs that contribute to bleeding risk in general dental practice. Aust Dent J. 2020 Jun;65(2):118-130.

Pharmazeutische Information

Ultracain® D-S. Ultracain® D-S forte. Ultracain® D ohne Adrenalin. Wirkstoffe: Articain-HCl, Epinephrin-HCl. Zusammens.: U. D-S u. U. D-S forte: 1 ml Inj.-Lsg. enth.: Arzneil. wirks. Bestandt. 40 mg Articain-HCl, 6/12 mg Epinephrin-HCl. Sonst. Bestandt.: NaCl, Wasser f. Inj.-zw. Ultracain D oh. Adrenalin zusätzl.: NaOH, Salzsäure 10% z. pH-Einst. D-S/D-S forte zusätzl.: Na-metabisulfit. D-S Amp. 1,7 ml zusätzl.: NaOH, Salzsäure 10% z. pH-Einst. Zuber. i. Mehrfachentn.-fl. zusätzl.: Methyl-4-hydroxybenzoat, Salzsäure 10% z. pH-Einst. Anw.-geb.: D-ohne Infiltrations- u. Leitungsanästhesie i. d. Zahnheilkunde. Eignet sich vor allem für kurze Eingriffe an Pat., d. aufgrund bestimmter Erkrank. (z. B. Herz-Kreislauf-Erkr. od. Allergie geg.d. Hilfsst. Sulfit) kein Adrenalin erhalten dürfen sowie z. Injekt. kleiner Volumina (Anwendung i. d. Frontzahnregion, im Ber. d. Gaumens). D-S: Routineeingriffe wie komplikationslose Einzel- u. Reihenextraktionen, Kavitäten- u. Kronenstumpfpräparat.
D-S forte: Schleimhaut- u. knochenchirurg. Eingr., pulpenchirurg. Eingr., Osteotomie, läng. dau. chirurg. Eingr., perkut. Osteosynth., Zystektomie, mukogingivale Eingr., Wurzelsp.-resekt. Gegenanz.: Überempf. gg Articain u. and. Lokalanästh. v. Säureamidtyp od. e. d. sonst. Bestandt. Wg Articain: Schw. Störg d. Reizbildgs- od. Reizleitgssyst. am Herzen, akut dekompens. Herzinsuff., schw. Hypotonie. U. D-S u. U. D-S forte zusätzl.: Sulfitüberempfindlichkeit bei Bronchialasthmatikern. Wg. Epinephringeh.: Engwinkelglaukom, SD-Überfkt, paroxysm. Tachykardie od. hochfreq. absol. Arrhythmien, Myokardinfarkt innerh. d. letzten 3–6 Mo., Koronararterien-Bypass innerh. d. letzten 3 Mo., gleichz. Einn. v. nicht-kardioselekt. Betablockern, Phäochromozytom, schw. Hypertonie, gleichz. Einn. v. trizykl. Antidepr. od. MAO-Hemmern (bis 14 Tage nach Ende der MAO-Behandlung), Anästh. d. Endglieder von Extremitäten. Intravenöse Inj. Zusätzl. f. Mehrf.-entn.-fl.: Parabenallergie. Warnhinw. u. Vorsichtsmaßn.: Arzneimittel für Kinder unzugängl. aufbewahren. Die Fl./Amp. im Umkarton aufbewahren, um Inh. v. Licht zu schützen. Zusätzl. Zuber. i. Mehrfachentn.fl.: Nicht über 25°C lagern. Nach Anbr. 2 Tage haltbar. Nebenw.: Immunsyst.: nicht bek.; Überempf.-reakt. (ödemat. Schwellg./Entzündg d. Inj.-st., Rötg., Juckreiz, Konjunktivitis, Rhinitis, Gesichtsschwellg, Angio-, Glottisödem m. Globusgef. u. Schluckbeschw., Urtikaria, Atembeschw. bis anaphylakt. Schock. Nerven: häufig: Parästhesie, Hypästhesie. Gelegentl.: Schwindel. Nicht bek.: dosisabh. ZNS-Störg w. Unruhe, Nervosität, Stupor, Benommenh., Koma, Atemstörung (bis -stillstand), Msklzittern u. -zucken (bis generalis. Krämpfe), Nervenläsionen b. fehlerh. Injektionstechn. o. anatom. Verhältn.: Fazialisparese, Geschmacksempfindl.vermind. Augen: nicht bek.: Sehstör. i. Allg. vorübergeh. Herz u. Gefäße: nicht bek.: Hypotonie, Bradykardie, Herzversagen, Schock (u.U. lebensbedrohl. GIT: häufig: Übelk., Erbrechen. Zusätzl. U. D-S u. U. D-S forte: Nerven: häufig: Kopfschm. Herz u. Gefäße: gelegentlich: Tachykardie. Allg. Erkr.: nicht bek.: b. versehentl. intravas. Inj. ischämische Zonen i. Inj.-ber. bis z. Nekrose. Hinweise: Selten: Natriummetabisulfit kann Überemf.-reakt. u. Bronchspasmen auslösen m. Erbrechen, Durchf., keuch. Atmg, ak. Asthmaanfall, Bewusstseinsstörg, Schock. Überempf.-reakt. auf Methyl-4-hydroxybenzoat (auch Spätreakt.), selten Bronchospasmen. Verschreibungspflichtig.

Sanofi-Aventis Deutschland GmbH, 65296 Frankfurt am Main.
Stand: Ultracain D-S/D-S forte: September 2020. Ultracain D ohne Adrenalin: April 2017