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Nachbericht zur DG PARO-Jahrestagung

Herausforderungen im Frontzahnbereich

Die Jahrestagung der DG PARO fand in diesem Jahr vom 19. bis zum 21. September im Kongresszentrum in Darmstadt statt. Nach Angaben des Veranstalters waren etwa 900 Besucher in das Darmstadtium gekommen, um sich unter dem Tagungsmotto „Ästhetik in der Parodontologie“ besonders mit parodontologischen und implantologischen Herausforderungen im Frontzahnbereich auseinanderzusetzen. Die Referenten beleuchteten die Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven anhand neuer Forschungsergebnisse, evidenzbasierter Therapieverfahren und praktischer klinischer Erfahrungen.

Die erste Session stellte den Frontzahn „mit tiefer Tasche“ als das dem Kongressmotto zugrunde liegende Problem vor. Prof. Dr. Wim Teughels (BE-Leuven) erläuterte die Möglichkeiten der nicht chirurgischen Therapie auf Basis der aktuell verfügbaren Evidenz, die derzeit von Arbeitsgruppen der European Federation of Periodontology (EFP) in systematischen Reviews aufbereitet wird. Neben dem klassischen mechanischen Biofilmmanagement im Sinne des Scalings und Root Planings zeigte er die Möglichkeiten adjunktiver antiinfektiöser Therapie auf. Besonders hervorgehoben wurden systemische Antibiotika, für deren verantwortungsbewussten Einsatz der Referent plädierte, und Probiotika als eventuell ähnlich wirksame Therapieergänzung. Das Ziel sollte dabei sein, wann immer möglich auf chirurgische Verfahren verzichten zu können und dem Patienten damit die Beeinträchtigung der Lebensqualität unmittelbar durch ggf. invasive Maßnahmen und durch die Ausbildung ästhetisch störender Gingivarezessionen als mögliche Folge der parodontalen Chirurgie zu ersparen.

Prof. Dr. Hannes Wachtel (München) gab einen historischen Überblick über die Entwicklung der Parodontalchirurgie seit den 1980er-Jahren hin zu aktuellen minimalinvasiven Techniken. Prof. Dr. Martina Stefanini (IT-Bologna) stellte darauf aufbauend Perspektiven vor, wie die Grenzen des Zahnerhaltes und der Bewahrung oder Wiederherstellung der Frontzahnästhetik im Bereich der Weichgewebe in Zukunft weiter verschoben werden können.

Erfolgsfaktor optimale Wundstabilität post OP

Im weiteren Verlauf des Freitags wurden Ansätze verschiedener zahnmedizinischer Disziplinen zur Lösung des zentralen ästhetischen Problems im Frontzahnbereich diskutiert, dem Verlust des gingivalen Gewebes als Folge einer fortgeschrittenen Parodontitis und den daraus entstehenden Rezessionen sowie „schwarzen Dreiecken“ im Approximalraum. Prof. Dr. Gabriel Krastl (Würzburg) und Dr. Johannes Boldt (Düsseldorf) stellten ästhetisch gleichermaßen überzeugende restaurative Optionen zur Verkleinerung der Interdentalräume vor. Deutlich wurde der unterschiedliche Behandlungsaufwand zwischen dem direkten Verfahren mit Kompositen und dem indirekten Vorgehen mit Keramik.

  • Die Posterpräsentation mit 26 wissenschaftlichen Beiträgen wurde von den Tagungsteilnehmern interessiert verfolgt.
  • An den Hands-on-Kursen wurde mit viel Freude und Interesse teilgenommen.
  • Die Posterpräsentation mit 26 wissenschaftlichen Beiträgen wurde von den Tagungsteilnehmern interessiert verfolgt.
  • An den Hands-on-Kursen wurde mit viel Freude und Interesse teilgenommen.

Prof. Dr. mult. Anton Sculean (CH-Bern) und Dr. Francesco Cairo (IT-Florenz) bestätigten anhand eindrucksvoller klinischer Fälle und aus der Literatur heraus das Potenzial der derzeit in der plastisch rekonstruktiven Parodontalchirurgie konkurrierenden Konzepte der Tunnelierungstechnik und der Lappentranspositionstechnik (koronal und lateral verschobene Lappen). Erfolgsfaktor für beide Ansätze ist eine chirurgische Vorgehensweise, die bei spannungsfreiem Wundverschluss zu einer optimalen Wundstabilität besonders in den ersten 10 Tagen post OP führt. Dies war eine der Kernforderungen, die sämtliche chirurgisch orientierten Vorträge wie ein Leitmotiv begleitete.

Vertikale parodontale Knochendefekte als Chance

Im Mittelpunkt der letzten Session am Freitag stand der Umgang mit dem stark parodontal geschädigten Frontzahn. Immer wieder faszinieren die klinischen Falldarstellungen von Prof. Dr. Pierpaolo Cortellini (IT-Florenz) zum Erhalt angeblich hoffnungsloser Zähne, vor allem dann, wenn man dies mit dem oft großzügig gehandhabten Ersatz bei Weitem weniger geschädigter Zähne durch Implantate in verschiedenen anderen Publikationen vergleicht. Ausgehend von den chirurgischen Grundlagen zur regenerativen Parodontalchirurgie, deren Weiterentwicklung seit den 1990er-Jahren der Referent u.a. in einer Reihe von eigenen Publikationen dokumentiert hat, wurde die Indikationsstellung für die Wahl des erfolgversprechendsten chirurgischen Zugangs und der regenerativen Materialien geschildert. Der Vortrag schloss mit dem Appell, vertikale parodontale Knochendefekte weniger als Problem, sondern mehr als Chance für eine Therapie zu betrachten. Leider bleiben auch in Zukunft trotzdem Ausgangssituationen, in denen kein Zahnerhalt mehr möglich erscheint. Prof. Dr. Stefan Fickl (Fürth) zeigte mit den Techniken der Ridge Preservation Möglichkeiten auf, wie durch eine schonende Extraktionstechnik und besonders durch den maximalen Erhalt von Hartund Weichgeweben in der Heilungsphase nach Zahnextraktion die Voraussetzungen für einen auch ästhetisch zufriedenstellenden Implantatersatz geschaffen werden können.

Im Vortrag von Prof. Dr. Dr. Henning Schliephake (Göttingen) wurden die speziellen Bedingungen für knöcherne Augmentationen im parodontal vorgeschädigten Gebiss thematisiert, nämlich eine langsamere Knochenneubildung und die ständige Gefährdung der Wundheilung durch parodontale Pathogene.

Vom Fokus Ästhetik zur Implantologie

Am Kongresssamstag standen implantologische Themen im Vordergrund. In der ersten Sitzung am Morgen wurden ästhetische Probleme mit Implantaten beleuchtet. PD Dr. Arndt Happe (Münster) ging auf mögliche Fehlpositionierungen von Implantaten gerade im Frontzahnbereich ein und betonte den Stellenwert einer korrekten Planung bezüglich Implantatdurchmesser, Insertionstiefe, Angulation und dem Abstand zu Nachbarzähnen. Häufig lasse sich die Fehlpositionierung, die sich auch infolge eines zum Implantationszeitpunkt noch nicht abgeschlossenen Kieferwachstums sekundär entwickeln könne, nur durch Explantation und Neuversorgung nach oft umfangreichen augmentativen Maßnahmen korrigieren.

Dr. Rino Burkhardt (CH-Zürich) ergänzte die Aussagen seines Vorredners besonders mit weiteren Aspekten zu periimplantären Rezessionen, die eine Folge von Fehlpositionierung, dem Defizit an vestibulärem Knochen und Weichgewebe, des kompromittierten parodontalen Zustands der Nachbarzähne und einer nicht ausreichend atraumatischen Operationstechnik sein können. Sehr ausführlich wurde der Stellenwert einer ausreichenden Patientenberatung und der gemeinsamen Entscheidungsfindung über die Therapieplanung hervorgehoben. Häufig entstehe beim Patienten die Wahrnehmung einer Behandlungskomplikation oder eines Misserfolges, da unvermeidbare Begleitumstände und realistische Therapieergebnisse nicht ausreichend kommuniziert worden wären.

Prof. Dr. Frank Schwarz (Frankfurt a. M.) erläuterte sein über Jahre entwickeltes systematisches Konzept zum Umgang mit periimplantären Infektionen als Ursache ästhetischer Komplikationen. Komplizierte Ausgangssituationen ergeben sich beim Fehlen mehrerer Zähne im Frontzahnbereich wegen eines häufig stärker ausgeprägten dreidimensionalen Knochendefizits. PD Dr. Dr. Markus Schlee (Forchheim) berichtete über sein Therapiekonzept zur Kammrekonstruktion mit unterschiedlichen Ersatzmaterialien, Dr. Jochen Tunkel (Bad Oeynhausen) stellte dem die Techniken zur Verwendung autologen Knochens gegenüber. Prothetische Aspekte, die vor allem bei der Therapieplanung zur Vermeidung späterer ästhetischer Komplikationen zu beachten sind, wie etwa die ideale Implantatposition, bildeten wiederum den Schwerpunkt des Vortrages von Prof. Dr. Stefan Wolfart (Aachen).

Neben dem wissenschaftlichen Hauptprogramm wurde der Kongress durch wissenschaftliche Kurzvorträge und Posterpräsentationen zu aktuellen Forschungsaktivitäten, Symposien und praktische Arbeitskurse der Industriepartner, auch für das Praxisteam, abgerundet.

„Battle of Concepts“

Als neues Format wurde zum Schluss des Kongressprogramms ein „Battle of Concepts“ in Zusammenarbeit mit Experten der European Association for Osseointegration (EAO) vorgestellt. Anhand eines von Prof. Fickl vorgegebenen Patientenfalls mit zwei stark kompromittierten oberen Schneidezähnen loteten Dr. Laurence Adriaens (BE-Gent), Dr. Sven Mühlemann (CH-Zürich) und Dr. Jose Manuel Navarro (Las Palmas/Gran Canaria) die Möglichkeiten des parodontologischen Zahnerhaltes, einer konventionellen Brückenversorgung oder einer implantologischen Lösung aus. Das Publikum war überrascht, als Prof. Dr. Fickl abschließend seinen, gegenüber den teils sehr invasiven Therapievorschlägen eher zurückhaltend erscheinenden, im Wesentlichen kieferorthopädischen Behandlungsansatz zeigte. Einmal mehr wurde der Blick dafür geschärft, dass häufig interdisziplinäre Wege eingeschlagen werden sollten.

Fazit

  • Neue DG PARO-Präsidentin Prof. Dr. Bettina Dannewitz und Tagungspräsident Prof. Dr. Moritz Kebschull.

  • Neue DG PARO-Präsidentin Prof. Dr. Bettina Dannewitz und Tagungspräsident Prof. Dr. Moritz Kebschull.
    © DG PARO
Das treffendste Resümee der Tagung wurde vom Tagungspräsidenten Prof. Dr. Kebschull und der neuen Präsidentin der DG PARO, Prof. Dr. Dannewitz, eigentlich schon in der Begrüßung der Kongressbesucher am Freitagvormittag gezogen: Das Thema „Ästhetik in der Parodontologie“ lädt dazu ein, sich mit den Wünschen und Ansprüchen der Patienten an unsere Therapie vertieft auseinanderzusetzen. Für die Patienten steht sicherlich ebenso wie für uns der langfristige Zahnerhalt als Erfolgskriterium im Vordergrund. Surrogate Endpoints (Ersatzendpunkte) wie Sondierungstiefen, klinische Attachmentlevel und Blutungsindizes, deren Verbesserung im vielleicht statistisch signifikanten, aber klinisch sehr häufig völlig irrelevanten Ausmaß als Ergebnis einer teilweise immer aufwendiger werdenden Therapie gemessen werden kann, sind unseren Patienten eher gleichgültig. Hier zählt vielmehr der durch unsere Therapie zu erreichende Gewinn an Lebensqualität (auf die Mundgesundheit bezogener), und hierfür entscheidend sind das für den Patient sichtbare, möglichst ästhetische Ergebnis und der Weg, der zu diesem Ergebnis führt. Bei der Wahl des richtigen Weges sollte nicht nur auf das klinisch Machbare, sondern auch auf die Komplikationsdichte des Therapieansatzes, die unweigerlich als Begleiterscheinung chirurgischer Verfahren vorkommenden Beschwerden und die Dauer der Therapie geachtet werden.

Die nächste DG PARO-Jahrestagung findet vom 17. bis 19. September 2020 in Stuttgart unter dem Motto: „Parodontale Therapie im Wandel“ statt. 

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Prof. Dr. Peter Hahner


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