Event-Berichte

71. Winterfortbildungskongress der ZKN

Parodontologie und Implantologie – aktuelle Erkenntnisse

Tagungspräsident Prof. Dr. Thomas Attin (Zürich) führte gewohnt souverän und eloquent durch das spannende Programm. Einwandfreie Übertragung auf das Endgerät iPad....
Tagungspräsident Prof. Dr. Thomas Attin (Zürich) führte gewohnt souverän und eloquent durch das spannende Programm. Einwandfreie Übertragung auf das Endgerät iPad....

Wieder einmal ist es der Zahnärztekammer Niedersachsen (ZKN) mit ihrem Tagungspräsidenten Prof. Dr. Thomas Attin (Zürich) gelungen, vom 1. bis 3. Februar 2024 einen fulminanten, rein digitalen Kongress zu organisieren, der mit national und international hoch angesehenen Referenten/-innen aus Hochschule und Praxis interessante Themen aus Parodontologie und Implantologie praxisnah adressierte. „Take-home-messages“ eines jeden Vortrags und die nun 6 Wochen in der Mediathek abrufbaren Vorträge gewährleisten zusätzlich, dass die Teilnehmer/-innen viele Erkenntnisse erfolgreich in ihr Praxis-Umfeld einbringen können.

Neuer Lebensstil macht die Plaque pathogen

  • … und auch am PC, während des Vortrags von Prof. Dr. Johan Wölber (Dresden): „Veggi muss auch nicht immer gut sein“.

  • … und auch am PC, während des Vortrags von Prof. Dr. Johan Wölber (Dresden): „Veggi muss auch nicht immer gut sein“.
    Screenshot ©Oßwald-Dame, ©Folie Wölber
Ernährung in der Parodontologie – wichtiger als Plaque? „Das ist schon provokativ formuliert,“ so Prof. Dr Johan Wölber, gerade frisch berufen an das Universitätsklinikum Dresden. Der Titel basiere aber darauf, dass einerseits Gingivitis als Plaque-induzierte Erkrankung sehr gut bewiesen ist und Zahnreinigung deshalb benötigt wird, andererseits es aber nicht stimmt, dass Zahnbelag immer mit Entzündung einhergeht. Hier verwies Wölber auf die Studienerkenntnisse zu den Auswirkungen der Steinzeitdiät auf die Gingivaverhältnisse bei fehlender Mundhygiene [1].

Allerdings sei ernährungsmäßig seit der Steinzeit viel passiert. Mit der industriellen Revolution hat der Homo sapiens angefangen, Pflanzen zu prozessieren, Antioxidantien und Ballaststoffe aus der Ernährung zu entfernen und auf industriell hergestellten Zucker und Zigaretten zu setzen. „Wir machen damit durch unseren neuen Lebensstil die Plaque pathogen“, so Wölbers Quintessenz. 

Positiver Einfluss unter antientzündlicher Ernährung

Die Risikofaktoren für Parodontitis sind ein ätiologischer Komplex, aber selbst, wenn man z.B. gegen die Genetik machtlos ist, kann man sich wirkungsvoll auf die Verhaltensfaktoren Rauchen und Ernährung fokussieren. „Was wir essen, ist neutral, anti- oder proinflammatorisch und darüber können wir modellieren.“

In der Patientenkommunikation empfiehlt er, bei der Ernährungsberatung das Wort „verzichten“ zu streichen, stattdessen das Wort „vermeiden“ zu sagen. Auch der Hinweis, dass Ernährung nicht nur antientzündlich, sondern gleichzeitig gewichtsreduzierend wirkt, sei nützlich.

Obst und Gemüse, Omega-3-Fettsäuren (Fisch) – evtl. auch als adjunktive Therapie, Algenöl (!), Ballaststoffe, Antioxidantien (Blaubeeren), Koffein (Kaffee ohne Milch und Zucker), gemäß der WHO-Empfehlung nur bis zu 25 g Zucker pro Tag, Proteine und grüner Tee (wirkt vergleichbar mit CHX) stehen u.a. auf der Liste seiner Ernährungsempfehlungen. Omega-6-Fettsäuren, wie in Rapsöl oder Fleisch aus Stalltierhaltung enthalten, dagegen nicht, da deren Fettstoffwechselprodukte entzündungsfördernd sind. Pflanzenbasierte Vollwertkost sei besser als „Veggi“, da „Veggi“ prozessierte Stoffe und Junk-Food enthalten kann.

Parodontitis möglichst frühzeitig erkennen 

Wie erkenne ich Parodontitis-Patienten, bevor es zu spät ist? Dieser nicht einfachen Frage ging Prof. Dr. Christof Dörfer, Kiel, nach und erläuterte, dass eine erfolgreiche Parodontitis-Behandlung auf Früherkennung und Nachhaltigkeit beruht. Für eine Früherkennung muss ein Screening verdachtsunabhängig erfolgen.

In diesem Zusammenhang bringt eine strukturierte Befragung, wie sie mit der DG PARO-App PSI einfach durchführbar sei, überraschend präzise Ergebnisse. Dörfer führte aus, dass der PSI den besten Kompromiss für die klinische Früherkennung darstellt, molekulare Tests dagegen keine substanziell besseren Erkenntnisse als klinische Screeningverfahren bieten.

Darüber hinaus stellen Dysbiose-Indizes aus seiner Sicht eine vielversprechende Strategie zur Früherkennung von Parodontitis dar [2]. Dafür seien allerdings große Fallzahlen von mehr als 10.000 vor dem Routineeinsatz in der Praxis erforderlich.

Nicht-chirurgische PA-Therapie mit teils einfachen Mitteln optimieren

Die nicht-chirurgische Parodontitistherapie optimieren, um ein chirurgisches Eingreifen zu vermeiden – das geht nach wie vor am besten mit Prophylaxe. Dafür gilt es zunächst, das Pflichtenheft der supra- und subgingivalen Initial- und Hygienephase konsequent abzuarbeiten. Bei einem Reinigungserfolg nach der Formel Initial PPD geteilt durch 2 plus 1 bietet sich zusätzlich die Möglichkeit zur Kür, denn es müsse optimiert werden, was Kürette und Scaler machen.

Diesem Thema widmete sich Prof. Dr. Patrick Schmidlin aus Zürich in seinem Referat „Nicht chirurgische Parodontitistherapie: Pflicht oder Kür?“ Möglichkeiten zur Kür sind die supragingivale Kontrolle des supragingivalen Biofilms durch die Patienten/-innen mit Zahnbürste und Interdentalbürste, weiteren Interndentalreinigungsinstrumenten, antiseptischer Zahnbürste und Mundspülung [3]. Hinsichtlich der subgingivalen Instrumentierung gibt es die Möglichkeiten „Chemie und Gadgets (Airflowing und PVP-Iodid), „Heilungsbooster“ (Flapless: Schmelz-Matrix-Derivate) oder „klinische Tricks“ (Züricher Tunnel-Technik) wirkungsvoll einzusetzen. Eine Schienung zur Besserung der Funktion und die individuelle Ausgestaltung mit z.B. sogenannten Putzfüsschen hat sich darüber hinaus sehr bewährt. 

Assoziationen zwischen Allgemeinerkrankungen und Parodontitis haben Konsequenzen

Einmal mehr wurde deutlich, dass es Interaktionen zwischen Parodontitis und Allgemeinerkrankungen gibt. Dazu führte Prof. Dr. James Deschner, Mainz, u.a. aus, dass Adipositas, metabolisches Syndrom und rheumatoide Arthritis mit Parodontitis assoziiert sind und postmenopausale Frauen mit Osteoporose oder Osteopenie mehr Attachmentverlust haben [4]. Des Weiteren korrelieren chronisch-entzündliche Darmerkrankungen mit oralen Läsionen (bei 6 bis 20% der Erkrankten), Parodontitis, erhöhtem DMFT und Zahnverlust.

Zudem wurde eine schwache bis moderate, altersabhängige und evtl. geschlechtsabhängige Assoziation von Parodontitis mit Atherosklerose und kardiovaskulären Erkrankungen nachgewiesen. So geht eine Parodontitis einher mit einer größeren (im Mittel 0,08 mm) Intima-Media-Wanddicke der A. carotis, einer schlechteren Endothelfunktion und einem erhöhten Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und periphere arterielle Verschlusskrankheit. 

Weiter konnte eine Assoziation zwischen chronischer Parodontitis und vaskulärer erektiler Dysfunktion gefunden werden (möglichweise ein wichtiges Argument bei Männern mit weniger Compliance für eine Parodontitistherapie). Eine starke Assoziation liegt zwischen Parodontitis und Frühgeburtlichkeit/Untergewichtigkeit von Neugeborenen vor – aber kein eindeutiger Beweis, dass eine Parodontitistherapie diese Risiken senkt. Eine nicht-chirurgische Parodontitistherapie bei Schwangeren gilt im 2. Trimenon als sicher.

Interaktionen beeinflussen gesamten Behandlungsverlauf

Da jeder 10. Erwachsene bei seiner Anamnese einen Diabetes mellitus angeben müsste, ist das für Zahnarztarztpraxen eine relevante Erkrankung. Diabetiker haben eine erhöhte Prävalenz, Inzidenz, Schweregrad und beschleunigte Progression für Parodontitis. Hier ist entscheidend zu wissen, ob der Diabetes gut eingestellt ist. Das spiegelt der HbA1c-Wert wider, der unter 7 liegen sollte.

Nachgefragt werden sollte auch nach Folge- und Begleiterkrankungen. Eine erfolgreiche PA-Therapie ist auch bei Diabetes möglich, was wiederum positiv den Diabetes beeinflusst: Es konnte eine Senkung des HbA1c-Wertes um ca. 0,4 Prozentpunkte nach PA-Therapie ohne Antibiotikum nachgewiesen werden. Auch Lebererkrankungen sind mit Parodontitis assoziiert und auch hier geht man von Wechselwirkungen aus.

Bei der zahnmedizinischen Behandlung muss beachtet werden, dass die Mundgesundheit bei diesen Patienten/-innen allgemein reduziert ist, es Probleme bezüglich der Blutgerinnung und Medikation geben kann und ggf. eine Ansteckungsgefahr (virale Hepatitiden) vorliegt. Zwischen Morbus Parkinson, Demenz und Alzheimer und Parodontitis, Zahnverlust, schlechter Mundhygiene und Karies ist ebenso ein Zusammenhang bekannt – und noch zu klären, ob kausaler und/oder non-kausaler Art. Typische Probleme, die für die ZA-Praxis eine Rolle spielen, sind bei diesen Patienten/-innen der Gedächtnisverlust, die Gefahr des Verschluckens/Aspiration (deshalb nicht mit zu viel Wasser kühlen, Stuhl nicht zu stark neigen), Mundtrockenheit, depressives oder aggressives Verhalten und eine eingeschränkte Motorik.

Das Fazit: Diese Interaktionen haben Konsequenzen für Anamnese, Diagnostik, Therapie und Nachsorge. Zu beachten sind deshalb bspw. die besondere Aufklärung der betroffenen Patienten/-innen, die Veränderung von pharmakokinetischen und -dynamischen Eigenschaften von Antibiotika und ein erhöhtes Risiko für postoperative Infektionen bei bestimmten Krankheitsbildern. Ebenso von wichtiger Bedeutung ist zudem die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Zahnmedizin und Medizin.

Implantate in ästhetischer Zone benötigen ausreichend Knochen und Weichgewebe

Zum Thema „Implantate in der ästhetischen Zine – optimales Weichgewebsmanagement“ gab es zahlreiche Tipps von Prof. Dr. Stefan Fickl, Fürth. Zunächst sei in der ästhetischen Zone der Zahnerhalt immer ein Aspekt und der Blick auf die anderen Fächer der Zahnheilkunde wie Kieferorthopädie, Kons und Weitere könnten helfen, in bestimmten Situationen Implantate zu vermeiden.

Außerdem ist es bei einer Implantation wichtig, sich bereits im Vorfeld um die Ästhetik und das Weichgewebe zu kümmern, Qualität und nicht nur Quantität des Weichgewebes sind entscheidend. „Implantate haben ihren Ausgang in der Gingiva“, so Fickl.

Er appellierte an die Zuhörer/-innen, sich von den Versprechungen einer verführerisch daherkommenden Sofortimplantation nicht ins Boxhorn jagen zu lassen und alle Aspekte in diesem Zusammenhang zu beachten. Zwar sei es für die Ästhetik der Gingiva gut, keine großen Lappen zu haben, dafür wurden aber nach Sofortimplantation auch 3-fach höhere Frühkomplikationen und doppelte Spätkomplikationen nachgewiesen [5]. Zum Zeitpunkt einer Extraktion funktioniere eine Augmentation gut, eine Ridge/Socket Preservation reduziert horizontale und (vertikale) Gewebsschrumpfungen, und ein gutes Knochenfundament nach der Extraktion ist ein entscheidender Faktor, um die Weichgewebshöhe zu erhalten. 

GBR + Hyaluronsäure: beschleunigte Wundheilung und geringere Schrumpfung des Augmentats

Fickl wendet in seiner Praxis nach der Extraktion das GBR-Verfahren (Guided Bone Regeneration) zum Zeitpunkt der Extraktion sehr erfolgreich an. Dazu klappt er auch auf, um die Ränder der Extraktion genau zu sehen. In der Literatur bestätigter bester Effekt entsteht in diesem Kontext durch die Verwendung von xenogenen oder allogenen Materialien, abgedeckt durch eine Kollagenmembran.

„Knochenersatzmaterialien mit autologen Knochenchips mischen, das würden wir gerne sehen – biologisch ist bovin nicht so toll“, dennoch eine gute Alternative zur aufwändigen Entnahme für autologes Material. Da das Knochenersatzmaterial Wunddruck (Schwellung), Naht und Lippendruck ausgesetzt ist und Stabilität benötigt, stabilisiert Fickl das Material mit Osteosyntheseschrauben. Das Knochenersatzmaterial aktiviert er außerdem mit Hyaluronsäure, seiner Meinung nach ein Boostern oder Impfen, nicht Biologisieren.

Eine aktuelle Studie zeigte, dass eine GBR mit Hyaluronsäure die Wundheilung beschleunigt und das Augmentat weniger schrumpft [6]. Das Wichtigste ist seinen Ausführungen zufolge, den Wundverschluss über die Zeit gut zuzuhalten und erst nach 5 bis 6 Monaten weiter zu behandeln. Ein Augenmerk sollte auf dem Provisorium liegen, das nach unten schlank gestaltet (konkave Kontur) sein muss, damit es keinen Druck auf das Gewebe ausübt.

  • Bindegewebstransplantat (BGT) und koronaler Verschiebelappen (KVL) können als Goldstandard bei der Behandlung von singulären und multiplen Rezessionen angesehen werden, so Prof. Dr. Dr. h.c. Adrian Kasaj (Mainz).

  • Bindegewebstransplantat (BGT) und koronaler Verschiebelappen (KVL) können als Goldstandard bei der Behandlung von singulären und multiplen Rezessionen angesehen werden, so Prof. Dr. Dr. h.c. Adrian Kasaj (Mainz).
    Screenshot ©Oßwald-Dame, ©Folie Kasaj
Zahlreiche weitere Vorträge und Seminare boten interessante Einblicke in die moderne Parodontologie und Implantologie. Deshalb mein Tipp: Den 72. Winterfortbildungskongress – Digital vom 6. bis 8. Februar 2025 vormerken, Thema dann die Funktionstherapie und Sportzahnmedizin.


Literatur:

[1] Baumgartner S, Imfeld T, Schicht O, Rath C, Persson RE, Persson GR. The impact of the stone age diet on gingival conditions in the absence of oral hygiene. J Periodontol. 2009; 80 (5): 759-68. doi: 10.1902/jop.2009.080376.

[2] Chen T, Marsh PD, Al-Hebshi NN. SMDI: An Index for Measuring Subgingival Microbial Dysbiosis. J Dent Res. 2022; 101 (3): 331-338. doi: 10.1177/00220345211035775.

[3] Schmidlin P, Mendolera M. Mundhygiene-Intensivprogramm zur Diagnostik und (Vor)Behandlung von gingivalen Schleimhautrötungen und -schwellungen. Swiss Dental Journal SSO 5-2023; Vol 133: 320-321.

[4] Penoni DC, Fidalgo TK, Torres SR, Varela VM, Masterson D, Leão AT, Maia LC. Bone Density and Clinical Periodontal Attachment in Postmenopausal Women: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Dent Res. 2017; 96 (3): 261-269. doi: 10.1177/0022034516682017.

[5] Garcia-Sanchez R, Dopico J, Kalemaj Z, Buti J, Pardo Zamora G, Mardas N. Comparison of clinical outcomes of immediate versus delayed placement of dental implants: A systematic review and meta-analysis. Clin Oral Implants Res. 2022; 33 (3): 231-277. doi: 10.1111/clr.13892.

[6] Kauffmann F, Fickl S, Sculean A, et al. Alveolar ridge alterations after lateral GBR with and withouthyaluronic acid (xHyA) - a prospective randomized trial withmorphometric and histomorphometric evaluation. Quintessence Int. 2023; 0 (0): 0. Epub 20230622.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Ulrike Oßwald-Dame


infotage FACHDENTAL in Leipzig
IF24 LP TEXT AD 290x193px  002

Treffen Sie die Dentalbranche vom
01.03. - 02.03.2024 auf der infotage FACHDENTAL Leipzig. Auf der wichtigsten Fachmesse für Zahnmedizin und Zahntechnik in der Region entdecken Sie die neuesten Produkte und Dienstleistungen der Branche. 

infotage FACHDENTAL in München
IF24 MUE TEXT AD 290x193px

Treffen Sie die Dentalbranche vom
15.03. - 16.03.2024 auf der infotage FACHDENTAL München. Auf der wichtigsten Fachmesse für Zahnmedizin und Zahntechnik in der Region entdecken Sie die neuesten Produkte und Dienstleistungen der Branche. 

Neu: das ePaper der ZMK ist jetzt interaktiv
Banner ZMK 1 2 red Box

Lesen Sie die ZMK jetzt digital mit vielen interaktiven Funktionen. Das ePaper erhalten Sie durch Abonnieren unseres kostenlosen Newsletters.