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Akupunktur für Zahnärzte

Die Mikro-Aku-Punkt-Systeme (MAPS).
Die Mikro-Aku-Punkt-Systeme (MAPS).

Notwendige Fachkenntnisse für die Anwendung in der Zahnmedizin können interessierte Kollegen in speziellen Fortbildungskursen gezielt erlernen. Für einen guten Einstieg mit den wichtigsten Schwerpunktthemen finden 2 Termine statt: Am 21. und 22. Oktober 2022 sowie am 11. und 12. November 2022 im Philipp-Pfaff-Institut in Berlin. Die strukturierte Fortbildung zum Thema „Akupunktur für Zahnärzte“ nach den bewährten Punktekombinationen von Dr. Jochen Gleditsch lässt viel Raum für praktische Übungen. Nachstehend beschreibt Dr. Hans Ulrich Markert die komplementäre Schmerztherapie in der Zahnmedizin.

Die Schmerztherapie – wie überhaupt die Einstellung zum Schmerz – gewinnt seit Jahrzehnten einen zunehmenden Stellenwert. Hierbei spielt die Zunahme funktioneller, oftmals psychosomatisch überlagerter Störungen eine wesentliche Rolle. Dieser Herausforderung können wir heute mit weit mehr Methoden begegnen als einzig der Symptomdämpfung durch Medikamente mit deren bekannten Nebenwirkungen.

Aus der Schmerzforschung kommt das Postulat, jeden Schmerz so früh wie möglich zu behandeln, um einer Chronifizierung vorzubeugen. Viele der älteren Zahnärzte beklagen, dass die Ziffer „Heilinjektion“ aus der Gebührenordnung entfallen ist.

Wer die Wirkung einer gezielten Heilinjektion (Lokalanästhetika ohne Vasokonstriktor) kennt, mag auf diese so einfache und effektive Maßnahme nicht verzichten. Leider wird dieses Verfahren in der zahnmedizinischen Ausbildung kaum noch erwähnt.

Akupunktur als Bereicherung der Schmerztherapie

Die Anwendung von Lokalanästhetika weit über die analgetische Wirkung hinaus geht primär auf C. L. Schleich zurück und wurde von Ferdinand Huneke zu einer Methode entwickelt – der Neuraltherapie. Huneke beschrieb unerwartete Fernwirkungen als Folge von Lokalanästhetika-Injektionen an Narben bzw. Störfelder („Herde“) des Organismus. Heute ist die antiinflammatorische Wirkung der Lokalanästhetika wissenschaftlich nachgewiesen.

Während in der Neuraltherapie die am Störfeld gesetzte Injektion auf jeden beliebigen pathologischen Prozess im Körper einwirken kann, bietet die Akupunktur – dank ihrer systemischen Zuordnung von topographisch definierten Punkten – reproduzierbare Therapieeffekte. Die Akupunktur erweist sich als Bereicherung der Schmerztherapie und wird heute in Schmerzambulanzen weltweit eingesetzt. Die Fernwirkung von speziellen Punkten aus ist keineswegs nur analgetisch, sondern auch spasmolytisch, was z.B. für die Therapie der craniomandibulären Dysfunktion (CMD) von Bedeutung ist; darüber hinaus wirkt die Akupunktur vegetativ harmonisierend.

Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) ist seit 50 Jahren durch westliche Erfahrungen in ihren Möglichkeiten und Indikationen erweitert worden: so durch die Ohrakupunktur (Aurikulotherapie nach Nogier), die Schädelakupunktur (YNSA nach Yamamoto) und die von Gleditsch entwickelte enorale Reflextherapie (Mundakupunktur). Es handelt sich um auf umgrenztem Areal verdichtete Systeme, sogenannte Mikrosysteme (MAPS = Mikro-Aku-Punkt-Systeme), in denen sich die Vielzahl der Funktionen des Organismus punktuell repräsentiert findet.

Diese MAPS machen die informative Vernetzung offensichtlich, die sich zwischen den verschiedenen Funktionen als autoregulative Wechselwirkung abspielt: Die gleichzeitig an analogen Punkten mehrerer MAPS auftretende Signalmeldung – nachweisbar durch verändertes elektrisches Potenzial und erhöhte Sensibilität am Punkt – braucht nur an einem der MAPS therapiert zu werden, um zeitgleich die Analogpunkte an anderen MAPS zu deaktivieren bzw. „auszulöschen“. Eine Therapie an Punkten mehrerer MAPS verstärkt die Wirkung. Auch die Kombination mit klassischer Körperakupunktur bessert die Chancen. 

Die aus den beschriebenen Phänomenen ablesbare systemische Vernetzung – über die bekannten Punkte und Bahnen der traditionellen Akupunktur bzw. über die MAPS – weist über reflektorische Erklärungen hinaus. Sie bezeugt die informativ gesteuerte Wechselwirksamkeit auch fern voneinander ablaufender Funktionen zum Zwecke gegenseitiger Kompensation und Regulation. Hierbei eignen sich die signalartig reagierenden Punkte gleichermaßen als diagnostische „Outputs“ wie auch als therapeutische „Inputs“.

Auf diese Doppelrolle spezifischer Punkte der Körperoberfläche hat bereits vor über 100 Jahren Head, der Entdecker der Segmente, hingewiesen: Er bezeichnete solche in den Segmentetagen gelegene, topographisch definierte Signalspots als „Maximalpunkte“. Diese sind – wie heute nachgewiesen – in der Mehrzahl mit klassischen Akupunkturpunkten identisch. 

Die Besonderheit der Retromolarregion

Für die Mundakupunktur gilt, dass die therapeutischen Möglichkeiten ihr Optimum haben in der Retromolarregion, einem besonderen Reflexareal. Die breite Wirkung der Retromolartherapie bei der CMD ist belegt durch klinische Studien an den Kieferkliniken Wien und München, ebenso wie durch die über 40-jährige Erfahrung von Gleditsch und die Rückmeldungen von Hunderten in Seminaren geschulten Zahnärzten. Mittels gezielter Injektionen an Schleimhautpunkte distal der Weisheitszähne (sog. „Neuner-Gebiet“) können Anteile bzw. Ansätze der Pterygoidmuskeln erreicht und entspannt werden.

Zugleich werden neben der Kaumuskelrelaxion auch die zervikalen Segmente und Muskeln, speziell die Kopfgelenke C1/C2 sowie das Nackenrezeptorenfeld, über retromolar gesetzte Impulse angesprochen. Das Nackenrezeptorenfeld birgt 100-mal mehr Propriorezeptoren als alle anderen Muskeln und hat somit Bedeutung für die unbewusste Eigenwahrnehmung, wie es die Demenzforschung speziell für die Hals-Nacken-Region bestätigt. 

Japanische Forscher konnten mittels Tracer-Färbe-Technik nachweisen, dass von der Schleimhaut des Gaumenbogens – dicht an der Plica pterygomandibularis – direkte nervale Verbindungen bestehen zum obersten Ganglion des Sympathikus-Grenzstrangs: Das Ganglion zervikale kraniale gilt als wichtige Schaltzentrale der autonomen Regulation für den Kopf-Hals-Bereich, was die breite Wirkung der Retromolartherapie erklärt. Die Erfahrung zeigt, dass oberflächlich gesetzte Miniquaddeln wirksamer sind als Überflutung und tiefe Injektionen. Bewährt haben sich schwachprozentige, submukös injizierte Lokalanästhetika (z.B. Procain 0,5%).

Diese Minidosentherapie findet eine Parallele in der in Frankreich weit verbreiteten Mesotherapie, bei der wenige Tropfen einer Medikamentenmixtur – einige Lokalanästhetika-Tropfen sind jeweils dabei – intrakutan dicht nebeneinander appliziert werden; die Nadel streicht hierbei, ohne abzusetzen, über das Areal (sog. Salveninjektion). Diese Technik eignet sich auch für die Retromolartherapie und wird von den HNO-Kollegen bevorzugt. 

Mundakupunktur: Wirkweise über spezifische Schleimhautpunkte

Die Mundakupunktur baut auf den Wechselbeziehungen bestimmter Zahn-Kiefer-Bereiche zu speziellen Funktionen des Organismus auf, wie sie mittels Elektroakupunktur von R. Voll und F. Kramer in den 60er-Jahren gefunden worden sind. Diese Querbeziehungen betreffen 5 aus der Traditionellen Chinesischen Medizin überlieferte Regelsysteme (Funktionskreise), die mit 5 Zahngruppen in Wechselwirkung stehen: Inzisivi, Canini, Prämolaren, Molaren (6/7) und Weisheitszähne. Die 5 TCM-Regelsysteme können über den Zähnen vorgelagerte Schleimhautpunkte beeinflusst werden – mittels Lokalanästhetika-Injektionen bzw. Softlasertherapie.

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    © Gleditsch
Die Wechselwirkung vermittelt auch diagnostische Hinweise, und zwar bei auffälliger Drucksensibilität eines umgrenzten Schleimhautareals bzw. -punktes. Im Unterschied zu den Punkten der chinesischen Körperakupunktur treten die Punkte der MAPS signalartig auf im Sinne von „on/off“ – d.h., die am speziellen Punkt signalisierte Funktionsstörung äußert sich als Punktaktivierung (veränderte Elektrik, erhöhte Sensibilität).

Nach erfolgreicher Therapie wird der zuvor aktive Punkt wieder stumm („off“). Dieses Phänomen bestätigt die Wirkrichtung der Therapie; ebenso zeigt es das Reaktionsvermögen des jeweiligen Organismus an. So wird die Vernetzung von Punkten analoger Wechselwirkung durchschaubar. 

Die Erfahrungen der Mundakupunktur, speziell mit dem Punktphänomen, haben die zahnärztliche Praxistätigkeit bei mehreren Indikationen bereichert. Die 5 differenten Gruppen von Wechselbeziehungen sind in allen 4 Kieferquadranten gleich: Dies ermöglicht eine wirksame Kontralateraltherapie exakt aus dem Symmetrieareal. 5 Zahngruppen haben also in allen Quadranten die gleiche Zuordnung, dieselbe Grundlage, was ohnehin für die Innervation, die Vaskularisation und die Embryogenese zutrifft.

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    © Gleditsch
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    © Gleditsch

Auf diese Weise wird verständlich, dass kontralateral applizierte Impulse therapeutisch wirksam sind. Die Kontralateraltherapie verlangt allerdings, dass die Reize auf der gesunden Seite exakt symmetrisch zum Schmerz- bzw. Schwellungsort gesetzt werden. Innerhalb der kontralateralen Schleimhaut müssen die empfindlichsten Punkte also präzise detektiert und therapiert werden.

Diese Methode hat sich besonders bewährt bei postoperativen Schmerz- und Schwellungszuständen, z.B. nach Weisheitszahn-Operationen. Bei Unberührbarkeit (Trigeminusneuralgie) wie auch bei Unzugänglichkeit des Schmerzortes (Verband, Schwellung etc.) bietet der Symmetriereiz – ggf. nur mittels Druckmassage (Akupressur) – eine zu wenig genutzte Möglichkeit, um auf den Schmerz einzuwirken. 

Weitere Informationen und Anmeldung zum Fortbildungskurs unter www.pfaff-berlin.de/kurs/seminar-fobi-cf-akupunktur-kurs-2201 bzw. www.pfaff-berlin.de.


Literatur

Dr. Jochen Gleditsch, Dr. Hans Ulrich Markert

Komplementäre Schmerztherapie in der Zahnmedizin

[1] Bergsmann O, Meng A. Akupunktur und Bewegungssystem – Versuch einer Synthese.  Haug Verlag, Heidelberg,1982.
[2] Travell JG, Simons DG. Myofascial Pain and Dysfunction: The Trigger Point Manual. Williams & Wilkins, Baltimore, 1983.
[3] Mezack R. Myofascial trigger points: relation to acupuncture and mechanism of pain. Arch Phys Med Reh. 1981; 62: 114-117.
[4] Heine H. Funktionelle Morphologie der Akupunkturpunkte. Akupunktur – Theorie und Praxis 1988; 16: 4-11.
[5] Gleditsch JM. Das Stomatogene System in seiner Beziehung zur Halswirbelsäule. Stomatologie (der Österreichischen Gesellschaft für ZMK-Heilkunde) 2001; 98: a13-a15.
[6] Gleditsch JM. MAPS – Mikro-Aku-Punkt-Systeme. Grundlagen und Praxis der somatotopischen Therapie. Hippokrates, Stuttgart, 2002.
[7] Gleditsch JM. Mundakupunktur. Ein Schlüssel zum Verständnis regulativer Funktionssysteme. Urban & Fischer, München, 2005.
[8] Gleditsch JM. Fernpunkt-Therapie über Retromolarpunkte. zm 2005; 95: 422-445.
[9] Schmid-Schwap M, et al. Oral Acupuncture in the therapy of craniomandibular dysfunction syndrome - a randomised contr trial. Wiener Klin. Wochenschr. 2005; 118: 36-42.
[10] Simma-Kletschka I, Gleditsch J, Simma L, Piehslinger E. Mikrosystem-Akupunktur bei craniomandibulärer Schmerzsymptomatik – eine randomisierte kontrollierte Studie. DZA. 2009;.52 (4): 6-11.
[11] Simma I, Gleditsch JM, Simma L, Piehslinger E. Immediate effects of micrsystem acupuncture in patients with oromyofacial pain and craniomandibular disorders (CMD): a double-blind, placebo-controlled trial. Br Dent J. 2009; 207 (12): E26.
[12] Simma-Kletschka I, Gleditsch J, Simma l, Piehslinger E. Mikrosystem-Akupunktur bei craniomandibulärer Schmerzsymptomatik – eine randomisierte kontrollierte Studie Stomatologie 2015; 112 (3): 79-85.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Hans Ulrich Markert


Aufruf zur Online-Umfrage für ZÄ, ZMP und DH – Studie zu Gingivawucherungen
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Prof. Dr. Christian Graetz et al., Universitätsklinikum Kiel, freuen sich über die Teilnahme an einer anonymisierten Umfrage. Zeitdauer ca. 10 Minuten. Die Studie untersucht, ob aus zahnmedizinischer Sicht eine adäquate Versorgung des o.g. Krankheitsbildes „gingivale Wucherungen“ vorliegt.