Zahnmedizin rückt psychosomatische Faktoren in den Fokus
DruckenKiefer kann bis ins Kniegelenk Probleme machen
Zahnärzte müssen bei Patienten auch psychosomatische Erkrankungen berücksichtigen, forderte der Präsident der Zahnärztekammer Mecklenburg-Vorpommern Dr. Dietmar Oesterreich zur Eröffnung des 19. Zahnärztetages in Rostock. Die Diagnostik und das Krankheitsverständnis für psychosomatische Faktoren hätten für den Zahnarzt eine hohe Bedeutung, da immerhin 70 Prozent der Bevölkerung einmal jährlich den Zahnarzt aufsuchen. 25 bis 35 Prozent der Bevölkerung erleiden im Laufe ihres Lebens eine psychische Erkrankung bzw. Verhaltensstörung. Somit kann davon ausgegangen werden, dass bei einem Teil der Beschwerden im Mundbereich auch psychische Faktoren eine nicht unerhebliche Rolle bei den Ursachen spielen.
„Besonders Krankheitsbilder, bei denen eine deutliche Diskrepanz zwischen Befund und Befinden des Patienten festzustellen ist oder die eine lange und komplizierte Krankheitsdauer ohne Therapieerfolg aufweisen, müssen eine besondere Beachtung erfahren“, betonte der in Stavenhagen niedergelassene Zahnarzt. In der Zahnmedizin seien dabei mehrere Krankheitsbilder von Bedeutung: die Zahnbehandlungsangst bzw. -phobie, die psychogene Zahnersatzunverträglichkeit, der chronische Gesichtsschmerz, somatoforme Störungen, die craniomandibulären Dysfunktionen (CMD) und der Einfluss von Stress auf Parodontitis. Im Rahmen einer bundesweiten Befragungsstudie zum Rollenverständnis von Zahnärztinnen und Zahnärzten zur eigenen Berufsausübung durch das Institut Deutscher Zahnärzte (IDZ) in Köln im Jahre 2010 konnte festgestellt werden, dass der Bruxismus, allgemein bekannt als das Knirschen und Pressen mit Zähnen, als das am meisten zunehmende Krankheitsbild beobachtet wird. Zahnärzte, die sich mit der Behandlung parodontologischer Erkrankungen beschäftigen, betonten dies noch sehr viel stärker.
Die Daten der Mundgesundheitsstudien des IDZ belegen in der Zeit zwischen 1989 und 1997 eine Verdopplung der Bruxismusprävalenzen. „Somit wird deutlich, welchen Einfluss Stress auf die Kaumuskulatur und die Gelenkbewegung bzw. die entzündlichen Erkrankungen des Zahnbettes, der Parodontitis, hat“, so Dr. Oesterreich.
Am Beispiel der chronischen Kreuzschmerzen verdeutlichte Dr. Frank Bartel, dass die Zahnmedizin eine wichtige Rolle bei der Ursachenforschung von Krankheiten spiele. Immerhin 80 Prozent der Bevölkerung in den Industrieländern durchleben eine Episode mit heftigen, akuten Kreuzschmerzen. 10 Prozent davon werden chronisch und verursachen 80 Prozent der Kosten, betonte der Rostocker Facharzt für Chirurgie, Chirotherapie, Spezielle Schmerztherapie und Sportmedizin. „Der Mensch muss ganzheitlich betrachtet werden. Ich fordere eine interdisziplinäre und multimodale Therapie“, sagte der Mannschaftsarzt von FC Hansa. Gerade die Kopfgelenke und die obere Halswirbelsäulen-Nackenmuskulatur könnten Verursacher von Schmerz und Gleichgewichtsstörungen sein. Auch eine zu gering ausgeprägte Muskulatur habe Auswirkungen auf das Bewegungssystem. „Meine Patienten müssen regelmäßig ihren Zahnarzt aufsuchen“, betonte der Sportmediziner.
Noch zu sehr unterschätzt werde nach Meinung des Experten die zentrale Stellung der Kiefermuskeln – die stärksten Muskeln des menschlichen Körpers. Schon bei einer Verschiebung von wenigen Millimetern reagiert der Körper mit einer schiefen Haltung des Kopfes und einer veränderten Kautechnik. Dies führt zu Verspannungen, die sich wellenförmig über den Rücken bis ins Kniegelenk fortsetzen können. Rund drei Prozent der Bevölkerung haben eine behandlungsbedürftige craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) – eine Störung des Zusammenspiels von Schädel und Kiefer. Bei etwa 80 Prozent aller Deutschen seien Gebiss und Kiefer nicht ideal.
Die Direktorin der Poliklinik für Kieferorthopädie der Universität Rostock, Prof. Franka Stahl de Castrillon betonte: „Deshalb ist es wichtig, neben den zahnärztlichen Problemen auch die Rolle der Zahn- und Kieferfehlstellungen bei der Entwicklung von craniomandibulären Dysfunktionen und anderen Krankheitsbildern, wie z.B. Zahnfleischerkrankungen bzw. Zahnbettentzündungen zu untersuchen, um der Ursache für die gesundheitlichen Probleme auf den Grund zu gehen.“ Ideal wäre es, schon im Kindes- und Jugendalter durch kieferorthopädische Präventions- und Frühbehandlungsmaßnahmen der Entwicklung von Zahn- und Kieferfehlstellungen rechtzeitig vorzubeugen. „Leider findet die kieferorthopädische Prävention durch die derzeit gültigen Richtlinien der gesetzlichen Krankenkassen kaum Gehör, sodass viele Zahn- und Kieferfehlstellungen bis in das Erwachsenenalter bestehen bleiben und durch zusätzliche Krankheitsbefunde wie z.B. die Zunahme von Zahnbettentzündungen (Parodontitis) oder Zahnverlust, die spätere Therapie erschweren und kostenaufwendige und komplexe Behandlungen notwendig machen“, bemängelt die Zahnmedizinerin. Das Thema des diesjährigen Zahnärztetages beschäftigt sich mit dieser Problematik und versucht folgende Fragen zu beantworten: Welches sind die besten interdisziplinären Behandlungsansätze für erwachsene Patienten mit Zahn- und Kieferfehlstellungen und welche neuen, modernen kieferorthopädischen Behandlungsverfahren sind auch im erwachsenen Alter zur Korrektur von Zahn- und Kieferfehlstellungen noch möglich?





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