Vorstellung eines E-Learning-Programms zur Erlernung des ICDAS für die Diagnose der Zahnkaries

Drucken Von Prof. Dr. Anahita Jablonski-Momeni    aktualisiert am 20.12.2011

Die Kariesdiagnostik gehört zu den Kernaufgaben in der zahnärztlichen Praxis und ist entscheidend für die Wahl der geeigneten präventiven oder invasiv-restaurativen Therapie. Der Rückgang der Kariesprävalenz sowie die Verschiebung der Ausprägung von kariösen Läsionen machen ein Diagnosesystem erforderlich, das nicht ausschließlich Karies auf Kavitationsniveau, sondern auch initiale Läsionen zuverlässig erfasst. Dieses Ziel verfolgte die Entwicklung des „International Caries Detection and Assessment System“ (ICDAS), das auf der Evidenz der bisher existierenden Methoden basiert und die Diagnose der Zahnkaries auf individueller Ebene und im öffentlichen Gesundheitswesen ermöglicht. Im nachfolgenden Beitrag wird das E-Learning-Programm vorgestellt, das entwickelt wurde, um die Bekanntheit des ICDAS zu fördern, die Anwendung zu unterstützen und die Kenntnisse zu intensivieren.




Das visuelle Kariesdiagnosesystem „International Caries Detection and Assessment System“ (ICDAS) wurde unter Beteiligung internationaler Wissenschaftler mit dem Ziel entwickelt, eine standardisierte Methode der Kariesdiagnose zu etablieren. Die Philosophie dieser internationalen Initiative basiert auf einer Zusammenführung von Kariesdiagnosemethoden, die in epidemiologischen Erhebungen, in klinischen Studien und in der zahnärztlichen Praxis verwendet werden. Ein langfristiges Ziel des ICDAS ist die internationale Verbreitung des Systems und dessen Anwendung in Studien. Um einen standardisierten Lernablauf zu gewährleisten, werden weltweit Trainingsveranstaltungen angeboten. Als ein zusätzliches Lerninstrument wurde ein E-Learning-Programm entwickelt, um interessierte Kollegen in der Anwendung des Systems zu unterstützen. Das Programm ist derzeit in Englisch, Spanisch, Portugiesisch und Deutsch verfügbar (http://icdas.smile-on.com). Es ersetzt keine praktischen Trainingseinheiten, kann jedoch die Vorbereitungen im Vorfeld von Kalibrierungsveranstaltungen unterstützen und ergänzend in der Lehre eingesetzt werden.

Visuelle Kariesdiagnostik mit ICDAS

Eine adäquate und frühzeitige Diagnose der Zahnkaries stellt eine wichtige Aufgabe im zahnärztlichen Alltag dar. Ein Zahnarzt muss in der Lage sein, Veränderungen der Zahnhartsubstanz rechtzeitig zu erkennen und gleichzeitig eine Entscheidung über die Versorgungsmöglichkeiten der Läsion zu treffen. Üblicherweise wird die Erstuntersuchung der Mundhöhle und der Zähne visuell durchgeführt. Speziell in Reihenuntersuchungen erfolgt die klinische Kariesdiagnose noch häufig nach dem WHO-Standard, d. h., Läsionen werden auf Kavitationsniveau registriert. Nach Definition der WHO22 liegt eine behandlungsbedürftige Karies vor, wenn freiliegendes Dentin sichtbar oder unterminierter Schmelz mit erweichten Schmelzrändern tastbar ist. Da diese Form der Karies stark rückläufig ist, werden subtilere Indizes benötigt, mit denen sich z. B. auch Initialläsionen erfassen lassen. Im Jahr 2002 wurde das visuelle Kariesdiagnosesystem „International Caries Detection and Assessment System“ (ICDAS) unter Beteiligung internationaler Wissenschaftler entwickelt18 und später in modifizierter Form als ICDAS-II vorgestellt8. Die Philosophie dieser internationalen Initiative basiert auf einer Zusammenführung von Kariesdiagnosemethoden, die in epidemiologischen Erhebungen, in klinischen Studien und in der zahnärztlichen Praxis verwendet werden. Das Ziel war die Entwicklung einer standardisierten Methode, die auf der Evidenz der bisher existierenden Methoden basiert und die Diagnose der Zahnkaries auf individueller Ebene und im öffentlichen Gesundheitswesen ermöglicht18.

Tabelle 1: Kriterien des ICDAS-II für Okklusal-, Approximal- und Glattflächen.
Tabelle 1: Kriterien des ICDAS-II für Okklusal-, Approximal- und Glattflächen.
Mit dem ICDAS können mithilfe verschiedener Codes kariöse Veränderungen an Okklusal- und Glattflächen der Zähne, an Wurzeloberflächen sowie an Restaurationen und Versiegelungen erhoben werden. Neben der Dentinkaries werden auch Initialläsionen definiert (Tab. 1). Dabei ist es wichtig, die Zähne vor der Untersuchung zu reinigen. Sie werden im feuchten und trockenen Zustand befundet, sodass sicherlich im Rahmen von Reihenuntersuchungen Kompromisse notwendig sind.

Studien zur Diagnose der okklusalen Karies zeigten für das ICDAS-Verfahren gute bis sehr gute Intra- und Inter-Untersucher-Reproduzierbarkeiten sowie eine klinisch akzeptable Sensitivität und Spezifität10,11,12,13,14,19. Das ICDAS wird mittlerweile in vielen klinischen Studien, auch im deutschsprachigen Raum, eingesetzt1,2,3,4,6,7,9,15,16,17,20,21.

Das ICDAS E-Learning-Programm

Ein langfristiges Ziel des ICDAS ist die weltweite Verbreitung des Systems und dessen Anwendung in Studien. Mitglieder des ICDAS-Koordinationskommittees, die in der Regel an der Entwicklung des Systems beteiligt waren, sind in der ganzen Welt unterwegs, um das Verfahren den interessierten Kollegen nahezubringen und damit einen standardisierten Lernablauf zu gewährleisten10.
Abb. 1: Portal des ICDAS E-Learning-Programms (http://icdas.smile-on.com/).
Abb. 1: Portal des ICDAS E-Learning-Programms (http://icdas.smile-on.com/).
Als ein zusätzliches Lerninstrument wurde gemeinsam mit der Firma Smile-on Healthcare Learning Company (London) ein E-Learning-Programm entwickelt und online zur Verfügung gestellt (mit freundlicher Unterstützung der Firma Colgate). Das Programm wurde zunächst in englischer Sprache eingeführt und später ins Spanische und Portugiesische übersetzt, um eine Weiterverbreitung des Systems auch in nicht englischsprachigen Ländern zu ermöglichen. Die deutsche Version des ICDAS-E-Learning-Programms ist seit August 2010 online verfügbar (mit freundlicher Unterstützung der Firma GABA International). Darauf kann kostenlos über den Link http://icdas.smile-on.com/ zugegriffen werden (Abb. 1). Die Zitierweise des Programms ist wie folgt: Topping GVA, Hally J, Bonner B, Pitts NB. International Caries Detection and Assessment System (ICDAS) e-learning Package. Interactive CD ROM and Web-based software. Smile-on 2008, London.

Aufteilung des Programms

Das 90-minütige Programm startet nach einer Registrierung. Es kann jederzeit unterbrochen und zu einem späteren Zeitpunkt an derselben Stelle wieder fortgesetzt werden. Das Programm ist aus verschiedenen aufeinander folgenden Abschnitten mit Texten und Abbildungen aufgebaut (Abb. 2), die durch einen Sprechtext ergänzt werden. Zunächst werden in einer etwa 5-minütigen Einführung die Hintergründe und Zielsetzungen des ICDAS-Verfahrens erläutert. Bereits hier erhält der Anwender eine erste Möglichkeit, seine Kenntnisse über die Diagnose von kariösen Läsionen zu testen (Abb. 3). Unter dem nächsten Menüpunkt werden die Anforderungen besprochen, die für eine adäquate Diagnose nach dem ICDAS-Verfahren wichtig sind („Untersuchungsablauf“, Abb. 4). Hier kann der Anwender eigenständig einen Untersuchungsablauf erstellen, der im folgenden Schritt entweder korrigiert oder bestätigt wird.
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Abb. 2: Programm-Menü. Die einzelnen Abschnitte können in beliebiger Reihenfolge geöffnet werden.   Abb. 3: Einführung. Es besteht die Möglichkeit der interaktiven Teilnahme am Programm.   Abb. 4: Nach einer interaktiven Sequenz werden die Anforderungen an einen adäquaten Untersuchungsablauf aufgezeigt.  


Der längste Programmpunkt beinhaltet die Beschreibung der Karies- und Versorgungscodes nach dem ICDAS-Schema. In diesem 50-minütigen Abschnitt werden alle Codes erläutert und anhand von Abbildungen veranschaulicht. Neben Bildern von kariösen Läsionen werden auch hemisezierte Zähne gezeigt, die die histologische Tiefe der Karies verdeutlichen. Bei jedem Kariescode besteht die Möglichkeit der interaktiven Teilnahme. Beim ersten vollständigen Durchgang werden alle Codes (Versorgungs- und Kariescodes) nacheinander erörtert. Danach kann man jeden einzeln und in beliebiger Reihenfolge anklicken. Im nächsten Abschnitt werden verschiedene Läsionen aufgezeigt und mithilfe des sogenannten Entscheidungspfades diagnostiziert. Dieser wurde entworfen, um die Entscheidung über das Vorhandensein und über die Tiefe einer kariösen Läsion zu vereinfachen und zu systematisieren (Abb. 5). In einem gesonderten Teil werden Zähne besprochen, die besondere Aspekte aufweisen (Abb. 6). So wird beispielsweise veranschaulicht, wie überzählige Zähne oder Zähne mit Brackets/Bändern erfasst oder multiple Läsionen innerhalb einer Zahnfläche vermerkt werden. Diesem Abschnitt folgt ein Menüpunkt, der die Möglichkeiten einer Datenerfassung nach dem ICDAS-Verfahren darstellt (Abb. 7). Das vorgestellte Formblatt und weitere Unterlagen können unter dem Punkt „Quellen“ heruntergeladen werden. Im letzten Abschnitt kann der Anwender in einem Quiz bereits erlernte Kenntnisse testen (Abb. 8), indem er verschiedene Zähne in randomisierter Reihenfolge befundet. Am Ende eines Durchganges werden die richtigen und falschen Antworten angezeigt. Diese Übung kann beliebig oft wiederholt werden.
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Abb. 5: Der Entscheidungspfad zeigt systematisch die verschiedenen Kriterien, die zu einer Diagnose führen.   Abb. 6: Unter „Besondere Aspekte“ wird die Erfassung von verschiedenen Situationen erläutert.   Abb. 7: In diesem Menüpunkt wird ein Formblatt zur Erfassung der ICDAS-Codes aufgezeigt.   Abb. 8: Die erworbenen Kenntnisse können in einem Quiz überprüft werden.  


Fazit

Mit der Implementierung dieses E-Learning-Programms in deutscher Sprache wurde ein weiterer Schritt zur Standardisierung des Verfahrens gesetzt. Da die sprachliche Barriere entfällt, haben auch deutschsprachige Kollegen die Möglichkeit, die Theorie hinter diesem Diagnoseverfahren zu erlernen. Dieses Programm ersetzt keine praktische Trainingssitzung und Untersucherkalibrierung, es unterstützt aber die Vorbereitungen im Vorfeld solcher Veranstaltungen. Des Weiteren bildet es im Rahmen der Lehre eine nützliche Ergänzung, da entsprechende Vorlesungen mit diesem Programm vertieft werden können. So konnte gezeigt werden, dass die Anwendung des E-learning-Programms bei Studierenden zu einer Verbesserung der diagnostischen Fähigkeiten für die Diagnose der okklusalen Karies führen kann5

Alle Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der ICDAS Foundation.

 

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Tabelle 1: Kriterien des ICDAS-II für Okklusal-, Approximal- und Glattflächen.   Abb. 1: Portal des ICDAS E-Learning-Programms (http://icdas.smile-on.com/).   Abb. 2: Programm-Menü. Die einzelnen Abschnitte können in beliebiger Reihenfolge geöffnet werden.   Abb. 3: Einführung. Es besteht die Möglichkeit der interaktiven Teilnahme am Programm.   Abb. 4: Nach einer interaktiven Sequenz werden die Anforderungen an einen adäquaten Untersuchungsablauf aufgezeigt.   Abb. 5: Der Entscheidungspfad zeigt systematisch die verschiedenen Kriterien, die zu einer Diagnose führen.   Abb. 6: Unter „Besondere Aspekte“ wird die Erfassung von verschiedenen Situationen erläutert.   Abb. 7: In diesem Menüpunkt wird ein Formblatt zur Erfassung der ICDAS-Codes aufgezeigt.   Abb. 8: Die erworbenen Kenntnisse können in einem Quiz überprüft werden.  

ZMK | Jg. 27 | Ausgabe 12 _ Dezember 2011


Literaturverzeichnis

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  13. Jablonski-Momeni, A., Ricketts, D.N.J., Heinzel-Gutenbrunner, M., Stoll, R., Stachniss, V., Pieper, K.: Impact of Scoring Single or Multiple Occlusal Lesions on Estimates of Diagnostic Accuracy of the Visual ICDAS-II System. Int J Dent Volume 2009, doi:10.1155/2009/798283 (2009b)
  14. Jablonski-Momeni, A., Ricketts, D.N.J., Weber, K., Ziomek, O., Heinzel-Gutenbrunner, M., Schipper, H.M., Stoll, R., Pieper, K.: Effect of Different Time Intervals between Examinations on the Reproducibility of ICDAS-II for Occlusal Caries. Caries Res 44, 267–271 (2010)
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  22. World Health Organization. Oral health surveys: basic methods. 4th ed. Geneva: World Health Organization, 1997
Prof. Dr. Anahita Jablonski Momeni

Prof. Dr. Anahita Jablonski-Momeni

Oberärztin, Abteilung für Kinderzahnheilkunde Medizinisches Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Philipps-Universität

Georg-Voigt-Straße 3

35033 Marburg

Tel.: 06421 5863215 oder 06421 5866527 (Büro)

Fax: 06421 5866691

E-Mail: momeni@staff.uni-marburg.de
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