Sofortimplantation und Sofortversorgung enossaler Implantate – Teil 1

Drucken Von Dr. Hans-Jürgen Hartmann    aktualisiert am 29.01.2010

Sofortimplantation, Sofortversorgung und Sofortbelastung erscheinen oftmals verlockende, da schnelle und unkomplizierte Therapievarianten zu sein. Aber nicht ganz zu Recht, wie die Autoren des folgenden Beitrags darstellen. In vielen Fällen bieten sich die „Sofortvarianten“ nicht an. In diesem Beitrag werden die Entwicklung von Sofortimplantation und Sofortversorgung beleuchtet und anhand von Praxisbeispielen Indikationen und Vorgehensweisen für diese Therapiemethoden aufgezeigt. Ein Misserfolg in der Praxis führt zudem die Risiken dieser Methoden vor Augen: In einem Fall verlor eine Patientin das Implantat, wodurch sich das Knochenangebot stark verringerte und bei der Folgeimplantation augmentiert werden musste.

Abb. 1: Zahn 11 mit Mobilitätsgrad II gelockert.
Abb. 1: Zahn 11 mit Mobilitätsgrad II gelockert.


Die „Sofort“-Implantation, „Sofort“-Versorgung und „Sofort“-Belastung, also alle Schlagwörter der Implantologie, die eine besonders schnelle Therapie versprechen, stehen immer einmal wieder im Mittelpunkt des Interesses. Die Anforderungen der Patienten auf der einen Seite und die Angebote der Zahnärzte auf der anderen Seite scheinen die Implantologie und die Ansichten zur Osseointegration zu revolutionieren. Sind es aber wirklich neue Inhalte oder neue Erkenntnisse? Erinnern wir uns: Blattimplantate wurden in den 1970-er Jahren mit einer provisorischen Brückenversorgung sofort mit den Nachbarzähnen verbunden, um, wie die seinerzeitige Argumentation lautete, den Zungendruck vom Implantatpfosten bei einphasiger Implantation zu reduzieren. Linkow, Weiß, Brinkmann et al. beschrieben diese Verfahren, die auf die Verblockung der Implantate mit dem natürlichen Zahnsystem abzielten.

Entwicklung der implantologischen „Sofort“-Therapien



Ledermann berichtete erstmals 1977 über die intaminale Implantation mit Sofortbelastung. Er stellte damals verschiedene Thesen zur Sofortbelastung der Schraubenimplantate auf. Er postulierte, dass die primäre Stabilität der Implantate gewährleistet sein müsse. Das Implantatbett müsse für das Implantat knochenkongruent und atraumatisch präpariert werden. Die Stabilität der Implantate werde über einen Steg erzielt. Die Prothese werde mit Stegreitern sofort in Funktion gesetzt. Seinen Untersuchungen zufolge konnte trotz der Belastung eine Osseointegration, wie im Jahr 1965 von Brånemark gefordert, nachgewiesen werden. Sie galt für den interforaminalen Bereich und wurde in der neueren Implantologie von anderen Autoren auf den Seitenzahnbereich übertragen. Zöller, Haessler et al. beschrieben die Sofortbelastung von Implantaten im Seitenzahnbereich mit provisorischen Brückenversorgungen Diese Versorgungen waren rein implantatgetragen und unterschieden sich damit deutlich von der von Linkow, Weiß und Brinkmann beschriebenen Verfahrensweise.

Im Jahr 1976 entwickelte Schulte mit dem Tübinger Sofortimplantat die Sofortimplantation. Nach Extraktion von Oberkieferfrontzähnen inserierte er ein Aluminiumoxidkeramikimplantat, das eingeklopft wurde. In vielen Veröffentlichungen haben Schulte, d’Hoedt et al. die erfolgreiche Implantation beschrieben6. Sein Verfahren unterschied sich grundlegend von den bisher genannten Verfahren, da durch die Extraktionsalveole schon ein Eingang in den Knochen vorbereitet war. Das Implantatbett wurde gefräst, wobei Schulte die palatinale Achsenrichtung aufgrund der anatomischen Verhältnisse der Fossa incisiva empfahl. Nach dreimonatiger Einheilphase wurden die Implantate versorgt. Ein gegossener oder individuell gearbeiteter Stiftaufbau musste in das Implantat zur Aufnahme der Krone hineinzementiert werden. Kontrollierte Studien konnten die Osseointegration nachweisen.

Die Bruchgefährdung von Aluminiumoxidkeramikimplantaten ließ diese Verfahrensweise bald in den Hintergrund treten. Die wissenschaftliche Erforschung der Möglichkeiten der Sofortimplantation und von deren Akzeptanz wurden jedoch weltweit weitergetrieben. Ein wesentlicher Diskussionspunkt war die Frage des Spaltes um die Implantate, die mit der Inkongruenz zwischen Zahnalveole und Implantatkörper verbunden ist. Akimoto wies nach, dass der Spaltraum um die Implantate nicht größer als 0,8 bis 1 Millimeter sein darf, um eine knöcherne Integration zu erfahren. Die Osteozyten, so geht aus dieser Studie hervor, überspringen eine Distanz von ca. einem Millimeter. Größere Spalträume sind entweder mit Knochen oder Knochenersatzmaterialien aufzufüllen, da ansonsten eine geringere knöcherne Integration des Implantates die Folge wäre. Bei den Auffüllmaßnahmen können in den seltensten Fällen minimalinvasive Operationstechniken angewendet werden. Die Implantation von Knochenersatzmaterialien oder Knochen erfolgt unkontrolliert und ohne Übersicht. Dafür sind eine geringe Öffnung durch einen Mukoperiostlappen und die Darstellung des krestalen Knochenabschnittes erforderlich. Dies erschwert den operativen Eingriff und erhöht das Verlustrisiko sowohl des Augmentates des krestalen Knochens wie auch des Implantates selbst. Membranen und zusätzliches Weichgewebe können das Risiko eines Verlustes bzw. Misserfolges minimieren, verkleinern aber den Eingriff keinesfalls

Die Aluminiumoxidkeramikimplantate wurden durch im gleichen Design entwickelte FRIALIT-2-Implantate (DENTSPLY Friadent, Mannheim) aus Titan ersetzt. Mithilfe Schraubenwindungen auf der Oberfläche der Stufenzylinder konnte eine höhere primäre Stabilität in der Alveole erzielt werden. Mit dieser Designänderung und den neuen prothetischen Aufbauten wurde eine neue Ära der Sofortimplantation eingeleitet. Schulte hat mit der Einführung des Sofortimplantates (in den 1970er Jahren) die Einzelzahnimplantation in den Vordergrund gestellt, während alle anderen Implantatsysteme die Spätimplantation im Vordergrund sahen. Brückenrekonstruktionen oder Stabilisierungen von herausnehmbarem Zahnersatz wurden als Therapieansatz gewählt. Getrennt voneinander entwickelten sich beide Indikationen.

Bei der Spätimplantation ergab sich eine große Diskussion über die Verbindung zwischen Implantaten und zahngetragenen Rekonstruktionen. Diese Verbindung wurde schließlich nach den Erkenntnissen aus der IMZImplantation sowie zu den Risiken von Verbundbrücken durch neue Designs und neue prothetische Aufbauteile zur Einzelzahnimplantation weiterentwickelt.

Die Sofortimplantation konnte als minimalinvasive Operationstechnik einen Erhalt des Weichgewebes und damit der physiologischen Verhältnisse um den Zahn nachweisen. Eine Implantation ohne die Mobilisierung eines Mukoperiostlappens verhindert ästhetische Beeinträchtigungen durch Narbenbildungen und bewahrt die attached gingiva um die Implantate – eine der wesentlichen Voraussetzungen für die optimale Integration der Implantate und den ästhetischen Erhalt der Frontzahnregion.

Lesen Sie weiter:
Sofortimplantation und Sofortversorgung enossaler Implantate – Teil 2

Lesen Sie weiter:
Sofortimplantation und Sofortversorgung enossaler Implantate – Teil 3

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