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Sofortimplantation in der ästhetischen Zone

Drucken Von Dr. Nina Psenicka, Dr. Kurt Dawirs, Dr. Stephan Grothe    aktualisiert am 03.03.2010

Sofortimplantation – ja oder nein? In der ästhetischen Zone bietet sie sich gerade bei einem traumatischen Zahnverlust an, denn die Erfolgsrate der Sofortimplantation ist mit 95,8 % relativ hoch und eine Alveolarkammatrophie wird mit der Sofortimplantation minimiert. Bestehende minimale Spalträume zwischen Implantat und Alveole können dagegen auch ohne augmentative Maßnahmen knöchern regenerieren. Nachfolgend wird aufgrund dieser Kenntnisse anhand eines klinischen Falles das praktische Prozedere der Sofortimplantation nach Zahnverlust beschrieben.

Abb. 1: Querfrakturierter Zahn 11 nach Reposition.
Abb. 1: Querfrakturierter Zahn 11 nach Reposition.


Nach Verlust eines Zahns kommt es durch die nicht vorhandene physiologische Belastung zur Kieferkammatrophie. Durch die Sofortimplantation kann das Hartgewebe um die Implantate erhalten werden1. Das Resultat des Zahnverlustes ist ein Knochenverlust in Höhe von 40 % bis 60 % innerhalb der ersten zwei bis drei Jahre2. Danach beträgt die Resorptionsrate 1 % pro Jahr bis ans Lebensende des Patienten2. Die Resorption des vestibulären Knochens erfolgt schon nach zwei Wochen.

Abb. 2: Die Ausgangssituation im OPG.
Abb. 2: Die Ausgangssituation im OPG.
Vor diesem Hintergrund ist die folgende Fallpräsentation zu sehen: Der Fall beschreibt die Therapie eines 25- jährigen Patienten, der sich bei einem Fahrradunfall im Oberkieferfrontzahnbereich eine Querfraktur im mittleren Zahndrittel mit Dislokation zufügte. Das therapeutische Ziel ist ein ästhetisches und funktionelles Langzeitergebnis mit wenigen Behandlungsschritten. Aus diesem Grund ist eine Sofortimplantation ohne Augmentation sinnvoll. Auf diese Weise muss das Knochenangebot einer funktionellen und ästhetischen optimalen Implantatposition nicht angepasst werden. Bei einer solchen Therapie im ästhetischen Frontzahnbereich sind nicht nur die knöchernen Dimensionen, sondern auch die Weichgewebssituation von Bedeutung.

Voraussetzungen der Sofortimplantation



Als Sofortimplantation wird das einzeitige Einbringen eines Implantats in die frische Extraktionsalveole verstanden. Sofortimplantationen sind in allen Kieferregionen möglich. Dabei wird dem Einzelzahnimplantat im Frontzahnbereich die größte Bedeutung zugesprochen. Dies liegt an den anatomischen Voraussetzungen, die ein relativ formkongruentes Implantatbett zur vorliegenden Anatomie aufweisen. Zudem sind die Frontzähne im Oberkiefer häufiger bei einem Trauma betroffen. Folgende Grundvoraussetzungen sollten für eine Sofortimplantation nach Extraktion gegeben sein: Die faziale Knochenlamelle muss intakt sein. Somit sollte man diese auf Unversehrtheit nach vorsichtiger Zahnentfernung überprüfen. Auch bei der Implantatbettpräparation ist die bukkale Knochenwand zu bewahren. Sie ist von entscheidender Bedeutung für den Erhalt des Weichgewebes. Das Implantat soll mit einer palatinalen Achsenrichtung inseriert werden. Damit kann das Implantat in kompakter palatinaler Knochensubstanz eingelagert werden3. Dadurch wird auch die faziale Knochenwand geschont. Der Spalt zwischen dem Implantat und der fazialen Wand soll nicht mehr als 1 mm betragen, um eine knöcherne Integration zu erfahren4. Zudem sollten keine Entzündungszeichen im Hart- und Weichgewebe vorliegen. Der Durchmesser des extrahierten Zahns gibt den Durchmesser für das Implantat vor. Die minimal-invasive operative Entfernung des zu extrahierenden Zahns ist ohne Präparation eines Mukoperiostlappens angedacht, da durch die Deperiostierung Knochenatrophien erfolgen1. Des Weiteren sollte ein mesialer und distaler Knochenkontakt erzielt werden. Die Verankerung apikal im ortsständigen Knochen muss primärstabil erfolgen.

Vorteile der Sofortimplantation



Die Sofortimplantation weist einige Vorteile gegenüber der verzögerten und späten Implantation auf. Dazu gehören unter anderem die maximale Mobilisierung von natürlichen Heilungsprozessen, die ausbleibende Knochenresorption, die Reduzierung der chirurgischen Eingriffe und ein positiver psychologischer Effekt für den Patienten.

Falldarstellung

Ausgangsbefund


Abb. 3: In der Einzelzahnaufnahme stellt sich die Querfraktur im mittleren Drittel als Doppelprojektion dar.
Abb. 3: In der Einzelzahnaufnahme stellt sich die Querfraktur im mittleren Drittel als Doppelprojektion dar.
Bei einem Fahrradunfall zog sich ein 25-jähriger Patient eine Querfraktur des Zahns 11 mit Dislokation zu (Abb. 1–3). Die Nachbarzähne wa ren kariesfrei und wiesen eine Taschentiefe von 2 mm auf. Die attached Gingiva war dick und ausreichend vorhanden, was eine Sofortimplantation begünstigt. Es lagen keine Hart- oder Weichgewebsdefekte vor. Der Patient kam mit dem Sanierungswunsch einer Langzeittherapie. Er war für diese Behandlung motiviert. Es lagen keine systemischen Erkrankungen, keine Dauermedikation, keine Allergien, keine Blutungsneigung und auch keine psychologischen Auffälligkeiten vor. Neben der Implantation wurde dem Patienten auch das Verfahren der Entfernung des Wurzelanteils mit retrograder Stiftinsertion und autoalloplastischer Replantation erklärt. Diese lehnte er ab. Eine weitere Option ist die kieferorthopädische Extrusion des Wurzelanteils mit späterer prothetischer Versorgung. Dieser Option stand der Patient nicht offen gegenüber.
Behandlung


Abb. 4: Zustand nach operativer Entfernung des Zahns 11. Der Erhalt des Weichgewebes ist ersichtlich.
Abb. 4: Zustand nach operativer Entfernung des Zahns 11. Der Erhalt des Weichgewebes ist ersichtlich.
Die Extraktion des apikalen Anteils des Zahns 11 erfolgte mittels Trennung der Wurzel in Lokalanästhesie. Auf jegliche Schnittführungen wurde verzichtet. Nach der Extraktion wurde die Alveole gut gesäubert, um die Weichgewebereste zu entfernen (Abb. 4). Die Sondierung wies eine intakte faziale Lamelle auf. Anhand des extrahierten Zahns wurde der Durchmesser für das Implantat ausgesucht. Das Ziel dabei ist es, die Alveole weitestgehend mit dem dentalen Implantat auszufüllen. Somit wird im Sinne eines In-Process-Controllings die Kongruenz des Implantats zu der Knochenkavität erreicht. Dabei ist die faziale Knochenlamelle bei der Implantatbettaufbereitung zu schonen. Die Pilotbohrung für die Sofortimplantation erfolgte in leicht palatinaler Achsenrichtung. Das Implantat wird 2 bis 3 mm unterhalb der
Abb. 5: Implantatbettaufbereitung unter Schonung der fazialen Knochenlamelle.
Abb. 5: Implantatbettaufbereitung unter Schonung der fazialen Knochenlamelle.
Abb. 6: Implantatbettaufbereitung 2–3 mm unterhalb der Schmelz-Zement-Grenze der Nachbarzähne. Ausreiber in situ.
Abb. 6: Implantatbettaufbereitung 2–3 mm unterhalb der Schmelz-Zement-Grenze der Nachbarzähne. Ausreiber in situ.
Abb. 7: Implantatinsertion mit ca. 0,5 mm Abstand zur bukkalen Knochenwand.
Abb. 7: Implantatinsertion mit ca. 0,5 mm Abstand zur bukkalen Knochenwand.
Schmelz-Zement- Grenze der Nachbarzähne unterhalb des tiefsten Punktes des fazialen Limbus alveolaris inseriert (Ankylos®-Implantat B 4,5 mm, L 11 mm, Dentsply Friadent, Mannheim) (Abb. 5, 6 u. 7). Die Primärstabilität ist durch die Verankerung des Implantats apikal der Restalveole gegeben. Die Abdeckung des Implantats wird mit einem breiten Sulkusformer durchgeführt, der für eine Stützung des Weichgewebes bis zur Fertigstellung sorgt. Für eine ästhetische Weichgewebsformung wird eine Aufhängungsnaht im koronalen Bereich verwendet (Abb. 8). Als Interimslösung wurde ein herausnehmbares Provisorium gewählt. Nach 3 Monaten wurde das Implantat mit einer VMK-Einzelkrone versorgt. In der postoperativen radiologischen Kontrolle mittels Orthopantomogramm erkennt man das Ergebnis der Sofortimplantation (Abb. 9).
Frühbelastung


Das Implantat unterlag einer sechswöchigen Einheilzeit. Es folgte eine Frühbelastung des Implantats über ein implantatgetragenes Kunststoffprovisorium. Das Provisorium wurde nach der intraoperativen Registrierung der Implantatposition im Labor angefertigt, sodass eine sehr gute Passgenauigkeit erreicht wurde. Mit dem Provisorium wurde ein Knochentraining über sechs Wochen durchgeführt. In dieser Zeit unterlag das Provisorium einer reduzierten Okklusion. Der Patient wurde instruiert, in dieser Zeit nur weiche Nahrung zu sich zu nehmen5,6,7,8.
Prothetische Versorgung


Die Abformung fand mit der Pick-up-Methode mit Impregum® (ESPE, Seefeld) statt. In den Abbildungen 12 bis 14 lässt sich anhand der Abutment- und Gerüsteinprobe gut erkennen, dass das gesunde Weichgewebe zirkulär anliegt und die Papillen erhalten sind. Zum weiteren Erhalt der Papillen sollte der Abstand zwischen dem krestalen Knochen und dem interproximalen Kontaktpunkt zwischen Krone und Nachbarzahn zwischen 3,5 und 5,0 mm betragen9,10.

Fazit



Retrograd betrachtet, kann man behaupten, dass die Entscheidung der Sofortimplantation die beste Therapieoption in diesem Fall gewesen ist. Die Erfolgsrate der Sofortimplantation liegt bei 95,8 %11. Die Alveolarkammatrophie wird mit der Sofortimplantation minimiert. Bestehende minimale Spalträume zwischen Implantat und Alveole regenerieren knöchern ohne augmentative Maßnahmen11. Das anliegende Weichgewebe hat sich nicht verändert. Die anliegenden Papillen sind weiterhin erhalten. Der Periotestwert liegt bei -7, was auf ein stabiles Implantat hinweist. Die Sondierungstiefen von 2 bis 3 mm spiegeln das erhaltene Knochenniveau wieder. Die Versorgung ist im funktionellen und ästhetischen Sinne gelungen. Der Patient ist mit dem Ergebnis der Behandlung sehr zufrieden. Zum Erfolg dessen trägt die erhaltene faziale Knochenwand bei, die eine wichtige Grundvoraussetzung bei der Sofortimplantation ist. Des Weiteren ist die atraumatische Entfernung des verbliebenen Wurzelrestes von Bedeutung.

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Fotostrecke
Abb. 2: Die Ausgangssituation im OPG.   Abb. 3: In der Einzelzahnaufnahme stellt sich die Querfraktur im mittleren Drittel als Doppelprojektion dar.   Abb. 4: Zustand nach operativer Entfernung des Zahns 11. Der Erhalt des Weichgewebes ist ersichtlich.   Abb. 5: Implantatbettaufbereitung unter Schonung der fazialen Knochenlamelle.   Abb. 6: Implantatbettaufbereitung 2–3 mm unterhalb der Schmelz-Zement-Grenze der Nachbarzähne. Ausreiber in situ.   Abb. 7: Implantatinsertion mit ca. 0,5 mm Abstand zur bukkalen Knochenwand.   Abb. 8: Aufhängungsnaht zur ästhetischen Weichgewebsformung.   Abb. 9: Implantat mit Sulkusformer im OPG.   Abb. 10: Abdruckpfosten in situ.   Abb. 11: Abdruckpfosten in situ.   Abb. 12: Abutmentanprobe in regio 11.   Abb. 13: Gerüstanprobe in der Frontalansicht. Das Weichgewebe ist optimal ausgeformt.   Abb. 14: In der Aufsichtaufnahme lässt sich bei der Gerüstanprobe das gut erhaltene Hart- und Weichgewebe erkennen.   Abb. 15: Zustand 3 Monate nach Eingliederung. Das Papillenwachstum nähert sich dem Abschluss.  


Literaturverzeichnis

  1. Hartmann HJ, Steup A Ästhetische Langzeitergebnisse der Sofortimplantation und Sofortversorgung in der Oberkieferfront. Z Zahnärztl Impl. 2005; 21(4).
  2. Critensens G J Ridge preservation: Why not? J Am Dent Assoc 1996; 127: 669-670.
  3. Schulte W, Lukas D Periost to monitor osseointegration and to check the occlusion in oral implantology. J Oral Implantol 1993; 19: 23-32.
  4. Hartmann, HJ, Steup A Sofortimplantation – Sofortversorgung – Sofortbelastung: Paradimenwechsel im der Implantologie? – Teil 1. Dent Implantol 2005; 9, 5, 370-378.
  5. Albrektsson, T., Zarb, G., Worthington, P., Eriksson, A. R.: The long-term efficacy of currently used dental implants: a review and proposed criteria of success.
  6. Branemark PI, Zarb GA, Albrektsson T, Eds Tissue integrated prtheses: osseointegration in clinical dentistry. 1985 Chicago: Quintessence Publ. Co..
  7. Misch CE. 1990: Density of bone: effect on treatment plans, surgical approach, healing, and progressive boen loading, School of Dental Medicine, University of Pittsburgh,Pennsylvania. Int J Oral Implantol ;6 (2):23-31.
  8. Romanos,G. et al. 2003: Bone-implant interface around titanium implants under different loading conditions. J Periodontol.;10, 1483-1490.
  9. Tarnow, D.P, Magner, A.W., Fletscher, P. 1992. The effect of distance from the contact point of the crest of bone on the presence or absence ot the interproximal dental papilla. J Periodontol, 1992 Dec; 63(12):995-6.
  10. Tarnow, D.P. et al. 2003. Vertical distance from the creast of bone to the height of the   interproximal papilla between adjacent implants. J periodontol, 2003 Dec;74(12): 785-8.
  11. Theißen G Kritische Analyse der Sofortimplantation. Vor- und Nachteile. 2006. Masterarbeit der IMC Inernational Medical College.
Portrait Psenicka

Dr. Nina Psenicka

Oralchirurgie

Spezialistin für Implantologie, Tätigkeitsschwerpunkt Implantologie

Dr. Kurt Dawirs u. Dr. Stephan Grothe,

Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgie,

Plastische Operationen

RÜ-Klinik Essen

Girardetstraße 1, 45131 Essen

E-Mail: n.psenicka@gmx.de

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