Implantat-Prothese bei einem Patienten mit Metall-Allergie

Sofortbelastung von Keramikimplantaten im zahnlosen Oberkiefer – Ein klinischer Fallbericht – Teil 1

Drucken Von Dr. Christian Lamest, Dr. Erik Bahr    aktualisiert am 31.01.2011

Für Patienten mit allergischen Diathesen gegenüber Metallen stellen Keramikimplantate mit ihrer ausgezeichneten Biokompatibilität eine Alternative zu Titanimplantaten dar. In der Literatur finden sich jedoch kaum Untersuchungen oder Falldarstellungen zu metallfreien Rehabilitationen zahnloser Kiefer. Der vorliegende Fallbericht schildert die Problematik und das therapeutische Vorgehen bei der Versorgung eines zahnlosen Oberkiefers mit einer Vollkeramikbrücke auf Zirkonoxidimplantaten. In diesem Fall kamen Titanimplantate aufgrund eines ausgeprägten endogenen Ekzems mit allergischer Diathese gegenüber Metallen nicht in Frage. Die Implantation erfolgte am 4. Dezember 2007 nach Freigabe der Indikation durch den Implantathersteller. Die gesamte Konstruktion stellt sich bislang klinisch und röntgenologisch unauffällig dar.

Abb.1: Präoperative intraorale Situation des zahnlosen Oberkiefers.
Abb.1: Präoperative intraorale Situation des zahnlosen Oberkiefers.


Moderne Implantate aus hochstabiler Spezialkeramik (Zirkonoxid) bieten Patienten mit multipler Metallunverträglichkeit aufgrund ihrer hervorragenden Biokompatibilität eine Alternative zu Implantaten aus Titan oder Titanlegierungen1-4. Beim Ersatz einzelner Zähne und der Versorgung kurzer zahnloser Kieferabschnitte zeigen Rekonstruktionen auf einteiligen Zirkonoxidimplantaten bisher funktional und ästhetisch gute Ergebnisse4,5. Das Osseointegrationsverhalten von Zirkonoxid ähnelt dem von Titan und zeigt darüber hinaus eine hervorragende Weichgewebsintegration6- 11. Die Vermeidung jeglicher Fehlbelastung während der Einheilphase stellt jedoch bei einem einteiligen Implantatdesign einen besonderen Planungsaspekt dar.

Während die Sofortbelastung von Titanimplantaten im zahnlosen Oberkiefer heute bei richtiger Indikation als wissenschaftlich gesichert angesehen werden kann, gibt es zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine vergleichbaren Untersuchungen für Keramikimplantate12- 14. Unsere Patientin, die eine festsitzende Versorgung ihres zahnlosen Oberkiefers wünschte, wurde im Rahmen der Therapieplanung diesbezüglich umfassend aufgeklärt. Das Therapieziel wurde erst nach kritischer Beurteilung aller relevanten Befunde und abschließender virtueller Planung am PC in Anlehnung an die entsprechenden Empfehlungen für Titanimplantate festgelegt: Acht Keramikimplantate sollten postoperativ zunächst zum Schutz vor Mikrobewegungen miteinander durch ein präoperativ angefertigtes Langzeitprovisorium verblockt werden, das nach sechsmonatiger Einheilzeit durch eine festsitzende keramische Brückenprothetik ersetzt werden sollte.

Anamnese



Im Zuge einer Überweisung durch den Hauszahnarzt stellte sich eine 61-jährige Patientin mit einem schweren endogenen Ekzem bei ausgeprägter allergischer Diathese in unserer Praxis vor. Die Patientin litt unter dem Symptomkomplex einer Multiplen Chemikalien- Sensitivität (MCS), das v. a. gegenüber Metallen eine deutliche Ausprägung zeigte15. Die Austestung einer Zirkonoxid-Materialprobe (Z-Systems GmbH, Stuttgart) ergab eine hervorragende Akzeptanz. Die Allgemeinanamnese war ansonsten unauffällig. Hauptanlass des Zahnarztbesuchs war der Wunsch nach einer funktional und ästhetisch optimalen prothetischen Versorgung des zahnlosen Oberkiefers (Abb. 1). Der teilbezahnte Unterkiefer war durch einen metallfreien herausnehmbaren Zahnersatz versorgt. Zu einem späteren Zeitpunkt ist hier ebenfalls eine metallfreie im plantatgetragene Rekonstruktion geplant.

Problemdarstellung und Planung



Da Implantate aus Titan oder einer Titanlegierung nicht indiziert waren und eine schleimhautgetragene Totalprothese als definitive Lösung von der Patientin nicht mehr toleriert wurde, haben wir eine völlig metallfreie prothetische Versorgung auf Zirkonoxidimplantaten in Erwägung gezogen. Die klinische Situation und der Röntgenbefund (OPG) deuteten auf ein ausreichendes ortsständiges Knochenangebot hin.

Abb. 2: Bedienoberfläche der Planungssoftware coDiagnostix® mit allen wesentlichen Ansichten.
Abb. 2: Bedienoberfläche der Planungssoftware coDiagnostix® mit allen wesentlichen Ansichten.
Die Analyse der schädelbezüglich und in zentrischer Okklusion im Artikulator montierten Modelle zeigte eine zu gering eingestellte vertikale Kieferrelation der vorhandenen Oberkiefer- Totalprothese, was eine für die Therapieplanung ungünstige sagittale Relation von Zahnbogen und Alveolarfortsatz zur Folge hatte. Zur Rekonstruktion der vertikalen Kieferrelation wurde zunächst ein diagnostisches Wax-up vom Techniker erstellt, das in imeine neue Oberkiefer-Totalprothese umgesetzt wurde. Als Vorbehandlungsmaßnahme trug die Patientin den neuen Zahnersatz für drei Monate. Die um 3 Millimeter erhöhte Vertikaldimension wurde dabei funktional und ästhetisch ausgezeichnet akzeptiert.

Im Rahmen einer weitergehenden Diagnostik wurden transversale Schichtaufnahmen mittels Computertomographie erzeugt, die anschließend mit einer geeigneten Planungssoftware (coDiagnostiX®, IVS Solutions AG, Chemnitz) in dreidimensionale Bilddatensätze umgesetzt wurden. Diese ermöglichten dann eine virtuelle Planung am PC (Abb. 2). Während der
Abb. 3: 3D-Planung mit coDiagnostix®: Virtuelle Festlegung der Implantatpositionen nach anatomischen und prothetischen Gesichtspunkten.
Abb. 3: 3D-Planung mit coDiagnostix®: Virtuelle Festlegung der Implantatpositionen nach anatomischen und prothetischen Gesichtspunkten.
Aufnahme der Schichtbilddaten im Computertomographen trug die Patientin eine spezielle CT-Scanschablone, die sicher und schaukelfrei über die Gegenbezahnung fixiert wurde. Die Herstellung dieser CT-Scanschablone erfolgte anhand der doublierten aktuellen Oberkiefer-Totalprothese durch Integration dreier Marker-Titanpins. Des Weiteren wurde die Zahnaufstellung mit röntgenopakem Bariumsulfat versetzt. Nachdem die gewonnenen Daten zunächst nach DICOM-Standard auf einen handelsüblichen CD-ROM-Rohling übertragen worden waren, wurden diese Daten anschließend in das Planungsprogramm coDiagnostiX® eingelesen. Nun konnte die virtuelle Planung nach anatomischen und prothetischen Gesichtspunkten unter Einbeziehung der im Bilddatensatz erkennbaren Zahnaufstellung erfolgen (Abb. 3). Die dreidimensionale Darstellung des Oberkiefers zeigte ein qualitativ und quantitativ hinreichendes Knochenangebot zur Insertion der Implantate unter Vermeidung augmentativer Maßnahmen. Die Implantatpositionen wurden festgelegt, indem virtuelle Implantate mit geeigneten Längen und passenden
Abb. 4: Zur Bohrschablone umgearbeitete CT-Scanschablone (Zahntechnik: Kurt Beck, Labor Schappé, Bexbach).
Abb. 4: Zur Bohrschablone umgearbeitete CT-Scanschablone (Zahntechnik: Kurt Beck, Labor Schappé, Bexbach).
Durchmessern in den Datensatz eingefügt wurden. Dabei wurde auf eine möglichst achsparallele Ausrichtung geachtet, um das Eingliedern der späteren prothetischen Versorgung zu erleichtern und Beschleifmaßnahmen der Abutments im Rahmen der Individualisierung auf ein Minimum zu reduzieren. Nach Abschluss der Planung wurde ein Protokoll mit allen Koordinaten erstellt.
Anhand dieser Daten erfolgte im Dentallabor die Umarbeitung der Scanschablone in eine Bohrschablone, indem Bohrhülsen mithilfe des Koordinatentisches gonyX® (IVS Solutions AG, Chemnitz) eingearbeitet wurden (Abb. 4 u. 5). Geplant wurde die Insertion von acht Z-Look3-Implantaten (Z-Systems GmbH, Stuttgart) in den Regionen 15 bis 25 ohne Anwendung augmentativer Maßnahmen. Aufgrund des transgingivalen Einheilungsmodus des einteiligen Implantatdesigns ist die Indikation zur Anwendung augmentativer Techniken sehr streng zu stellen, da im Falle eines
Abb. 5: Mit dem Koordinatentisch gonyX® werden die gewonnenen Daten in die Bohrschablone übertragen.
Abb. 5: Mit dem Koordinatentisch gonyX® werden die gewonnenen Daten in die Bohrschablone übertragen.
Knochendefizites meist ein zweizeitiges Vorgehen notwendig wird16.

Lesen Sie weiter:
Sofortbelastung von Keramikimplantaten im zahnlosen Oberkiefer – Ein klinischer Fallbericht – Teil 2


Lesen Sie weiter:
Sofortbelastung von Keramikimplantaten im zahnlosen Oberkiefer – Ein klinischer Fallbericht – Teil 3

Teilen

Fotostrecke
Abb. 2: Bedienoberfläche der Planungssoftware coDiagnostix® mit allen wesentlichen Ansichten.   Abb. 3: 3D-Planung mit coDiagnostix®: Virtuelle Festlegung der Implantatpositionen nach anatomischen und prothetischen Gesichtspunkten.   Abb. 4: Zur Bohrschablone umgearbeitete CT-Scanschablone (Zahntechnik: Kurt Beck, Labor Schappé, Bexbach).   Abb. 5: Mit dem Koordinatentisch gonyX® werden die gewonnenen Daten in die Bohrschablone übertragen.  


Literaturverzeichnis

  1. Kohal RJ, Papvasiliou G, Kamposiora P, Tripodakis A, Strub JR. Threedimensional computerized stress analysis of commercially pure titanium and Yttrium-partially stabilized zirconia implants. Int J Prosthodont 2002; 15: 189.
  2. Kohal RJ, Weng D, Bächle M, Strub JR. Loaded custom-made zirconia and titanium implants show similar osseointegration: an animal experiment. J Periodontol. 2004; 75 (9): 1262-8.
  3. Mayer W. Diagnostik von Unverträglichkeitsreaktionen in der Zahnmedizin. Ganzheitliche Zahnmedizin 2006; 01: 22-24.
  4. Mellinghoff J. Erste klinische Ergebnisse zu dentalen Schraubimplantaten aus Zirkonoxid. Z Zahnärztl Impl 2006; 22 (4): 288-293.
  5. Lambrich M, Iglhaut G. Vergleich der Überlebensraten von Zirkondioxid- und Titanimplantaten. Z Zahnärztl Impl 2008; 24 (3): 182-191.
  6. Akagawa Y, Ichikawa Y, Nikai H, Tsuru H. Tissue compatibility and stability of new zirconia ceramic in vivo. J Prosthet Dent 1992; 68 (2): 322-326.
  7. Kohal RJ, Hürzeler MB, Mota LF, Klaus G, Caffesse RG, Strub JR. Custommade root analogue titanium implants placed into extraction sockets. An experimental study in monkeys. Clin Oral Implants Res 1997; 8: 386.
  8. Kohal RJ, Weng D, Bächle M, Klaus G. Zirkonoxid-Implantate unter Belastung. Eine vergleichende histologische, tierexperimentelle Untersuchung. Z Zahnärztl Impl 2003; 19 (2): 88-91.
  9. Kondell PA, Soder PO, Landt H, Frithiof L, Anneroth G, Engstrom PE, Olsson ML. Gingival fluid and tissues around successful titanium and ceramic implants. A comparative clinical, laboratory, and morphologic study. Acta Odontol Scand. 1991; 49 (3): 169-73.
  10. Sennerby L, Dasmah A, Larsson B, Iverhed M. Bone tissue responses to surface-modified zirconia implants: A histomorphometric and removal torque study in the rabbit. Clin Implant Dent Relat Res 2005; 7 Suppl 1: 13-20.
  11. Steflik DE, McKinney RV Jr, Koth DL. Epithelial attachment to ceramic dental implants. Ann N Y Acad Sci 1988; 523: 4-18.
  12. Jaffin RA, Kumar A, Berman CL. Immediate loading of dental implants in the completely edentulous maxilla: a clinical report. Int J Oral Maxillofac Implants 2004; 19: 721-730.
  13. Malo P, Rangert B, Dvarsater L. Immediate function of Branemark implants in the esthetic zone: a retrospective clinical study with 6 months to 4 years of follow-up. Clin Implant Dent Relat Res 2000; 2: 138-146.
  14. Rocci A, Martignoni M, Gottlow J. Immediate loading in the maxilla using flapless surgery, implants in predetermined positions, and prefabricated provisional restorations: a retrospective 3-year clinical study. Clin Impl Dent Rel Res 2003; 5: 29-36.
  15. Hill HU. Multiple Chemikalien-Sensitivität (MCS) Ein Krankheitsbild der chronischen Multisystem-Erkrankungen. Shaker Verlag; Aachen 2005.
  16. Neugebauer J. Wem gehört die Zukunft: Keramik- oder Titanimplantaten? Dent Implanto 2007; 5: 356.
  17. Lekholm U, Zarb GA. Patientenselektion und Aufklärung der Patienten. In: Branemark, PI, Zarb G A, Albrektsson, T: Gewebeintegrierter Zahnersatz; Quintessenz, Berlin- Chicago- London- Rio de Janeiro- Tokio, 1985: 195-205.
  18. Glauser R, Ree A, Lundgren AK, Gottlow J, Hämmerle CHF, Schärer P. Immediate occlusal loading of Branemark implants applied in various jawbone regions: a prospective, 1-year clinical study. Clin Implant Dent Relat Res 2001; 3: 204-213.
  19. Lorenzoni M, Pertl C, Zhang K, Wimmer G, Wegscheider WA. Immediate loading of single-tooth implants in the anterior maxilla. Preliminary results after one year. Clin Oral Implants Res 2003; 14: 180-187.
  20. Tinschert J, Natt G, Körbe S, Heines N, Heussen N. Weber M, Spiekermann H. Bruchfestigkeit zirkonoxidbasierter Seitenzahnbrücken. Eine vergleichende In- vitro- Studie. Quintessenz 2006, 57 (8): 867-876.
  21. Dhom G. Wem gehört die Zukunft: Keramik- oder Titanimplantaten? Dent Implantol 2007; 5: 357.
Lamest

Dr. Christian Lamest

Fachzahnarzt für Oralchirurgie

Schulstraße 22

66740 Saarlouis

E-Mail: dr.lamest@bodtlaender-lamest.de
http://www.bodtlaender-lamest.de

Erik Bahr

Dr. Erik Bahr

Zahnarzt

Obertorstraße 1

66111 Saarbrücken

E-Mail: seriba@t-online.de
http://www.zahnarzt-bahr.de

Leser-Kommentare

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar zu verfassen.