Interaktive Fortbildung

Professionelle Diagnostik von Halitosis in der Zahnarztpraxis – Teil 1

Drucken Von Dr. Rainer Seemann, Dr. Karin Kislig    aktualisiert am 28.04.2010

Die Zahnmedizin sollte im Problemfeld Halitosis eine Vorreiterrolle einnehmen; schließlich ist bei rund 90 % aller Patienten mit Mundgeruch die Ursache auf orale Quellen zurückzuführen. Die Realität in der Ausbildungssituation von deutschen Zahnärzten sieht jedoch kaum oder gar keine Unterrichtung in dieser Richtung vor. Deshalb sind (zusätzliche) Informationen nötig, wie sie in den folgenden Ausführungen gegeben werden.

Abb. 1: Organoleptische Skala zur Messung der Geruchsstärke unter Zuhilfenahme des Abstandes zur Geruchsquelle.
Abb. 1: Organoleptische Skala zur Messung der Geruchsstärke unter Zuhilfenahme des Abstandes zur Geruchsquelle.


Interaktive FortbildungDas diagnostische Vorgehen bei Verdacht auf Halitosis wird ebenso erläutert wie die grundlegende Anamnese (einschließlich des Fragenkatalogs, der in der Halitosissprechstunde der Universität Bern verwendet wird), die Möglichkeiten der organoleptischen und instrumentellen Beurteilung und die zahnärztliche Untersuchung zur Ermittlung möglicher Ursachen und Co-Faktoren.

In etwa 90 % aller Fälle ist die Quelle von Mundgeruch in der Mundhöhlezu finden. Die unangenehm riechenden Substanzen, vor allem flüchtige Schwefelverbindungen (volatile sulfur compounds, VSC), werden in der Regel von mikrobiellen Belägen auf der Zunge produziert bzw. sind durch Mundhygienemaßnahmen zu beeinflussen. Die Ursachen dieser Beläge können vielfältig sein. Dem Zahnarzt stehen effektive Maßnahmen zur Verfügung, um den betroffenen Patienten zu helfen. Dazu zählen zusätzlich zur Individualprophylaxe eine regelmäßige Zungenreinigung und ggf. die Verwendung antibakteriell wirksamer Substanzen. Bezüglich einer effektiven Therapie sei auf die weiterführende Literatur verwiesen1,6.
Das Dilemma für die Patienten ist, dass sie selbst nicht oder nur schwer beurteilen können, ob sie Mundgeruch haben, also auf Hilfe von außen angewiesen sind. Die Ärzte ihrerseits wissen oft nicht, wie sie sich der Problematik nähern können. Die Daten aus der Mundgeruchsprechstunde der Charité in Berlin zeigen dies deutlich, denn nur bei etwa 5 % der Patienten wurde von vorangehend aufgesuchten Ärzten eine Beurteilung des Geruches durchgeführt. Es besteht also Informationsbedarf.

Diagnostisches Vorgehen bei Verdacht auf Mundgeruch



Der erste Schritt einer systematischen Untersuchung ist die Feststellung, ob überhaupt Mundgeruch vorhanden ist. Dies ist enorm wichtig, da ein nicht unerheblicher Anteil der Patienten, die beim Arzt erscheinen, im Glauben, sie hätten Mundgeruch, überhaupt keinen Mundgeruch aufweisen. Bei diesen Patienten mit so genannter Pseudohalitosis ist ein anderes Vorgehen erforderlich als bei Patienten, die objektivierbaren Mundgeruch haben2.

Wir empfehlen folgende Vorgehensweise:
  1. Erhebung einer mundgeruchsbezogenen Anamnese
  2. organoleptische Untersuchung zur Feststellung, ob Mundgeruch vorhanden ist, und zur Eingrenzung der Geruchsquelle
  3. instrumentelle Geruchsdiagnostik zur Ergänzung der organoleptischen Untersuchung
  4. zahnärztliche Untersuchung zur Ermittlung möglicher Ursachen und Co-Faktoren
  5. Wiederholungsuntersuchungen zur Sicherung der Diagnos

Anamnese



Die Mundgeruchsanamnese ergänzt die allgemein in der Zahnarztpraxis übliche Anamnese zur Erfassung allgemeiner und zahnmedizinischer Erkrankungen um das Mundhygieneverhalten sowie um Einstellungen und Beobachtungen des Patienten zum Thema Mundgeruch. Nachfolgend werden die im Fragebogen unserer Sprechstunde verwendeten, speziell auf die Mundgeruchsproblematik abzielenden Fragen erläutert. Diese Zusammenstellung ist im Laufe der Zeit entstanden und erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Der Anamnesebogen sollte daher auf die spezifischen Strukturen und Bedürfnisse der jeweiligen Praxis abgestimmt sein. Raum für Bemerkungen und Notizen ermöglicht dem Arzt, zusätzliche Fakten, die nicht durch den Fragebogen abgedeckt sind, zu notieren, um sich bei Nachuntersuchungen den speziellen Patientenfall einfacher wieder vor Augen führen zu können.

Allgemeines
  • Warum suchen Sie die Mundgeruchsprechstunde auf?
  • Wie sind Sie auf unsere Mundgeruchsprechstunde aufmerksam geworden?

Die erste Frage wird manchmal von Patienten als überflüssig empfunden.
Mit diesen Patienten wird man in der Regel keine Probleme haben. Allerdings kann die Beantwortung dieser Frage viel verraten. Durch Antworten wie „Weil Sie meine letzte Hoffnung sind“ oder „Weil ich endlich mal die Meinung eines Fachmanns benötige“ erhält man bereits einen Eindruck vom Leidensdruck und den Erwartungen des Patienten. Die Antworten auf die zweite Frage können wertvolle Erkenntnisse zur Wirksamkeit des Praxismarketings liefern.

Eigen- und Fremdwahrnehmung
  • Merken Sie selbst, dass Sie Mundgeruch haben? (Seit wann? Wie häufig?)
  • Beobachten Sie Reaktionen anderer Menschen auf Ihren Mundgeruch?
  • Hat Ihnen jemand bestätigt, dass Sie Mundgeruch haben? (Wer?)
  • Wie lange haben Sie schon Mundgeruch? (Tage/Monate/Jahre?)
  • Wie oft haben Sie Mundgeruch?
  • Haben Sie momentan einen schlechten Geschmack im Mund?
  • Was denken Sie, wie intensiv ist Ihr Mundgeruch (Skala 1–6)?
  • Können Sie einen Zusammenhang zwischen Ihrer Arbeit und dem Mundgeruch feststellen?
  • Wird Ihr Leben durch den Mundgeruch beeinflusst? (Privat? Bei der Arbeit?)

Mithilfe dieser Fragen lässt sich abschätzen, wie sehr und seit wann der Patient unter dem Problem leidet. Aus dem Vergleich zwischen Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung ergeben sich möglicherweise bereits Anzeichen auf das Vorliegen einer Pseudohalitosis. Die Daten unserer Sprechstunde zeigen, dass Patienten mit Pseudohalitosis signifikant häufiger angaben, dass sie nicht vom Partner oder einer Vertrauensperson auf Mundgeruch angesprochen worden sind, obwohl nach der Eigenwahrnehmung der eigene Mundgeruch als deutlich vorhanden eingestuft wurde8.

Co-Faktoren und Ernährung



Die folgenden Fragen dienen der Ermittlung möglicher Co-Faktoren, die die Entstehung von Mundgeruch begünstigen. In der Regel sind dies Begleitumstände, die einen negativen Einfluss auf die Speichelproduktion haben. Man erhält einen Hinweis, ob die Durchführung einer Speichelfließratenmessung sinnvoll ist oder nicht. Die Ernährungsanamnese ist bewusst kurz gehalten. Da es keine verlässlichen Daten zur Beeinflussung von Mundgeruch durch das Ernährungsverhalten gibt, beschränken wir uns darauf, zu erfragen, ob ausreichend Flüssigkeit aufgenommen wird, ob regelmäßige Mahlzeiten eingehalten werden und ob eine einseitige Ernährung vorliegt. Demnach werden folgende Fragen gestellt:
  • Rauchen Sie?
  • Trinken Sie Alkohol? (Wie viel?)
  • Machen Sie eine spezielle Diät?
  • Leiden Sie unter Mundtrockenheit?
  • Wie viel und was trinken Sie pro Tag?
  • Müssen Sie viel und lange reden (z. B. telefonieren, Vorträge)?
  • Haben Sie häufig Stress?
  • Schnarchen Sie?
  • Bekommen Sie gut Luft durch die Nase?
  • Haben Sie Allergien?
  • Nehmen Sie regelmäßig Medikamente ein? (Welche? Gegen was?)

Arzterfahrung
  • Haben Sie einen der folgenden Ärzte wegen Mundgeruchs aufgesucht?
    – Hausarzt
    – Internist
    – HNO-Arzt
  • Was wurde behandelt?
  • Trat eine Besserung ein?
  • Wurde von einem der Ärzte eine Beurteilung der Geruchsstärke durchgeführt?

Diese Fragen ergänzen die Anamnese und erlauben Rückschlüsse auf relevante Vorerkrankungen bzw. durch vorangegangene Diagnostik ausgeschlossene Erkrankungen. Die letzte Frage hilft zu beurteilen, ob eventuell trotz umfangreicher diagnostischer Bemühungen kein Mundgeruch vorliegt. Möglicherweise ist dieser ja nur in der Eigenwahrnehmung des Patienten vorhanden und diese wurde nie durch eine Mundgeruchsbeurteilung objektiv überprüft. Die Auswertung unserer Sprechstunde ergab, dass eine solche Beurteilung nur sehr selten erfolgt und daher oft unnötige diagnostische und therapeutische Maßnahmen durchgeführt werden7.

Mundhygiene
  • Wie häufig putzen Sie Ihre Zähne?
  • Wie oft benutzen Sie Zahnseide oder Interdentalbürstchen?
  • Benutzen Sie ein Mundwasser oder eine Spüllösung?
  • Haben Sie Beläge auf Ihrer Zunge?
  • Reinigen Sie Ihre Zunge?
  • Lassen Sie Ihre Zähne regelmäßig reinigen?
  • Benutzen Sie Kaugummi?
  • Benutzen Sie Bonbons?

Bei der Mundhygieneanamnese soll der Zahnarzt im Wesentlichen ermitteln, ob eine Interdentalraumhygiene und regelmäßige professionelle Zahnreinigungen durchgeführt werden. Einige Patienten benutzen exzessiv Kaugummi und Pfefferminzbonbons, um Mundgeruch zu überdecken. Hier gilt es, diese Habits auf ein normales Maß zurückzuführen.

Lesen Sie weiter:
Professionelle Diagnostik von Halitosis in der Zahnarztpraxis – Teil 2

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Literaturverzeichnis

  1. Filippi A (Hrsg.): Halitosis – Patienten mit Mundgeruch in der zahnärztlichen Praxis. Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin, (2006)
  2. Nagel D, Lutz C, Filippi A: Halitophobie – das unterschätzte Krankheitsbild. Schweiz Monatsschr Zahnmed 116: 57-60 (2006)
  3. Rosenberg M, Septon I, Eli I, Bar-Ness R, Gelernter I, Brenner S, Gabbay J: Halitosis measurement by an industrial sulphide monitor. J Periodontol 62: 487-489 (1991a)
  4. Rosenberg M, Kulkarni G V, Bosy A, McCulloch C A: Reproducibility and sensitivity of oral malodour measurements with a portable sulphide monitor. J Dent Res 70: 1436-1440 (1991b)
  5. Rosenberg M, McCulloch C A: Measurement of oral malodour: current methods and future prospects. J Periodontol 63: 776-782 (1992)
  6. Seemann R (Hrsg.): Halitosismanagement in der zahnärztlichen Praxis. Spitta Verlag Balingen (2006)
  7. Seemann R, Passek G, Bizhang M, Zimmer S: Reduction of oral levels of volatile sulphur compounds (VSC) by professional toothcleaning and oral hygiene instruction in non-halitosis patients. Oral Health Prev Dent 2(4): 397-401 (2004)
  8. Seemann R: Instrumentelle Messung von Mundgeruch. In: Halitosis – Patienten mit Mundgeruch in der zahnärztlichen Praxis. Hrsg: Filippi A. Quintessenz Verlags-GmbH, Berlin, 45-46 (2006)
  9. Tonzetich J, Ng SK: Reduction of malodor by oral cleansing procedures. Oral Surg Oral Med Oral Pathol 42: 172-181 (1976)
  10. Tonzetich J: Preface. In: Bad breath. Research perspectives. Hrsg.: Rosenberg M, Ramot Tel Aviv, 13-20 (1997)
  11. Winkel E, Roldan S, Van Winkelhoff A J, Herrera D, Sanz M: Clinical effects of a new Mouthrinse containing chlorhexidine, cetylpyridinium chloride and zinc-lactae on oral halitosis. J Periodontol 30: 300-306 (2003)
  12. Yaegaki K, Sanada K: Volatile sulfur compounds in mouth air form clinically healthy subjects and patient with periodontal disease. J Periodontal Res 27: 233-238 (1992a)
Dr. Rainer Seemann

Dr. Rainer Seemann

Universität Bern

zmk bern

Klinik für Zahnerhaltung, Präventiv- und Kinderzahnmedizin

Freiburgstraße 7

CH-3010 Bern

E-Mail: Rainer.seemann@zmk.unibe.ch

Dr. Karin Kislig

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