Auswirkungen der alternden Gesellschaft auf den Zahnarztalltag

Orale Gesundheit im Alter – Teil 2

Drucken Von Dr. Birgit Wiedemann    aktualisiert am 14.06.2010

Abb. 2: Effektiv sind Zungenreiniger zur Bakterienbeseitigung auf der Zunge.
Abb. 2: Effektiv sind Zungenreiniger zur Bakterienbeseitigung auf der Zunge.

Mundtrockenheit



Ein Merkmal zahlreicher geriatrischer Patienten ist die Multimorbidität. Die meisten chronischen Erkrankungen werden mit einer Vielzahl von Medikamenten behandelt, die sehr häufig Xerostomie als Nebenwirkung zur Folge haben. Werden die Medikamente abgesetzt, ist die Mundtrockenheit in der Regel reversibel, im Gegensatz zur Mundtrockenheit, die durch systemische Krankheiten (z. B. Sjögren-Syndrom) oder nach radiologischen Therapien des Kopfbereiches auftritt. Etwa jeder dritte geriatrische Patient leidet unter einer subjektiv empfundenen Mundtrockenheit.

Der Speichel spielt eine zentrale Rolle für die Aufrechterhaltung der oralen Gesundheit. Ohne die Schutzfunktionen des Speichels, wie Pufferkapazität, Remineralisation der Zahnhartsubstanz oder Spülfunktion, besteht ein stark erhöhtes Karies- und Parodontitisrisiko. Mundtrockenheit hat zudem fatale Auswirkungen auf den Prothesenhalt. Ohne die Adhäsionskräfte des Speichels kann selbst eine gut angepasste Prothese nicht haften. Speichelmangel begünstigt weiterhin das Entstehen äußerst schmerzhafter Druckstellen, da die Prothese ohne die schützende Schleimschicht auf der empfindlichen gereizten Schleimhaut scheuert. Die ständig trockene Mukosa neigt zu schmerzhaften Infektionen und Pilzbefall und wird deutlich anfälliger für Verletzungen. Mundtrockenheit führt leicht zu großflächigen Entzündungen der Mundschleimhaut. Diese schränken nicht nur die Kauaktivität ein, sondern führen dazu, dass auf eine effiziente Mundhygiene verzichtet wird. Dadurch wird neuen Infektionen Vorschub geleistet5.

Nicht ausreichende Speichelbildung kann für eine Malnutrition im Alter mitverantwortlich sein. Die Speisen werden beim Kauvorgang nicht genügend eingeweicht, so dass sich auch der Schluckvorgang problematisch gestaltet, weil der Speichel als Gleitmittel fehlt. Wenn der Patient nicht mehr kräftig kaut, reduziert sich die physiologische Speichelproduktion, sodass sich die Xerostomie weiter verschlechtert. Als unangenehme Begleiterscheinung der Mundtrockenheit wird von den Patienten der nicht selten auftretende Mundgeruch gefürchtet.

Maßnahmen gegen Mundtrockenheit



Reichlich Flüssigkeitszufuhr und kauintensive Kost sind grundsätzliche Empfehlungen, die man den Patienten geben kann. Ist die Mundtrockenheit im Alter Folge einer medikamentösen Therapie, so sollte Medikamenten mit geringeren Nebenwirkungen der Vorzug gegeben werden. Oft allerdings genügt es schon, den Einnahmezeitpunkt zu verändern oder die Dosierung zu reduzieren.

Gerne lutschen die Betroffenen saure Bonbons. Diese schaffen durch den Säurereiz auf die Speicheldrüsen nur kurzfristig Abhilfe. Gleichzeitig schädigen sie jedoch durch den Zucker und die Säuren die natürlichen Zähne, da diesen der Schutz durch genügend Speichel fehlt.

Die auf dem Markt befindlichen Speichelersatzmittel werden von den alten Patienten kaum angenommen, zum einen wegen der umständlichen Handhabung, zum anderen wegen des schlechten Geschmacks. Auch hier ist es ganz wichtig, darauf zu achten, dass für Patienten mit natürlichen Zähnen keine Speichelersatzmittel empfohlen werden, die durch einen niedrigen pH-Wert eine demineralisierende Wirkung auf den Zahn haben. Bei Patienten, die an Mundtrockenheit leiden, ist außerdem immer daran zu denken, dass sublingual verabreichte Medikamente ihre Wirkung nicht oder nur verzögert entfalten können4.

Empfehlungen für die häusliche Mundhygiene



Für die Aufrechterhaltung der Mundgesundheit ist, unabhängig vom Alter und Gesundheitszustand der Patienten, die tägliche häusliche Mundhygiene unverzichtbar. Wichtigstes Ziel dieser Maßnahmen ist die regelmäßige und gründliche Plaqueentfernung, um Karies und Parodontalerkrankungen einzudämmen. Grundsätzlich gelten für Senioren die gleichen Prophylaxeempfehlungen wie für alle Erwachsenen; dennoch sollten Mundhygienemaßnahmen für ältere Patienten so einfach wie möglich konzipiert und auf die individuellen Fähigkeiten und die Motivation des Patienten abgestimmt werden.

Gemeinsam mit dem Patienten müssen für die häusliche Mundhygiene individuelle Prophylaxekonzepte erarbeitet werden, die auf seine speziellen altersbedingten Funktionseinschränkungen Rücksicht nehmen. Das Nachlassen motorischer, sensorischer oder mentaler Fähigkeiten kann zu erheblichen Problemen bei der Ausübung einer selbstständigen und effizienten Mundhygiene führen. Bei Verlust der manuellen Geschicklichkeit beispielsweise haben die Patienten oft schon Schwierigkeiten, eine Zahnpastatube zu öffnen oder den dünnen Stiel einer Zahnbüste zu ergreifen. Mit konfektionierten oder individuell angepassten Aufsätzen, die den Griff der Zahn- oder Prothesenbürste verstärken, kann die Mundhygiene erleichtert werden. Elektrische Zahnbürsten sind für Patienten mit motorischen Einschränkungen und auch für den Pflegebereich unbedingt empfehlenswert. Hierbei ist der sogenannten Schallzahnbürste der Vorrang vor rotierenden Bürsten zu geben. Der Patient kann den kompakten Griff der elektrischen Zahnbürste selbst gut greifen und die Bürste von Zahn zu Zahn führen, selbst wenn er die diffizilen Putzbewegungen aus dem Handgelenk nicht mehr leisten kann. So können auch pflegebedürftige Personen im Sinne der aktivierenden Pflege noch einen eigenen Beitrag zur Mundhygiene leisten. Zum Ausgleich der nachlassenden Sehkraft im Alter wird älteren Menschen empfohlen, zum Zähneputzen immer ihre Lesebrille aufzusetzen und zur Kontrolle der Mundhygiene einen Vergrößerungsspiegel, am besten mit eingebauter Lichtquelle, zu Hilfe zu nehmen. Eine Sitzgelegenheit am Waschbecken ermöglicht auch geschwächten Patienten, sich ausreichend Zeit für die Mundhygiene zu nehmen.

Auf eine regelmäßige Versorgung der Zähne mit lokal angewandten Fluoriden darf auf keinen Fall verzichtet werden. Zahnpasten mit einer Wirkstoffkombination von Amin- und Zinnfluorid wird der Vorzug gegeben, wenn durch gingivale Retraktionen Wurzelkaries und Zahnhalsüberempfindlichkeit vorliegen. Zahnpasten mit einem geringen Gehalt an Schleifkörpern schonen die freiliegenden Wurzelbereiche, reinigen allerdings auch nicht so gut.

Für ältere Patienten, bei denen durch Mundtrockenheit ein erhöhtes Kariesrisiko besteht, stehen inzwischen Zahnpasten mit einer Konzentration von 5.000 ppm Fluorid in Form von Natriumfluorid als verschreibungspflichtige dreimonatige Kur zur Verfügung. Für die Parodontitisprophylaxe unabdingbar ist die gründliche Zahnzwischenraumpflege, die nur mit den entsprechenden Hilfsmitteln, wie Zahnseide oder noch besser Interdentalbürsten, erzielt werden kann.

Der korrekte Gebrauch von Zahnseide ist für die älteren Patienten mit eingeschränkter Handmobilität oft unmöglich und wegen der häufig erweiterten Zahnzwischenräume und der unter sich gehenden Wurzelbereiche auch wenig effektiv. Wesentlich besser geeignet sind Interdentalbürsten, die in unterschiedlichen Größen angeboten werden und somit für jeden Interdentalraum eine vollständige Plaqueentfernung gewährleisten (Abb. 1)7.

Meistens vernachlässigt wird die Reinigung des Zungenrückens, der immerhin zwei Drittel der in der Mundhöhle befindlichen Bakterien beherbergt. Um den unangenehmen Würgereiz zu vermeiden, werden kleine, flache Zungenreiniger empfohlen. Diese werden vorsichtig weit hinten auf dem Zungenrücken aufgelegt und mehrmals mit leichtem Druck bis zur Zungenspitze gezogen (Abb. 2).

Als Ergänzung zur mechanischen Reinigung empfiehlt sich der regelmäßige Einsatz einer antibakteriellen Mundspülung, die auch bei längerem Gebrauch nicht zu einer Veränderung der physiologischen Mundflora oder zu Verfärbungen führt. Mit einer fluoridhaltigen Mundspüllösung kann sowohl die Plaquebildung – und damit die Entzündungsneigung – als auch das Fortschreiten einer Karies verhindert werden.

Für die Prothesenpflege werden speziell gestaltete Bürsten angeboten, die die Reinigung unter sich gehender Bereiche ermöglichen. Zur täglichen Pflege der Prothese genügt Flüssigseife, Kernseife oder eine schwach abrasive Zahnpasta. Die Verwendung von Reinigungstabletten ersetzt die mechanische Plaqueentfernung nicht. Auch bei älteren Menschen sollte mindestens zweimal im Jahr eine zahnärztliche Kontrolle stattfinden, die mit professioneller Zahn- und Prothesenreinigung ergänzt wird.

Bei strikter Einhaltung der zuvor beschriebenen Möglichkeiten der Zahnund Mundpflege ist ein lebenslanger Funktionserhalt des Kauorgans keineswegs eine Utopie8.

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Literaturverzeichnis

  1. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ): Der Alterssurvey – Aktuelles auf einen Blick: Gesundheit und Gesundheitsvorsorge (2005).
  2. Dörfer, Ch.: Parodontitis und Allgemeingesundheit. ZM 97, 22, 54 - 62 (2007).
  3. Gernhardt, Ch.: Freiliegende Zahnhälse – Problematik der Wurzelkaries. ZM 97, 4, 70 - 75 (2007).
  4. Gottschalk, T.: Mundhygiene und spezielle Mundpflege, Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern (2007).
  5. Hellwege, K.- D.: Die Praxis der zahnmedizinischen Prophylaxe. Georg Thieme Verlag Stuttgart, New York, 6, (1999).
  6. IDZ (Institut der Deutschen Zahnärzte; Hrsg.). Vierte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS IV): Neue Ergebnisse zu oralen Erkrankungsprävalenzen, Risikogruppen und zum zahnärztlichen Versorgungsgrad in Deutschland 2005. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln (2006).
  7. Kramer, E.: Prophylaxefibel. Grundlagen der Zahngesundheit. Deutscher Zahnärzteverlag, Köln (2009).
  8. Löhnes, M., Poswa-Scholzen, M.: Praxis und Prophylaxe: Fit für 50plus. Ein Leitfaden für das zahnärztliche Praxisteam. Quintessenz-Verlags GmbH, Berlin (2004).
  9. Müller, F., Nitschke, I.: Mundgesundheit, Zahnstatus und Ernährung im Alter. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 38, 5, 334 - 341 (2005).
Foto Wiedemann

Dr. Birgit Wiedemann

Zahnärztin & Dipl.-Psychogerontologin

Am Ziegelbaum 51

97204 Höchberg

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