Auswirkungen der alternden Gesellschaft auf den Zahnarztalltag

Orale Gesundheit im Alter – Teil 1

Drucken Von Dr. Birgit Wiedemann    aktualisiert am 01.03.2012

Nachdem im ersten Teil des Beitrages von Dr. Birgit Wiedemann, Zahnärztin & Dipl.-Psychogerontologin, die grundlegenden Erkenntnisse zu den gesundheitlichen Problemen und psychosozialen Lebensumständen der älteren Menschen ausführlich erläutert wurden, werden im folgenden zweiten Teil des Beitrages zur Alterszahnheilkunde Maßnahmen vorgestellt, die ältere Menschen vor Zahn- und Munderkrankungen schützen sollen. So sollte der Zahnarzt bei den Senioren insbesondere auf Wurzelkaries, Parodontitis und Mundtrockenheit achten. Unter Einbeziehung von geeigneten Hilfsmitteln sollte er gemeinsam mit dem Patienten ein individuelles Prophylaxekonzept, auch für die häusliche Mundhygiene, erarbeiten.

Abb. 1: Interdentalraumbürsten gibt es in verschiedenen Größen und sind oftmals handlicher.
Abb. 1: Interdentalraumbürsten gibt es in verschiedenen Größen und sind oftmals handlicher.


Der Erhalt der Mundgesundheit und Funktionsfähigkeit des Kauorgans im Alter ist einerseits für die Lebensqualität älterer Menschen bedeutend, andererseits auch für den allgemeinen Gesundheitszustand wichtig. Denn orale Erkrankungen können ein Risiko für die Allgemeingesundheit darstellen. So kann eine marginale Parodontitis kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabeteskomplikationen und Infektionen des Respirationstraktes, wie z. B. eine bakterielle Pneumonie auslösen.

Die Fortschritte in der Zahnmedizin und die Erfolge der Prophylaxemaßnahmen führen dazu, dass immer mehr Menschen mit ihren eigenen Zähnen alt werden. Die traditionelle Vorstellung, dass Alter und Zahnlosigkeit zusammengehören, muss also revidiert werden. Die im Jahre 2006 veröffentlichten Ergebnisse der Vierten Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS IV) zeigen erstmals in der Altersgruppe der 65- bis 74-Jährigen einen leichten Rückgang an Kariesbefall und Zahnverlust1. Trotzdem sind immer noch 22,6 % der Senioren völlig zahnlos, denn altersbedingt erhöht sich bei ihnen das Risiko, ihre Zähne durch Wurzelkaries und Parodontitis zu verlieren.

Die zwingend notwendigen zahnärztlichen Kontrolluntersuchungen und die regelmäßige professionelle Zahnreinigung werden mit zunehmendem Alter der Patienten immer seltener wahrgenommen. Dagegen steigt die Zahl der Arztbesuche bei älteren Patienten an. Ursache dafür dürfte u. a. die Zunahme von meist chronischen Allgemeinerkrankungen sein, die den regelmäßigen Zahnarztbesuch in den Hintergrund rücken. Außerdem leben viele alte Menschen in der Überzeugung, dass nach dem Verlust der eigenen Zähne und dem Eingliedern einer Totalprothese der regelmäßige Zahnarztbesuch überflüssig ist. Oft liegt darüber hinaus eine erstaunlich hohe subjektive Zufriedenheit mit dem Zahnersatz vor, selbst wenn dieser gravierende Mängel aufweist6.

Weiterhin besteht bei der älteren Generation immer noch eine weit verbreitete Unkenntnis über die Möglichkeiten und die Bedeutung zahnmedizinischer Prävention etwa hinsichtlich der Parodontalprophylaxe und Tumorfrüherkennung. Mobilitätseinschränkungen, die im Alter deutlich zunehmen, erschweren zusätzlich den selbstständigen Besuch in der Zahnarztpraxis. Im Folgenden sollen wesentliche orale Erkrankungen der älteren Patienten angesprochen und gegebenenfalls auf ihre Bedeutung für die Allgemeingesundheit hingewiesen werden.

Wurzelkaries



Mit zunehmendem Alter zeigen viele Patienten an einzelnen oder mehreren Zähnen gingivale Rezessionen. Die nun freiliegenden Wurzelanteile sind nicht durch Zahnschmelz geschützt und deshalb wesentlich anfälliger für aggressive Säureangriffe. Erschwerend kommt hinzu, dass sich der Zahn zur Wurzel hin verjüngt und die unter sich gehenden Stellen am Zahnhals beim Zähneputzen schwer zu erreichen sind. Bei insuffizienter Mundhygiene, wie sie bei älteren Patienten mit eingeschränkter Handmobilität häufig ist, kommt es in dieser Region unweigerlich zu einer Akkumulation von Plaque. Wird diese nicht vollständig und regelmäßig entfernt, kann schnell eine Wurzelkaries entstehen, die häufig zum Verlust des Zahnes führt. Eine Intensivierung der Mundhygiene und der Einsatz hochwirksamer Fluoride dämmen dieses Risiko deutlich ein3.

Parodontitis



Im Alter gehen weitaus mehr Zähne durch Erkrankungen des Zahnhalteapparates als durch Karies verloren. Wird der bakterielle Zahnbelag nicht regelmäßig und gründlich entfernt, reagiert das Zahnfleisch aufgrund des pathologischen Biofilms zuerst mit einer Gingivitis, die unbehandelt in eine Parodontitis übergehen wird. Es kommt zur Ausbildung von Zahnfleischtaschen, die die Plaquebildung begünstigen und die häusliche Mundhygiene erschweren. Langfristig verursacht eine Parodontitis irreversible Schäden am Zahnhalteapparat. Der Abbau des Kieferknochens führt zur Zahnlockerung, Zahnwanderung und letztendlich zum Zahnverlust.

Bei der Parodontitis handelt es sich aber nicht nur um ein rein lokales Geschehen. Mittlerweile mehren sich die Hinweise, dass die chronischen Infektionen der Mundhöhle einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Allgemeingesundheit nehmen, indem sie entzündliche Erkrankungen und deren Folgen im Körper auslösen oder fördern können. Dabei wird die marginale Parodontitis als Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabeteskomplikationen, untergewichtige Frühgeborene und Infektionen des Respirationstraktes diskutiert.

Bei einer chronischen Parodontitis befindet sich in der Mundhöhle eine sezernierende Wundfläche, die pathogenen Keimen die Möglichkeit bietet, barrierefrei in den Blutkreislauf zu gelangen. Die nachfolgende Bakteriämie ist dann im gesamten Blutkreislauf nachweisbar, was besonders schnell bei älteren Patienten mit einer geschwächten Abwehrlage zu Komplikationen führen kann.

Die Mikroorganismen aus der Plaque können aber auch durch Aspiration in den Respirationstrakt gelangen und die gerade bei alten Menschen gefürchtete bakterielle Pneumonie auslösen. Bei den für eine Pneumonie besonders anfälligen Patienten in geriatrischen Rehabilitationskliniken, auf Intensivstationen und in Altenpflegeheimen wird jedoch die Mundhygiene oft vernachlässigt.

Eine gezielte Parodontitisprophylaxe ist deshalb besonders bei älteren Patienten nicht nur für die Gesunderhaltung des Zahnhalteapparates, sondern auch im Hinblick auf Wechselwirkungen mit der Allgemeingesundheit von großer Bedeutung2.

Gefahr der Mangelernährung nach Zahnverlust



Der Verlust natürlicher Zähne beeinträchtigt die Kaufunktion erheblich und kann durch die Eingliederung von Zahnersatz nur teilweise ausgeglichen werden. Da dieser Funktionsverlust in der Regel nicht plötzlich, sondern schleichend eintritt, wird von den Patienten selten realisiert, dass sie langfristig mehr oder weniger unbewusst ihre Ernährung umstellen. Durch das Kochen von Obst, Entfernen der Brotrinde oder Pürieren von Fleisch beispielsweise wird die Konsistenz der Nahrungsmittel verändert und so versucht, die reduzierte Kaufunktion auszugleichen. Bestehen die Kauprobleme über längere Zeit, schränken die Betroffenen häufig unbemerkt die Auswahl der Speisen immer mehr ein.

Mit fehlenden Zähnen oder schlecht passendem Zahnersatz lässt auch die Kauaktivität nach. Dies kann dazu führen, dass die verzehrten Portionen kleiner werden und kauintensive sowie faserreiche Kost vermieden wird. Auf frisches Obst und Gemüse wird verzichtet, dafür steigt der Verzehr von fett- und zuckerreicher Nahrung an. Langfristig wird die Ernährung einseitig und unausgewogen, die Zufuhr wichtiger Nährstoffe ist nicht mehr garantiert. Da der häufige Verzehr von kohlenhydratreicher klebriger Kost das Wachstum der mikrobiellen Plaque begünstigt, besteht bei mangelhafter Mundhygiene für die natürlichen Zähne zusätzlich ein erhöhtes Karies- und Parodontitisrisiko9.

Lesen Sie weiter:
Orale Gesundheit im Alter – Teil 2

Teilen


Literaturverzeichnis

  1. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ): Der Alterssurvey – Aktuelles auf einen Blick: Gesundheit und Gesundheitsvorsorge (2005).
  2. Dörfer, Ch.: Parodontitis und Allgemeingesundheit. ZM 97, 22, 54 - 62 (2007).
  3. Gernhardt, Ch.: Freiliegende Zahnhälse – Problematik der Wurzelkaries. ZM 97, 4, 70 - 75 (2007).
  4. Gottschalk, T.: Mundhygiene und spezielle Mundpflege, Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern (2007).
  5. Hellwege, K.- D.: Die Praxis der zahnmedizinischen Prophylaxe. Georg Thieme Verlag Stuttgart, New York, 6, (1999).
  6. IDZ (Institut der Deutschen Zahnärzte; Hrsg.). Vierte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS IV): Neue Ergebnisse zu oralen Erkrankungsprävalenzen, Risikogruppen und zum zahnärztlichen Versorgungsgrad in Deutschland 2005. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln (2006).
  7. Kramer, E.: Prophylaxefibel. Grundlagen der Zahngesundheit. Deutscher Zahnärzteverlag, Köln (2009).
  8. Löhnes, M., Poswa-Scholzen, M.: Praxis und Prophylaxe: Fit für 50plus. Ein Leitfaden für das zahnärztliche Praxisteam. Quintessenz-Verlags GmbH, Berlin (2004).
  9. Müller, F., Nitschke, I.: Mundgesundheit, Zahnstatus und Ernährung im Alter. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 38, 5, 334 - 341 (2005).
Foto Wiedemann

Dr. Birgit Wiedemann

Zahnärztin & Dipl.-Psychogerontologin

Am Ziegelbaum 51

97204 Höchberg

Tel.: 0931 409925

Fax: 0931 408666

E-Mail: wiedemann@gerontodent.de

Leser-Kommentare

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar zu verfassen.