Lifestyle, Lebensqualität, Ästhetik – eine Annäherung aus zahnmedizinischer Sicht

Drucken Von Markus Bechtold, Dr. Stefan Fickl    aktualisiert am 10.02.2012

Gesundheit ist ein entscheidender Faktor für die Lebensqualität des Individuums. Hierbei kann die Allgemeinmedizin, wie auch die Zahnheilkunde, einen entscheidenden Beitrag zur Stabilisierung und Aufrechterhaltung dieser Lebensqualität leisten. Wie dies konkret möglich ist, erläutern die Autoren in den folgenden Ausführungen.




Begriffe wie Lifestyle, Lebensqualität und Ästhetik bestimmen unser tägliches Leben. Das Verlangen nach Schönheit ist so alt wie die Menschheit selbst. Bereits in der antiken Hochkultur war es wichtig, nicht nur gesund, sondern auch schön auszusehen. Dabei wird Schönheit, Ästhetik und der sogenannten Lebensqualität ein großer Stellenwert beigemessen. Auch unser dentales Aufgabenfeld wird von diesen Begriffen zunehmend geprägt, da wir als Zahnärzte nicht nur Gesundheit, sondern auch Ästhetik schaffen sollen und auch müssen. So muss eine Frontzahnfüllung nicht nur den kariösen Zerstörungsprozess aufhalten und die damit verbundene Rekonstruktion der zerstörten Zahnhartsubstanz schaffen, sondern sie soll auch formschön und zahnfarben sein. Dieses Beispiel verdeutlicht den Zusammenhang von Medizin und Ästhetik in großem Maße. Bei all diesen Zusammenhängen drängen sich jedoch einige Fragen auf: Was ist überhaupt Lebensqualität? Inwiefern hängt die Lebensqualität von den Zähnen ab? Kann ein gesunder Mund die Lebensqualität tatsächlich steigern? Der Beantwortung dieser Fragen gehen die folgenden Ausführungen nach.

Definition von Lebensqualität



Lebensqualität per se wird von vielen Faktoren bestimmt. Dabei spielen scheinbar finanzielle oder materielle Gesichtspunkte nur eine untergeordnete Rolle. Zwar kann eine schöne Wohnung, ein teures Auto oder eine markante Uhr das Leben bereichern, signifikante Auswirkungen auf die Lebensqualität bewirken diese jedoch erstaunlicherweise nicht [4]. Befragt man etwa die Bevölkerung, so werden zum Thema Lebensqualität Begriffe wie Gesundheit, Freunde, Familie und eine geregelte Arbeit an erster Stelle genannt. Finanzielle und materialistische Aspekte scheinen dabei sekundär. Grimm J. und Mitarbeiter fanden 2006 in ihrem Werk „Ergebnisse der Glücksforschung“ heraus, dass eine Versechsfachung des Bruttoinlandproduktes in Japan im Zeitraum von 1958 bis 1991 keinen Einfluss auf Zufriedenheit und Lebensqualität der Bevölkerung hatte [4]. Gleiche Daten konnten auch in den USA ermittelt werden. In der Zeit von 1970 bis 1990 konnten die USA ihr Bruttoinlandsprodukt um 20 % steigern, jedoch auch hier ohne eine merkliche oder fühlbare Verbesserung der Lebensqualität für die Bevölkerung. Auch die 2,5-fache Erhöhung des Pro-Kopf- Einkommens in China in der Zeit von 1994 bis 2005 hatte keine Auswirkung auf die Zufriedenheit der Landesbevölkerung [4]. Somit zeigen diese Beispiele exemplarisch für drei Industrienationen, dass finanzielle Aspekte zwar wichtig für die Stabilität und die Entwicklung eines Landes sind, sich jedoch nicht proportional auf die Lebensqualität und damit auf die Zufriedenheit der Bevölkerung niederschlagen.

Doch an was lässt sich Lebensqualität messen, wenn es nicht Geld oder Sachwerte sind? Die WHO stellte in ihrer Bangkok-Charta [1] fest, dass das Erreichen des höchstmöglichen Gesundheitsstandards eines der fundamentalsten Rechte aller Menschen darstellt. Dieses Papier begreift den Faktor Gesundheit als Bestimmungsfaktor für die Lebensqualität. Natürlich spielt auch die psychische Grundeinstellung eines Individuums eine große Rolle. Damit kann unter anderem auch erklärt werden, weshalb Studien belegen, dass querschnittsgelähmte Menschen nicht unbedingt eine schlechtere Lebensqualität als ein gesunder Mensch haben.

Somit liegen der Erhalt und/oder die Schaffung von Lebensqualität und damit auch die Verantwortung teilweise in den Händen der Ärzte und Mediziner. Wir haben es sprichwörtlich in der Hand, wie die Lebensqualität unserer Patienten durch unser Tun und Handeln steigt, oder in manchen Fällen aber auch sinken kann. Letztendlich hängt die Lebensqualität also sehr eng mit der Gesundheit des Individuums zusammen. Wir Ärzte und auch wir Zahnärzte müssen uns also dieser großen Verantwortung stets bewusst sein.

Wie Mediziner die Lebensqualität beeinflussen können



Stellt man sich die Frage, wie Mediziner die Lebensqualität beeinflussen können, so kommt der Prävention und Prophylaxe eine große Bedeutung zu. Die Sicherung der Mobilität, die Möglichkeit sich selbst zu versorgen und aktiv am sozialen Leben teilzunehmen sind die höchsten Güter eines jeden Patienten, die es gilt, so lange als möglich aufrecht zu erhalten. Die Gesundheitsförderung, Vorsorgeuntersuchungen, regelmäßige Kontrollen der Blutwerte und andere Parameter tragen letztlich dazu bei, dem Patienten die Gesundheit und damit die individuelle Lebensqualität zu sichern. Dabei spielen auch minimalinvasive Eingriffe, welche es dem Patienten rasch wieder erlauben am sozialen Leben teilzunehmen, eine bedeutende Rolle. Eine Hospitalisierung des Patienten schränkt diesen im sozialen Leben ein und beeinflusst dessen Lebensqualität somit negativ. Aber gerade auch die frühe und rechtzeitige Erkennung von Erkrankungen oder Tumoren spielen eine nicht unbedeutende Rolle. Unterstützen wir Mediziner den Patienten also dabei, sich gesund zu ernähren, Sport zu treiben und kontrollieren diverse Parameter des Patienten in regelmäßigen Abständen, so tragen wir entscheiden zur Lebensqualität des Patienten bei.

Wie Zahnmediziner die Lebensqualität beeinflussen können



Abb. 1: Sondierungsbefund.
Abb. 1: Sondierungsbefund.
Auch hier greifen vergleichbare Prinzipien, wie in der Allgemeinmedizin. Früherkennung von Erkrankungen, rechtzeitige Diagnose und miminalinvasive Therapie spielen eine zentrale Rolle (Abb. 1). Befragt man auch hier wiederum die Bevölkerung, welche zentralen Punkte der Mundgesundheit für Sie sind, so werden häufig Begriffe wie gesunde Zähne, gesundes Zahnfleisch, guter Mundgeruch, Schmerzfreiheit und feste Zähne genannt [5]. Dabei ist es für die Lebensqualität des Patienten nicht mehr nur wichtig, kraftvoll zuzubeißen, sondern auch ohne Scham Lachen zu können. Wer kennt es nicht, das Bild eines älteren Menschen, der sich beim Lachen voller Scham die Hand vor den Mund hält, um die schlecht sitzende Prothese zu kaschieren?

Ungezwungen in der Öffentlichkeit auftreten zu können ist eines der höchsten Güter. Zu einem ungezwungen Auftreten gehören Dinge wie guter Mundgeruch, fester und ästhetischer Zahnersatz, feste Zähne, gesundes Zahnfleisch, ästhetisches Zahnfleisch sowie Schmerzfreiheit [5]. Dies sind die Anforderungen an die moderne Zahnheilkunde. Aus Studien von Cunha-Cruz J. wissen wir, dass beispielsweise eine Parodontitis die Lebensqualität von betroffenen Patienten signifikant einschränkt [2]. Turkyilmaz I. et al. fanden heraus, dass implantatgestützte Prothesen eine höhere Lebensqualität erzielen, als konventioneller Zahnersatz [6]. Auch reduziert ein Zahnverlust die Lebensqualität [3]. Insofern sollte durch regelmäßige Vorsorge und Prophylaxe versucht werden, diesen Faktor positiv zu beeinflussen.

Dabei kommen natürlich auch Implantate und gut sitzende Prothesen ins Spiel, welche es dem Patienten ermöglichen sollen, fest zuzubeißen [7]. Aber auch eine erfolgreiche Parodontitisbehandlung, funktioneller und ästhetischer Zahnersatz und minimalinvasive Füllungstherapien steigern die Mundgesundheit und verbessern somit nachhaltig die Lebensqualität des Patienten [2,5].

Maßnahmen für einen konkreten Einfluss



1. Prävention von Erkrankungen

An erster Stelle stehen hier sicherlich die Tumorprophylaxe und die regelmäßige Inspektion der Mundschleimhaut (Abb. 2 u. 3). Somit soll eine Veränderung der oralen Schleimhaut frühzeitig erkannt, vom Fachmann begutachtet und die entsprechenden Schritte eingeleitet werden. Doch auch durchaus profanere Ansätze, wie die Anleitung zum richtigen Zähneputzen, regelmäßige Prophylaxemaßnahmen wie Zahnreinigungen und Fluoridierungen vermögen die Mundgesundheit zu stabilisieren, parodontale Erkrankungen vorzubeugen und die Lebensqualität somit zu verbessern. Auch weiterführende Maßnahmen, wie Aufbissschienen bei Bruxismus oder Kiefergelenkbeschwerden bis hin zur regelmäßigen radiologischen Diagnostik sind Faktoren, welche unter dem Begriff Prävention zu verstehen sind und die Lebensqualität nachhaltig zu steigern vermögen.
Bilder
Abb. 2: Diagnostik: Erkennen von Veränderungen der Mundschleimhaut.   Abb. 3: Diagnostik: Erkennen von Veränderungen der Mundschleimhaut.  


2. Behandlungen von subjektiven Lebenseinschränkungen

Abb. 4: Unzufriedenstellende Ästhetik nach erfolgreicher Parodontaltherapie.
Abb. 4: Unzufriedenstellende Ästhetik nach erfolgreicher Parodontaltherapie.
Hier kommen Behandlungen von Zahnfleischbluten, überempfindlichen Zahnhälsen, durch Karies bedingte Schmerzen oder Beschwerden anderer Genese in Betracht. In diesem Zusammenhang spielt die Behandlung von parodontalen Erkrankungen eine entscheidende Rolle (Abb. 4). Die erfolgreiche Therapie einer Parodontitis kann im großen Maße die Lebensqualität des Patienten positiv beeinflussen. Needleman I. et al. konnten in diesem Zusammenhang zeigen, dass eine bestehende Parodontitis großen Einfluss auf physische, psychische und soziale Komponenten hat. Dabei sind die Hauptanliegen des Patienten geschwollenes Zahnfleisch, Schmerzen am Zahnfleisch, Gewebsrezessionen, lockere Zähne, Zahnwanderungen, sowie ein schlechter Geschmack [5].

3. Etablierung von Funktion

Thomason J.M. et al. stellten fest, dass signifikant geringere Lebensqualität bei zahnlosen Patienten im Unterkiefer besteht und höhere Lebensqualität bei Patienten, welche von herausnehmbaren Versorgungen auf festsitzende Rekonstruktionen umgestellt wurden [7]. Dies zeigt, dass die Funktion des orofazialen Systems durch gut funktionierenden Zahnersatz gesteigert werden kann. Wenn möglich, sollte im Sinne der Lebensqualität versucht werden, Patienten festsitzend zu versorgen, eventuell durch strategische Implantate, oder mit der klassischen Kronen- und Brückenprothetik. Kann ein Patient nicht festsitzend versorgt werden, so sollte man versuchen, die herausnehmbaren Prothesen so fest wie möglich, auch in diesem Falle eventuell unterstützt durch Implantate, zu stabilisieren. Auf alle Fälle muss darauf geachtet werden, dass alle Arten von Zahnersatz lagestabil sind, die Phonetik und Artikulation in keiner Weise beeinträchtigen und auch ästhetisch zum Patienten passen. Sind all diese Prinzipen erfüllt, kann sich dies positiv auf die Lebensqualität des Patienten auswirken.

4. Etablierung von Ästhetik

Abb. 5: Frontzahnverbreiterung zur Verbesserung der Ästhetik im Frontzahnbereich.
Abb. 5: Frontzahnverbreiterung zur Verbesserung der Ästhetik im Frontzahnbereich.
Hierbei kann zwischen der roten und der weißen Ästhetik unterschieden werden. Soll die weiße Ästhetik korrigiert, also Veränderungen an der Zahnhartsubstanz vorgenommen werden, so ist dies in vielen Fällen durch minimalinvasive Eingriffe mittels Adhäsivtechnik möglich. Dabei können korrektive Eingriffe an der Zahnhartsubstanz wie etwa Frontzahnverbreiterungen, Schmelzlifts oder anderen Formkorrekturen mittels Komposit vorgenommen werden (Abb. 5). Sind die Defekte nicht mittels adhäsiver Schichttechnik therapierbar, können auch laborgefertigte Alternativen wie Veneers oder Klebebrücken zum Einsatz kommen.

Soll nicht die Form, sondern die Farbe der Zahnhartsubstanz verändert werden, so kommt ein Bleaching in Betracht. Im individuellen Einzelfall kann eine solche Zahnaufhellung entweder durch vorangegangene endodontische Maßnahmen verfärbte Zähne betreffen oder der Patient wünscht eine generelle Aufhellung der Zähne. Diese Form der ästhetischen Korrektur kann im Einzelfall den Leidensdruck des Patienten minimieren und somit erheblich zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen.

Sind Korrekturen oder Veränderungen der roten Ästhetik, also der Gingiva, nötig (s. auch Abb. 4), so steht eine große Zahl von parodontal-chirurgischen Techniken zur Verfügung. Exemplarisch seien hier Techniken wie Rezessionsdeckungen oder Gingivektomien erwähnt (Abb. 6–11). Dabei können Defekte plastisch gedeckt oder ästhetisch störendes Zahnfleisch entfernt werden, was im Einzelfall die individuelle Ästhetik des Patienten und somit wiederum dessen Lebensqualität optimieren kann.
Bilder
Abb. 6: Gingivale Rezessionen im I. Quadranten.   Abb. 7: Gingivale Rezessionen an der OK-Front.   Abb. 8: Gingivale Rezessionen im II. Quadranten.   Abb. 9: Erfolgreiche Rezessionsdeckung im I. Quadranten.   Abb. 10: Erfolgreichen Rezessionsdeckung an der OK Front.   Abb. 11: Erfolgreiche Rezessionsdeckung im II. Quadranten.  


Fazit

Gesundheit ist ein entscheidender Faktor für die Lebensqualität des Individuums. Hierbei kann die Allgemeinmedizin, wie auch die Zahnheilkunde, einen entscheidenden Beitrag zur Stabilisierung und Aufrechterhaltung dieser Lebensqualität leisten. Zahnmedizin kann direkten Einfluss auf die subjektive Lebensqualität des Individuums nehmen. Dabei steht die Prophylaxe und Vorsorge der oralen Gesundheit im Mittelpunkt aller Bestrebungen. Aber auch symptombezogene Behandlungen wie Füllungstherapien, die Behandlung einer Parodontitis, ästhetisch korrektive Eingriffe wie Rezessionsdeckungen oder Bleaching spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, die Lebensqualität des Patienten zu verbessern. Dabei stellt die Etablierung von Funktion und Ästhetik einen zentralen Pfeiler unseres ärztlichen Handelns dar.

Teilen

Fotostrecke
Abb. 1: Sondierungsbefund.   Abb. 2: Diagnostik: Erkennen von Veränderungen der Mundschleimhaut.   Abb. 3: Diagnostik: Erkennen von Veränderungen der Mundschleimhaut.   Abb. 4: Unzufriedenstellende Ästhetik nach erfolgreicher Parodontaltherapie.   Abb. 5: Frontzahnverbreiterung zur Verbesserung der Ästhetik im Frontzahnbereich.   Abb. 6: Gingivale Rezessionen im I. Quadranten.   Abb. 7: Gingivale Rezessionen an der OK-Front.   Abb. 8: Gingivale Rezessionen im II. Quadranten.   Abb. 9: Erfolgreiche Rezessionsdeckung im I. Quadranten.   Abb. 10: Erfolgreichen Rezessionsdeckung an der OK Front.   Abb. 11: Erfolgreiche Rezessionsdeckung im II. Quadranten.  

ZMK | Jg. 28 | Ausgabe 1-2 _ Januar/Februar 2012


Literaturverzeichnis

  1. Bangkok Charta; WHO, 2005.
  2. Cunha-Cruz J, Hujoel P, Kressin NR. Oral health-related quality of life of periodontal patients J Periodontal Res: 42; 169–176, 2007.
  3. Gerritsen AE., Creugers NH; Quality of life associated with tooth loss and tooth replacement Ned Tijdschr Tandheelkd: 118; 210–213, 2011.
  4. Grimm J. et al; Ergebnisse der Glücksforschung, Discussion Paper Nr. 14 Internationalen Instituts für Management, Universität Flensburg, 2006.
  5. Needleman I, Mc Grath C, Floyd P, Biddle A Impact of oral health on the life quality of periodontal patients J Clin Periodontol: 31; 454–457, 2004.
  6. Turkyilmaz I, Company AM, McGlumphy EA Should edentulous patients be constrained to removable complete dentures? The use of dental implants to improve the quality of life for edentulous patients. Gerodontology: 27; 3–10, 2010.
  7. Thomason JM, Heydecke G, Feine JS, Ellis JS How do patients perceive the benefit of reconstructive dentistry with regard to oral health-related quality of life and patient satisfaction? A systematic review Clin Oral Impl Res: 18: 168–188, 2007.
Markus Bechtold

Markus Bechtold

Abteilung für Parodontologie

Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie

Universitätsklinikum Würzburg

Pleicherwall 2

97072 Würzburg

Tel.: 0931 – 201 74 700

E-Mail: Bechtold_M@klinik.uni-wuerzburg.de
http://www.parodontologie.uk-wuerzburg.de

Leser-Kommentare

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar zu verfassen.