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Interdisziplinäre Therapie von funktionellen Problematiken – Teil 2

Drucken Von Dr. Ulf Gärtner, Werner Röhrig    aktualisiert am 13.10.2010

Abb. 4: Intraorale Situation.
Abb. 4: Intraorale Situation.

Fallbeispiel



Im vorliegenden Fall ist ein 46-jähriger Patient, führender Mitarbeiter eines Logistikbetriebs, von einer Mund-Kiefer-Gesichtschirurgin in die zahnärztliche Praxis geschickt worden. Der Patient war an die Chirurgin zur Implantation im Oberkiefer überwiesen worden. Die Platzverhältnisse stellten sich als äußerst
Abb. 5: Bisssituation bei Behandlungsbeginn.
Abb. 5: Bisssituation bei Behandlungsbeginn.
problematisch dar, sie hätten weder das Einbringen eines Implantats noch einer Einheilschraube oder gar einer Krone in den ersten Quadranten erlaubt (Abb. 4, 5 u. 6).

Das OPG vom 18.3.2006 zeigt die dentale Situation (Abb. 6). Die Zähne 15–17 und 24–27 waren dem Patienten 15 Monate zuvor aufgrund einer fortgeschrittenen Parodontitis entfernt worden. Die entstandene dentale Situation wurde nicht abgestützt, was folgende Auswirkungen hatte:
  • Elongation der Zähne des Unterkiefers
  • beidseitige Kiefergelenkskompression, primär rechts
  • einseitige Rotation der Maxilla um eine transversale Achse auf der rechten Seite.

Neben diesen anatomischen Gegebenheiten gab der Patient noch folgende Symptomatiken an:
Abb. 6: OPG vom 17.10.2006.
Abb. 6: OPG vom 17.10.2006.
  • Kopfschmerz rechts
  • Gleichgewichtsstörungen
  • Globusgefühl
  • HWS-Syndrom mit Schulterhochstand
  • nervöser Magen-Darm-Trakt
  • ISG-Problematik

Im Rahmen der Diagnose wurden bezüglich der Symptomatik eine manuelle Strukturanalyse der Kiefergelenke und eine elektronische Gelenkbahnaufzeichnung durchgeführt. Darüber hinaus wurde der Patient zu einer manualtherapeutischen strukturellen Befundung (MSB) überwiesen. Durch die MSB sollte abgeklärt werden, ob der Platzverlust im ersten und vierten Quadranten mit der Okklusalstörung in Zusammenhang stand und durch eine Maxillarrotationsfehlstellung mit verursacht wurde. Weiterhin war die Beteiligung der komprimierten Kiefergelenke diagnostisch zu klären. Bei der manualtherapeutischen Untersuchung wurde die Mobilität der Schädelknochen des Viscerocraniums (Gesichtsschädel) und der beiden Ossa temporalia in die therapeutische Behandlungsrichtung untersucht. Ferner wurden alle okklusal abhängigen Wirbelsäulenabschnitte funktionell überprüft, um eventuelle Blockierungen festzustellen und abzuklären, ob diese mit den bekannten Symptomen in Zusammenhang gebracht werden könnten.

Dabei wurde festgestellt, dass eine Rotation des rechten Os maxillare sowie auch die Rotation des Os temporale nach posterior mit dem daraus resultierenden Platzverlust konservativ therapierbar waren. Durch eine Auflösung der okklusalen Funktionsstörung der Halswirbelsäule und des Iliosakralgelenkes (ISG) war eine Reduzierung der orthopädischen Symptome voraussagbar.

Der Patient wurde mit einem okkluso- artikulären Aufbissbehelf im Oberkiefer versorgt. Diese „Schiene“ stützt die durch den Manualtherapeuten durchgeführte Mobilisation ab. Dies erfolgt in einer Kombinationsbehandlung zwischen Zahnarzt und Manualtherapeut. Sie bezieht sich auf die ossären, ligamentären, neuralen und muskulären Strukturen.

Die Schiene benötigt ein okklusales Relief mit Einbissen (Tiefe ca. 0,5 mm), die dem Patienten eine Orientierung geben. Wichtig ist die Abstützung auch im Bereich der extrahierten Zähne. Hier entsteht durch die Mundschließermuskeln (Mm. pterygoideus medialis, temporalis und masseter) der größte Kaudruck. Nach der manualtherapeutischen Behandlung muss die Schiene eine gleichmäßige Abstützung erhalten. Nur so kann die erfolgte Derotation stabilisiert werden.

Im Bereich der Eckzähne wird eine flache Führung benötigt. Dies bedeutet, dass bei der Lateralbewegung ein schnelles Entkoppeln der Zähne bis auf den Eckzahn erfolgt. Bei der Weiterführung der Bewegung darf nun aber kein weiterer Druck aufgebaut werden. Sinn ist es, die Muskulatur für die
Abb. 7: Bisssituation nach Behandlungsabschluss.
Abb. 7: Bisssituation nach Behandlungsabschluss.
Lateralbewegung (Mm. pterygoidei lateralis et medialis, temporalis et masseter) möglichst geringfügig zu trainieren. Durch diese Umsetzung wird der Tonus der Muskulatur, der im Vorfeld durch den Manualtherapeuten reduziert worden ist, weiter verringert.

Die Frontzahnführung wird extrem flach gestaltet. Dies ist erforderlich, da der Patient eigene Zähne nur vor dem Kauzentrum aufweist (Rotationsachse des Oberkiefers, sie ist die Verbindung der beiden mesio-vestibulären Höcker der oberen 6er). Der Druck, der sich funktionell (!) über die Frontzähne aufbauen kann, muss so verringert werden. Die Derotation des Os maxillare und die Detonisierung (Schmerzbehandlung) der Mm. pterygoidei laterales kann nur so unterstützt werden.

Während der manualtherapeutischen Behandlung wurden nach Eingliederung der Aufbissschiene die Fehlstellungen der Schädelknochen und der Wirbelsäule therapiert. Durch Mobilisationstechniken wurden die Schädelknochen Schritt für Schritt in ihre funktionelle Position zurückgeführt. Eine Abstützung der gewonnenen Position ist im Anschluss an die manualtherapeutische Behandlung durch die Aufbissschiene zwingend notwendig, da die intermaxillare Relation sich durch die Behandlung verändert hat. Diese Anpassung der Schiene ist in einer zeitlichen Abfolge von 30 bis längstens 90 Minuten nach der manualtherapeutischen Behandlung notwendig. Die weiteren Behandlungen erfolgten im Abstand von zwei bis vier Wochen. Dieser Abstand ist notwendig, da die Strukturen diese Zeit zur Anpassung benötigen. Parallel wurden die Wirbelsäulenfehlstellungen erfolgreich korrigiert, wodurch sich die Notwendigkeit einer okklusalen Abstützung durch Einschleifen der Aufbissschiene ergab. Nach 8 Monaten ging es dem Patienten deutlich besser:
  • Der Kopfschmerz (rechts) wurde nur noch von extremen Stresssituationen ausgelöst.
  • Die Gleichgewichtsstörungen waren vollständig aufgelöst. Ein Globusgefühl bei Stress bestand nicht mehr.
  • Das HWS-Syndrom mit Schulterhochstand war verschwunden.
  • Der nervöse Magen-Darm-Trakt bei Stress, der für den Patienten vorher täglich präsent war, zeigte sich annähernd nicht mehr.
  • Die ISG-Problematik war nicht mehr vorhanden.

Abb. 8: Situation von dorsal vor der Behandlung.
Abb. 8: Situation von dorsal vor der Behandlung.
Abb. 9: Situation von dorsal nach der Behandlung.
Abb. 9: Situation von dorsal nach der Behandlung.
Betrachtet man die Modelle, so fällt auf, dass die einseitig (rechts) nach dorsal rotierte Seite der Maxilla sich bei der Zentrikbissnahme deutlich ausgeglichen hat. Ferner reicht der intermaxillare Abstand nun für eine Implantation aus (Abb. 7, 8 u. 9). Vor einer okklusalen Umsetzung, die nicht schneller als 6 Monate nach Behandlungsende erfolgen sollte, muss der Patient nochmals manualtherapeutisch untersucht werden, um eventuelle Rezidive auszuschließen.

Fazit



Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Zahnarzt und Manualtherapeut ist in den meisten CMD-Fällen anzustreben. Im vorliegenden Fall wurde durch diese Kombinationsbehandlung bei einem 46-jährigen Patienten die Grundlage geschaffen, dass Symptome, die in Beziehung mit okklusalen Problemen stehen, therapiert werden konnten. Ferner wurde durch die Behandlung kranieller Strukturen mit Abstützung über einen speziellen Aufbissbehelf erst die Möglichkeit geschaffen, eine Implantation im dorsalen Bereich durchzuführen. Diese Umsetzung war nur durch die Zusammenarbeit von Zahnarzt, Manualtherapeut und Zahntechniker möglich. Wichtig ist, dass therapeutisch im Anschluss an eine solche Behandlung nicht direkt eine Umsetzung auf die Zähne erfolgen darf, sondern dass eine Stabilisierungsphase abgewartet wird.

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Abb. 5: Bisssituation bei Behandlungsbeginn.   Abb. 6: OPG vom 17.10.2006.   Abb. 7: Bisssituation nach Behandlungsabschluss.   Abb. 8: Situation von dorsal vor der Behandlung.   Abb. 9: Situation von dorsal nach der Behandlung.  


Literaturverzeichnis

  1. Lyon, Haas 1930, Irwin 1960, de Beer 1971, Tood 1982, Behrents 1985, Bourekas 1984: Schließung der Suturen während des Alterungsprozesses der Calvaria
  2. Oleski, Smith, Crow: Radiographic evidience of cranial bone mobility
  3. Heisey, Adams: Cranial bone mobility 1996
  4. Chiatow: Cranial Manipulation, Oxford 2006
  5. Bumann, A. et Lotzmann, U.: Farbatlas der Zahnmedizin, Band 12, Funktionsdiagnostik und Therapieprinzipien, Thieme Verlag Stuttgart 1980
  6. Freesmeyer, W.B.: Zahnärztliche Funktionstherapie, Hanser, München 1993
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