Interdisziplinäre Therapie von funktionellen Problematiken – Teil 1

Drucken Von Dr. Ulf Gärtner, Werner Röhrig    aktualisiert am 13.10.2010

Eine craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) kann vielfältige Ursachen und Auswirkungen haben. Im folgenden Patientenfall wurde das Krankheitsbild durch eine beidseitige dorsale Extraktion im Oberkiefer verursacht und hatte unter anderem eine Verkleinerung des intermaxillaren Abstandes zur Folge. Die Behandlung erforderte in diesem Fall, wie in den meisten Fällen einer CMD, eine interdisziplinäre Zusammenarbeit unterschiedlicher Fachgebiete. Hier werden die craniomandibulären Zusammenhänge erläutert und das zahnärztliche/manualtherapeutische Konzept der Autoren beschrieben.

Abb. 1: Rotation des Os temporale nach posterior.
Abb. 1: Rotation des Os temporale nach posterior.


Die gedankliche Grundlage des diagnostischen und therapeutischen Vorgehens ist in der Mobilität der Schädelknochen zueinander begründet (WHO 1996). Es scheint bewiesen, dass die Schädelknochen nicht, wie bisher gedacht, im ersten Lebensjahr ossifizieren, sondern dass sie ihre Mobilitätsmöglichkeit bis ins hohe Alter beibehalten2,3,4. Bei der Geburt hat der Schädel eine große Mobilität. Diese ist anatomisch notwendig, da das Becken der gebärenden Frau im Durchmesser kleiner ist als der durchtretende Kopf des Neugeborenen. Zu diesem Zeitpunkt haben die Schädelknochen keinen direkten Kontakt, da sie wie Inseln auf einer bindegewebigen Glocke schwimmen. Im Alterungsprozess wachsen sie aufeinander zu und es bilden sich kleine Fugen (Suturen) im Bereich des Craniums. Die Suturen beginnen etwa mit dem 18. Lebensjahr zu ossifizieren; dieser Vorgang ist im Bereich des Neurocraniums (Hirnschädel)
Abb. 2: Rotation des Os maxillare um eine transversale Achse.
Abb. 2: Rotation des Os maxillare um eine transversale Achse.
etwa mit dem 45. Lebensjahr abgeschlossen. Ab diesem Zeitpunkt gibt es nur noch Beweglichkeiten im Bereich des Viscerocraniums (Gesichtsschädel) und der beiden Ossa temporalia. Eine genaue Angabe zur Beweglichkeit der einzelnen Schädelknochen liegt nicht vor, man schätzt sie zwischen 0,5 und 0,05 Millimeter ein, mit dem Alter abnehmend. Die komplette Schließung der Suturen findet dann zwischen dem 80. und dem 82. Lebensjahr statt1.

Die zahnmedizinisch relevanten Beweglichkeiten des Craniums befinden sich im Bereich des Os maxillare und der beiden Ossa temporalia.

Os maxillare (Abb. 1 u. 2):
  • Die Rotation um eine sagittale Achse bei Rotationsfehlstellung = verstärkte Kontakte im 1./4. oder 2./3. Quadranten.
  • Die Rotation um eine transversale Achse ist einseitig möglich; Absinken der Maxilla nach dorsokaudal bei Freiendsituation hinter den Prämolaren.

Os temporale (Abb. 3):
  • Die beiden Ossa temporalia haben eine Rotationsmöglichkeit nach anterior und posterior. Bei Kompression des Kiefergelenks beobachtet man eine kompensatorische Rotation nach posterior. Abrasionen finden sich hier primär im Bereich der Molaren.

Abb. 3: Rotation des Os maxilla um eine sagittale Achse.
Abb. 3: Rotation des Os maxilla um eine sagittale Achse.
Pathologische Mobilitätsveränderungen können muskuläre, ligamentäre und neurale Strukturen beeinflussen. Über die Okklusion und die Artikulation alleine ist eine Veränderung der Schädelstrukturen nicht möglich. Dafür muss immer ein weiterer Faktor hinzukommen, wie z. B. multipler Zahnverlust, Körperfehlhaltung, Wirbelsäulenproblematiken oder auch psychische Störungen.

Mögliche Beschwerdebilder, die mit diesen Problematiken verbunden sein können, sind u. a.:
  • Kopfschmerzen des N. occipitalis major (aufsteigender Nackenkopfschmerz)
  • Schläfenkopfschmerz (Entspannungskopfschmerz des M. temporalis)
  • nozizeptiver Kopfschmerz im Übergang Os maxillare und Os frontale
  • Hörsturz/Tinnitus
  • Gleichgewichtsstörungen
  • HWS-Störungen (okklusal abhängige Strukturen C0/C1, C1/C2, C2/ C3, C5/C6)
  • Kloßgefühl im Hals (N. glossopharyngeus)
  • „nervöser“ Magen-Darm-Trakt RDS-Syndrom (N. vagus)
  • Beckenschiefstand

Bei der Vielzahl der oben genannten Diagnosen wird deutlich, dass eine CMD nur über eine interdisziplinäre Behandlung therapierbar ist. Es besteht die Möglichkeit, diese Fragestellungen durch eine manualtherapeutisch strukturelle Befundung (MSB) abzuklären. Hierfür sollten dem Mitbehandelnden Therapeuten oder Facharzt vom Zahnarzt klare Hinweise über die abzuklärenden Symptome gegeben werden. In der Praxis ist es sinnvoll, einen zahnmedizinischen Screeningtest durchzuführen. Dieser gibt Auskunft darüber, ob ein Konsil des Bewegungsapparates notwendig ist, damit nicht jeder Patient zu einer MSB-Abklärung überwiesen werden muss. Eine Erklärung dieser Testungen würde jedoch den Rahmen dieses Artikels sprengen.

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Interdisziplinäre Therapie von funktionellen Problematiken – Teil 2

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Abb. 2: Rotation des Os maxillare um eine transversale Achse.   Abb. 3: Rotation des Os maxilla um eine sagittale Achse.   Abb. 4: Intraorale Situation.   Abb. 5: Bisssituation bei Behandlungsbeginn.   Abb. 6: OPG vom 17.10.2006.   Abb. 7: Bisssituation nach Behandlungsabschluss.   Abb. 8: Situation von dorsal vor der Behandlung.   Abb. 9: Situation von dorsal nach der Behandlung.  


Literaturverzeichnis

  1. Lyon, Haas 1930, Irwin 1960, de Beer 1971, Tood 1982, Behrents 1985, Bourekas 1984: Schließung der Suturen während des Alterungsprozesses der Calvaria
  2. Oleski, Smith, Crow: Radiographic evidience of cranial bone mobility
  3. Heisey, Adams: Cranial bone mobility 1996
  4. Chiatow: Cranial Manipulation, Oxford 2006
  5. Bumann, A. et Lotzmann, U.: Farbatlas der Zahnmedizin, Band 12, Funktionsdiagnostik und Therapieprinzipien, Thieme Verlag Stuttgart 1980
  6. Freesmeyer, W.B.: Zahnärztliche Funktionstherapie, Hanser, München 1993
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