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Frühe CMD-Risikofaktoren erkennen und vermeiden – Teil 2

Drucken Von Dr. Andreas Köneke    aktualisiert am 13.10.2010

Abb. 1a: Funktionsregler Typ III (FR III) nach Fränkel.
Abb. 1a: Funktionsregler Typ III (FR III) nach Fränkel.

Funktions- und entwicklungsorientiertes kieferorthopädisches Behandlungskonzept



Bewegungsmangel, einseitige oder falsche Bewegung zählen zu den Risikofaktoren für funktionelle Störungen im Wachstum. Ebenso können Entwicklungsstörungen zu Einschränkungen der Bewegungsfähigkeit führen, die sich wiederum funktionell auswirken. Seltener denkt man daran, dass es darüber hinaus mit den heute zur Verfügung stehenden kieferorthopädischen Behandlungsgeräten sehr leicht möglich ist, durch Zahnbewegungen iatrogene Zwangsbisse und unphysiologische Bisssituationen zu generieren, die eine Basis für Funktionsstörungen sein können4. Funktionsstörungen wiederum wurden in der Fachliteratur hinreichend als CMD-Auslöser beschrieben. Besonders vorsichtig müssen wir in diesem Zusammenhang mit den Werbeversprechungen von Herstellern mancher selbstligierender Bracketsysteme umgehen, deren unreflektierter Einsatz bei Platzmangelsituationen zur unphysiologischen Überexpansion des Zahnbogens führen kann5. Ebenso muss man die Möglichkeiten der skelettalen Verankerung über Minischrauben verantwortungsbewusst und nachrangig zu funktionellen Kriterien einsetzen8. Die Behandlungsmechaniken sind mittlerweile so leistungsfähig geworden, dass funktionelle Grenzen schnell versehentlich überschritten werden können.

Überexpansionen durch festsitzende Behandlungsmechaniken im späten Wechselgebiss oder in der permanenten Dentition stehen behutsamen Funktionskorrekturen mittels funktionskieferorthopädischer Geräte im frühen Wechselgebiss gegenüber. Selbstverständlich können wir nicht alle Fehlentwicklungen mit herausnehmbaren Geräten korrigieren. Wenn wir diese aber in der Phase des frühen Wechselgebisses mit interdisziplinärer Differenzialdiagnostik einsetzen, können die späteren Eingriffe mit festsitzenden
Abb. 1b: Eigene Modifikation des FR III.
Abb. 1b: Eigene Modifikation des FR III.
Geräten erheblich geringer ausfallen oder – im Idealfall – ganz vermieden werden. Behutsame funktionelle Modifikationen funktionskieferorthopädischer Geräte konnten die Leistungsfähigkeit dieser Geräte bei speziellen Aufgabenstellungen noch weiter verbessern. So schirmt die hier dargestellte Modifikation des Funktionsreglers FR III aus der Praxis Dr. Köneke und Kollegen im Gegensatz zur Grundversion des FR III den unteren Zahnbogen gegen die dysfunktionell expandierenden Eigenschaften der Zunge direkt ab und hebt die Zunge ans Gaumendach (Abb. 1a u. b)6. Dadurch können in der ersten Phase der myofunktionellen Therapie beim Logopäden oder Entwicklungstherapeuten auch in der Schlafphase, in der die kleinen Patienten ihre Zungenlage nicht willentlich beeinflussen können und die Zungenmotorik noch nicht verändert ist, positive Wachstumsimpulse in die richtige Richtung gesetzt werden.

Die Erkenntnis, dass die Unterkieferposition und die orale Funktion von einer Vielzahl von Faktoren abhängen, ist nicht neu1. Zunächst untersuchen wir, ob sich der Unterkiefer im funktionellen Gleichgewicht befindet. Das funktionelle Gleichgewicht suchen wir in der praktischen Umsetzung der schon fast historischen funktionellen Erkenntnisse aus dem 19. und 20. Jahrhundert nicht allein im Kiefer-Gesichts-Bereich, sondern in der physiologischen und emotionalen Entwicklung des ganzen Menschen. Bestehen funktionelle Störungen im Wachstum bzw. in der funktionellen Entwicklung eines Menschen oder bestehen strukturelle Schädigungen wie Traumata, Gelenkerkrankungen, Narbenzüge oder muskuläre Hyper- bzw. Hypotonie, so muss zunächst die physiologische Situation unter Beachtung der Persönlichkeit des Menschen rehabilitiert werden, bevor in unserem kleinen Arbeitsgebiet der Zahnheilkunde okklusal adjustierende Maßnahmen sinnvoll sind. Die Korrektur der Okklusion beim Kieferorthopäden oder auch die prothetische Rekonstruktion der Okklusion durch den Zahnarzt setzt also zunächst die Feststellung der störungsfreien Position des Unterkiefers voraus, die wiederum durch die gesamte Entwicklung des Menschen determiniert wird.

Abb. 2a: AqualizerTM.
Abb. 2a: AqualizerTM.
Abb. 2b: Balance-Schiene mit integriertem AqualizerTM.
Abb. 2b: Balance-Schiene mit integriertem AqualizerTM.
Abb. 2c: Aquasplint Kit.
Abb. 2c: Aquasplint Kit.
Okklusal induzierte Zwangsbisse können heute insbesondere bei Vorliegen schmerzhafter Myalgien außer durch funktionskieferorthopädische Geräte oft zunächst über funktionelle Kurzzeit- Vorbehandlungsgeräte aufgelöst werden, bevor die Rekonstruktion der physiologischen Unterkieferposition beginnt. Zu nennen sind hier der AqualizerTM (Dentrade International, Köln), die Balanceschiene, die in Zusammenarbeit der Praxis Dr. Köneke und Kollegen (Kiel) mit der Partnerschaft für interdisziplinäre ZahnMedizin (Bremen) entstanden ist, oder auch der Aquasplint nach Sabbagh (TeleDenta, Chemnitz) (Abb. 2a–c). Der Vorteil dieser Geräte liegt darin, dass sie selbstadjustierend sind und nicht eingeschliffen werden müssen wie konventionelle monomaxilläre Funktionsschienen aus hartem Kunststoff. Wie für alle Schienen gilt zwar auch für diese Geräte, dass ihr Einsatz im Wechselgebiss zeitlich eng limitiert sein muss. Doch dies ist unproblematisch, weil sich Zwangsbisse bei konsequenter interdisziplinärer Therapie innerhalb weniger Monate auflösen lassen. Die ausbalancierenden flachen Wasserkissen sind durch eine Kapillare miteinander verbunden. Der Aqualizer kann als konfektioniertes Gerät in verschiedenen Größen auch im Milch- und Wechselgebiss sowie parallel zu Zahnstellungskorrekturen mithilfe festsitzender Geräte eingesetzt werden.

Dr. Aladin Sabbagh hat den Aqualizer kürzlich zu einer In-Office-Version weiterentwickelt: Eine gut durchdachte Schiene in Einheitsgröße, bestehend aus zwei Aqualizer-ähnlichen und über eine flexible Kapillare verbundenen wassergefüllten Kissen, wird im Mund mit Silikon aufgefüllt und so zu einer semiindividuellen Schiene aufgewertet. Die sich davon unterscheidende Balanceschiene ist eine laminierte weiche Schiene, als deren Kernstück ein Aqualizer eingebettet ist. Die vollindividuelle selbstjustierende Balanceschiene lässt sich leicht im Eigenlabor herstellen. Die Vorgehensweise wird im technischen Teil des Norddeutschen CMD-Curriculums (www. cmd-therapie.de) gezeigt. Der Vorteil dieser Schiene liegt in der relativ großen Resistenz gegen Bruxismus aufgrund der durch die Laminiertechnik verstärkten Wasserkissen. Wir verwenden diese Schiene seit einigen Jahren mit breitem Einsatzgebiet.

Die oben beschriebenen Schienen eignen sich auch zur Unterstützung der Korrektur funktioneller Störungen in der interdisziplinären Therapie. Bei Auflösung funktioneller Restriktionen im Bewegungsapparat durch die behandelnden Kollegen, zum Beispiel durch Entwicklungstherapeuten, Orthopäden oder Physiotherapeuten, entstehen oft sekundär auch Lageveränderungen des Unterkiefers. Diese müssen möglichst fließend umgesetzt werden, um den fortschreitenden Erfolg der Primärtherapie zu unterstützen.

Funktionell vorbereitet, lässt sich die okklusale Korrektur durch kieferorthopädische Zahnbewegung oder die Lagekorrektur der Kiefer durch Anregung skelettaler Wachstumsvorgänge mit sehr viel besserer Prognose vornehmen. Ziel der ganzheitlich funktionsorientierten Kieferorthopädie ist es, auf der einen Seite das Risiko einer iatrogenen Erzeugung funktioneller Störungen über kieferorthopädische Maßnahmen sicher auszuschließen und auf der anderen Seite bereits bestehende funktionelle Risikofaktoren in der Entwicklung eines Menschen vor der Manifestation einer Funktionsstörung zu erkennen und zu korrigieren.

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Abb. 1b: Eigene Modifikation des FR III.   Abb. 2a: AqualizerTM.   Abb. 2b: Balance-Schiene mit integriertem AqualizerTM.   Abb. 2c: Aquasplint Kit.  


Literaturverzeichnis

  1. Fränkel, R., Fränkel, C.: Die klinische Bedeutung des Roux’schen Konzepts in der orofazialen Orthopädie. J Orofac Orthop/ Fortschr Kieferorthop 62(1), 1-21 (2001)
  2. Kirveskari, P., Jämsä, T.: European Journal of Orthodontics 32; 229 (2010)
  3. Köneke, A.: Kieferorthopädische Rehabilitation des CMD-Patienten, in Köneke, C.: Craniomandibuläre Dysfunktion, Quintessenz-Verlag, 105-128 (2010)
  4. Köneke, A.: Bewegung und Funktion – frühe Risikofaktoren erkennen und vermeiden, in 2. Kieler KinderCMD Konferenz, Kiel (2010)
  5. Köneke, A.: Praktische Umsetzung der Zentrik in die zentrische kieferorthopädische Okklusionsgestaltung, in Internationales Praxisforum Zermatt (2010)
  6. v. Heymann, W., Köneke, A., Gorny, F.:  Craniomandibuläre Dysfunktion, assoziierte Heterophorie und auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen – Differentialdiagnosen der Tonusasymmetrie/Sensomotorischen Dyskybernese. ManMed (2010)
  7. Köneke, A., Köneke, C., Adam, M., Seeck, N., Seeck, M., Somnojournal 4/2009, 21-26 (2009)
  8. Richter, F.: Podiumsdiskussion, in Internationales Praxisforum Zermatt (2010)
  9. Ruf, S.: Beeinflussbarkeit craniomandibulärer Dysfunktionen durch kieferorthopädische Maßnahmen, in 82. Wissenschaftliche Jahrestagung der DGKFO, Mainz (2009)
Dr. Andreas Köneke

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