das duale Konzept in Einrichtungen der Landeshauptstadt München

Die zahnärztliche Versorgung von Pflegebedürftigen – Teil 1

Drucken Von Dr. Cornelius Haffner    aktualisiert am 24.09.2009

Im Jahr 2005 wurde das so genannte „duale Konzept“ zur zahnmedizinischen Betreuung von Pflegebedürftigen in Münchner Einrichtungen ins Leben gerufen. Es ist das größte derartige Projekt in Deutschland und wird gemeinsam von der AOK-Bayern, der Städtischen Klinikum München GmbH und der Gruppe Teamwerk „Zahnmedizin für Menschen mit Behinderungen“ organisiert. Das Duale Konzept besteht aus einem Prophylaxemodul und einem restaurativ-therapeutischen Modul. Mittels gezielter, individueller Prophylaxe soll die Mundgesundheit der älteren Patienten verbessert und die Häufigkeit zahnmedizinischer Eingriffe verringert werden. Dr. Cornelius Haffner, Leiter des Projekts, stellt die Erfolge, aber auch die Probleme in der zahnärztlichen Betreuung vonPflegebedürftigen nach drei Jahren Projekterfahrung dar.

Abb. 1: Zunahme der Häufigkeit parodontaler Erkrankungen im Alter (DMS IV).
Abb. 1: Zunahme der Häufigkeit parodontaler Erkrankungen im Alter (DMS IV).


Im Jahr 2005 wurde das so genannte „duale Konzept“ zur zahnmedizinischen Betreuung von Pflegebedürftigen in Münchner Einrichtungen ins Leben gerufen. Es ist das größte derartige Projekt in Deutschland und wird gemeinsam von der AOK-Bayern, der Städtischen Klinikum München GmbH und der Gruppe Teamwerk „Zahnmedizin für Menschen mit Behinderungen“ organisiert. Das Duale Konzept besteht aus einem Prophylaxemodul und einem restaurativ-therapeutischen Modul. Mittels gezielter, individueller Prophylaxe soll die Mundgesundheit der älteren Patienten verbessert und die Häufigkeit zahnmedizinischer Eingriffe verringert werden.

Dr. Cornelius Haffner, Leiter des Projekts, stellt die Erfolge, aber auch die Probleme in der zahnärztlichen Betreuung vonPflegebedürftigen nach drei Jahren Projekterfahrung dar.

Die steigende Zahl älterer Menschen und ihre veränderten Ansprüche erfordern zunehmend die besondere Aufmerksamkeit auch der Zahnmedizin. Das „Duale Konzept“ ermöglicht institutionalisierten Pflegebedürftigen in der Landeshauptstadt München eine kontinuierliche Versorgung unmittelbar in den Einrichtungen. Das Modellprojekt fördert vor allem die Zahnerhaltung durch gezielte Prävention, daneben unterstützt es die Schulung und Weiterbildung der Pflege, das Angebot einer in erster Linie dezentralen, mobilen Therapie durch einen „Patenzahnarzt“ und – wenn nötig – die zahnärztlichen Sanierung in Intubationsnarkose.

Demographischer Wandel und Auswirkung auf die zahnärztliche Versorgung



Die Zahl alter Menschen steigt und damit auch die Zahl Pflegebedürftiger. Im Dezember 2005 waren in Deutschland 2,13 Millionen Menschen pflegebedürftig, rund 52.000 (2,5 %) mehr als im Jahr 2003 (Statistisches Bundesamt). Die Mehrheit – fast 82 % der Pflegebedürftigen – ist über 65 Jahre alt, fast genau ein Drittel (32,8 %) sind 85 Jahre und älter. 68 % der Pflegebedürftigen (1,45 Millionen) werden im häuslichen Umfeld durch Familienangehörige und ambulante Pflegedienste versorgt. 32 % (677.000) leben in den 10.400 Pflegeheimen  Deutschlands4,19.

Eine wichtige zahnmedizinische Entwicklung besteht darin, dass ältere Menschen immer mehr natürliche Zähne besitzen. So zeigt die vierte Phase der „Deutschen Mundgesundheitsstudie“ (DMS IV) aus dem Jahr 2005, dass aktuell 77,4 % der 65- bis 74-Jährigen in Deutschland immerhin noch 18 eigene Zähne haben. Dies sind 33 % mehr eigene Zähne als in der dritten DMS-Phase im Jahr 1997. Gleichzeitig wächst die Zahl hochwertiger Versorgungen: Senioren haben beispielsweise die höchste Implantatquote in Deutschland.

Dabei sind die Zähne älterer Menschen den gleichen Risiken ausgesetzt wie die Zähne jüngerer Menschen; so ist beginnende Karies bei Senioren beispielsweise ebenso häufig wie bei 15-Jährigen. Besonders problematisch sind die Erkrankungen des Zahnhalteapparates (Parodontitis), weil sie beim älteren Menschen oftmals über viele Jahre chronisch voranschreiten konnten (Abb. 1)21.

Vorbeugung wird deshalb für die Zahnmedizin im Alter einen immer größeren Stellenwert haben3,7,15,16. Ein besonderes Problem entsteht, wenn ältere Menschen pflegebedürftig werden11,12. Natürliche Zähne und hochwertige Zahnversorgungen stellen dann für das Pflegepersonal ein Problem dar. Bereits heute wird die Totalprothese, die einfach in ein Glas Wasser gestellt werden kann, immer seltener. Die Pflege natürlicher Zähne und komplexer Versorgungen stellt für Pflegende eine zunehmend wichtige Aufgabe dar. Unterbleibt die Mundpflege, wird sehr schnell zerstört, was für teures Geld aufgebaut wurde5. Zahnschmerzen stellen sich ein und Kaufunktion geht verloren10,17. Ein Zahnersatz ist aufgrund der geringen Adaptationsfähigkeit pflegebedürftiger Menschen meist nicht mehr möglich18,22.

Einen bedeutenden Einfluss hat die Mundgesundheit auch auf internistische Erkrankungen. Die Mundhöhle ist die Haupteintrittspforte für Bakterien. So sind Lungen- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sogar Schlaganfälle nicht selten Folge einer übermäßigen Belastung der Mundhöhle mit Erregern. Zwischen einer Parodontitis und Erkrankungen der Lungen bestehen deutliche Zusammenhänge. Die Verbesserung der Mundpflege verringert dieses Krankheitsrisiko um bis zu 40 %1,13,14,23.

Es gibt gute Gründe, die bisherige zahnärztliche Versorgung von Pflegebedürftigen zu hinterfragen, und neue – nicht zuletzt auch sozial-ökonomisch sinnvolle – Lösungsansätze aufzuzeigen.

Das Duale Konzept



Im Oktober 2005 wurde die zahnmedizinische Versorgung von Pflegebedürftigen in den Einrichtungen der Landeshauptstadt München vereinbart, um eine strukturverbessernde Versorgung der Versicherten sicherzustellen. Die Präambel des Vertrags über das Modellprojekt „Zahnmedizinische Betreuung älterer Menschen in Münchner Pflegeeinrichtungen – das ‚Duale Konzept‘“ weist zu Recht darauf hin, dass die Bedeutung einer kontinuierlichen und effektiven zahnmedizinischen Betreuung von pflegebedürftigen alten Menschen in den letzten Jahren stetig gewachsen ist und zwar nicht nur im Bewusstsein der beteiligten Gruppen. Auch die Öffentlichkeit erkennt dies heute als dringend notwendige Aufgabe an.

Das Projekt zur zahnmedizinischen Versorgung Pflegebedürftiger besteht aus zwei Modulen. Das erste Modul beinhaltet die präventive Betreuung, das zweite Modul die restaurativ-therapeutische Versorgung. Das erste Modul bildet die Basis, das zweite Modul kommt nur zum Tragen, wenn dies individuell notwendig ist, beispielsweise, um die Hygienefähigkeit zu ermöglichen (Grundsanierung) oder wiederherzustellen. Nur wenn das Prophylaxemodul abhängig vom individuellen Erkrankungsrisiko regelmäßig durchgeführt wird, kann die Häufigkeit restaurativ-therapeutischer Eingriffe verringert werden, was ein wichtiges Ziel des Modellprojekts ist.

Die Versorgungskette des Projekts zur integrierten zahnmedizinischen Versorgung Pflegebedürftiger hat drei Glieder:

  1. Regelmäßige zahnärztliche Untersuchung zur Beurteilung des Mundgesundheitszustandes und Festlegung der therapeutischen Notwendigkeiten am Wohnort des Betreuten.
  2. Mobile präventive Betreuung durch spezialisierte zahnmedizinische Teams. Zur präventiven Betreuung gehören die Bewertung des Erkrankungsrisikos, die professionelle Zahnreinigung, das Aufbringen lokaler Therapeutika sowie eine Pflege- und Ernährungsberatung.
  3. Restaurativ-therapeutische Behandlung, die entweder mobil durch einen Patenzahnarzt oder bei Bedarf in einem zentralen Therapiezentrum erbracht wird. Das Therapiezentrum integriert die medizinischen Disziplinen, die für eine patientenzentrierte und hochwertige Versorgung notwendig sind. Gleichzeitig organisiert das Zentrum einen mobilen Notdienst.

Punkt 1 und 2 gehören zum Prophylaxe-Modul des Projekts. Sie werden risikoabhängig regelmäßig durchgeführt, solange die Pflegebedürftigkeit besteht. Punkt 3 bildet das zuvor beschriebene restaurativ-therapeutische Modul, das nur angewendet wird, wenn dazu eine individuelle Notwendigkeit besteht (Grund- oder Wiederauffrischungssanierung).

Abb. 2: Befundblatt zur Datenerhebung Teamwerk-Index.
Abb. 2: Befundblatt zur Datenerhebung Teamwerk-Index.
Ein Patient (bzw. sein gesetzlicher Vormund), der sich entscheidet an der Versorgung für Pflegebedürftige teilzunehmen, wird zunächst von einem regionalen Zahnarzt („Patenzahnarzt“) und dem mobilen Prophylaxe-Team aufgesucht, untersucht und beraten. Zeigt die Erstuntersuchung keine behandlungsbedürftigen Erkrankungen, wird das persönliche Erkrankungsrisiko (Karies, Parodontopathien) bestimmt und daraus ein Prophylaxeplan entwickelt (Abb. 2).

Werden behandlungsbedürftige Erkrankungen festgestellt, wird – soweit möglich – die Behandlung vor Ort durchgeführt oder Kontakt mit dem Behandlungszentrum aufgenommen. Mit den definiert erhobenen Befundunterlagen wird hier je nach Dringlichkeit und Umfang ein Therapieplan aufgestellt. Die internistischen, kardiologischen, labormedizinischen und radiologischen Beurteilungen der Narkosefähigkeit werden gemeinsam erhoben, ohne dass mehrere Transporte des Patienten notwendig werden. Während einer allgemeinen Narkose können neben der zahnmedizinischen Therapie auch weitere notwendige Untersuchungen und Behandlungen (z. B. Gynäkologie, Dermatologie, innere Medizin) durchgeführt werden.

Nach Abschluss der zahnmedizinischen Therapie gelangt der Patient in die weitere präventive Betreuung des mobilen Prophylaxe-Teams. Die Behandlungsabläufe sowie die Qualitätssicherung werden übergeordnet von dem wissenschaftlichen Leitungsgremium organisiert und koordiniert. Die Behandlungsdaten und -unterlagen werden im Rahmen des Datensicherungs- und Datenschutzsystems zentral erfasst und verwaltet. Damit stehen diese Daten allen an der Versorgung Beteiligten zeitnah über das Internet zur Verfügung. Die Leistungserbringer verpflichten sich, bei Erhebung, Verarbeitung, Nutzung, Speicherung und Weitergabe personenbezogener Daten, die datenschutzrechtlichen Vorschriften und die ärztliche Schweigepflicht zu beachten.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit



Die zahnmedizinische Versorgung von Menschen mit Behinderungen setzt das Zusammenwirken verschiedener medizinischer Disziplinen voraus:
  • Zahnmedizinische Prävention: Ein Team aus speziell geschulten Zahnärzten und Prophylaxeassistenten ist notwendig, um eine zahnmedizinisch präventive Betreuung in den Wohneinrichtungen zu gewährleisten. Ohne diese spezielle präventive Betreuung hat eine zahnmedizinische Behandlung von pflegebedürftigen Menschen nur kurzfristig Erfolg.Psychologie: Eine behindertengerechte psychologische Betreuung ist oftmals hilfreich, um gute Behandlungsergebnissenzu erzielen.
  • Innere Medizin, Kardiologie: pflegebedürftige Menschen stellen eine heterogene Gruppe mit den verschiedensten gesundheitlichen Problemen dar, die es einzuschätzen und zu überwachen gilt.
  • Zahnmedizinische Spezialdisziplinen: Für die zahnmedizinische Versorgung von Menschen mit Behinderungen ist eine effektive und hochwertige Behandlung erforderlich. Mit den Anforderungen der modernen Zahnmedizin kann dies nur von spezialisierten Zahnärzten (Endodontologie, Parodontologie, Implantologie) gewährleistet werden.
  • Radiologie: Die Röntgendiagnostik stellt eine wichtige Grundlage der zahnmedizinischen Versorgung dar. Bei pflegebedürftigen Menschen ist sie besonders aufwändig (Spezielle Haltesysteme bzw. eine liegende Aufnahmemöglichkeit sind notwendig.
  • Anästhesie: Besonders qualifizierte Anästhesisten müssen eine notfallmedizinische Betreuung und eine sichere Narkoseführung unter den verschiedensten gesundheitlichen Voraussetzungen sicherstellen können.

Das therapeutische Konzept für pflegebedürftige Menschen untergliedert sich in die Bereiche „Grundsanierung“ und „Prophylaxebetreuung“. Behandlungen bei akuten Schmerzzuständen sollen dabei immer so weit als möglich für eine Grundsanierung genutzt werden. Denn reine Schmerzbehandlungen sind nicht effizient und selten strukturerhaltend („Extraktionstherapie“), außerdem erhöhen sie die Kosten und das Narkoserisiko im Hinblick auf absehbare weitere Behandlungen. Eine Grundsanierung hingegen ist darauf ausgerichtet, einen Mundgesundheitszustand zu erreichen, der in Verbindung mit einem adäquaten Prophylaxeregime einen langen Zeitraum ohne weitere Zahnsanierung in Narkose abdeckt.

Die Behandlungsgrundsätze für pflegebedürftige Menschen orientieren sich an den drei „s“: save, solid, simple. Die Behandlung muss also zu einer sicheren, d. h. gegen das Verschlucken bzw. Aspirieren vorbeugenden, stabilen und einfachen, d. h. einfach zu pflegenden und ggf. einfach heraus zu nehmenden Versorgung führen. Hierzu wird auf solide, wissenschaftlich bewährte Konzepte zurückgegriffen. Ein besonderes Augenmerk gilt der Behandlung des Zahnhalteapparates, da dieser für die Erhaltbarkeit natürlicher Zähne wesentlich ist. Zudem belasten parodontale Entzündungen das Immunsystem und wirken sich auf die Allgemeingesundheit aus.

Lesen Sie weiter:
Die zahnärztliche Versorgung von Pflegebedürftigen – Teil 2

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Abb. 2: Befundblatt zur Datenerhebung Teamwerk-Index.   Abb. 3: Verteilung der Wertungsstufe „Mundpflege“ zu Beginn des Projekts und nach drei Jahren.  


Literaturverzeichnis

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16. Zitzmann N. U., Berglundh T.: Definition and prevalence of peri-implant diseases. Clin Oral Implants Res (2008)

Dr. Cornelius Haffner

Dr. Cornelius Haffner

Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie

Klinikum der Universität München (KUM)

Goethestraße 70, 80336 München

Tel.: 089 62103506

E-Mail: haffner@teamwerk-deutschland.de

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