Das Verschlüsselungsprinzip nach dem DIR®-Konzept

Drucken Von Prof. Dr. Udo Stratmann, ZÄ Dr. Farina Blattner    aktualisiert am 07.03.2011

Für CMD-Patienten bzw. als präprothetische Maßnahme spielt das Erreichen der zentrischen Kondylenposition eine entscheidende Rolle. Nachfolgend wird in diesem Zusammenhang die horizontale Kieferrelationsbestimmung nach dem Prinzip des Pfeilwinkel- oder Stützstiftregistrates mithilfe eines elektronischen Verfahrens, dem DIR® -System, vorgestellt.

Sagittalschnitt eines Kiefergelenkes in Kondylusidealposition, WP = Wendepunkt, ZF = Zenit der Fossa, ZK = Zenit des Kondylus, CT = Crista transversa, AKK = anteriore Kondyluskuppe auf halber Strecke zwischen ZK und CT.)
Sagittalschnitt eines Kiefergelenkes in Kondylusidealposition, WP = Wendepunkt, ZF = Zenit der Fossa, ZK = Zenit des Kondylus, CT = Crista transversa, AKK = anteriore Kondyluskuppe auf halber Strecke zwischen ZK und CT.)


Für die statisch-habituelle Okklusion bzw. für den Schlussbiss gibt es für jeden Patienten eine ideale oder physiologische Kondylusposition. Diese ideale, dreidimensionale Lage des Kondylus mit seinem Diskus in der Gelenkgrube ist individuell verschieden und wird beim Funktionsgesunden unwillkürlich bzw. automatisch durch das Kleinhirn und die Basalganglien eingestellt, wenn der Kauvorgang abgeschlossen ist, also in den Ruhephasen zwischen den aktiven Kieferbewegungen.

Definition der zentrischen Kondylenposition



Diese Ruhelage oder posturale Unterkieferlage ist identisch mit der zentrischen Kondylenposition und soll sich im Idealfall bei Zahnkontakt nicht ändern. Die zentrische Kondylenposition ist erreicht, wenn beide ellipsoidalen Kondylen im freien Raum der Fossa mandibularis liegen, wobei ihr höchster Punkt (Kondylenzenit) unter dem Scheitelpunkt der Fossa und gleichzeitig der vordere Punkt des Kondylus (vordere Kondyluskuppe) hinter dem Wendepunkt zwischen tuberculum articulare und fossa mandibularis gelagert ist (siehe obiges Bild).

Die fünf genannten Referenzpunkte sind in jeder bildgebenden Kiefergelenksdarstellung lokalisierbar und ihre Lagebeziehungen zueinander überprüfbar.

Zentrische Kondylenposition ist ein Muss



Leider ist die Okklusion aus der Zentriklage des Kondylus heraus bei vielen Patienten nicht identisch mit der statischen Okklusion in maximaler Interkuspidation. Die neuromuskuläre Steuerung stellt zwar die Zentriklage automatisch ein, aber häufig liegt bei Zahnkontakt in dieser Position kein Vielpunktkontakt vor, sondern eine Malokklusion ohne ausreichende Okklusionskontakte, weil z. B. der behandelnde Zahnarzt durch eine Handbissnahme eine exzentrische Kondylenposition verschlüsselt hat und die definitive prothetische Restauration eine maximale Interkuspidation nur bei dieser exzentrischen Kondylenposition möglich macht.

Die mittelfristige Folge einer solchen iatrogen-falschen Bissnahme bzw. inkorrekten horizontalen Kieferrelationsbestimmung kann die Ausbildung einer CMD (Craniomandibuläre Dysfunktion) sein, da die betroffenen Patienten versuchen, die in ihrer zentrischen Kondylenposition fehlenden Okklusionskontakte durch Kieferpressen auszugleichen.
Wegen der stetig steigenden Häufigkeit von CMD-Fällen (ca. 70 % der Bevölkerung zeigt objektive Befunde) ist die Notwendigkeit einer zentrischen Bissnahme, als „conditio sine qua non“ in jeder zahnärztlichen Praxis angezeigt. Vor allem bei der Planung einer umfangreichen restaurativen Versorgung ist eine zentrische Bissnahme die einzige Möglichkeit zur Prophylaxe von Funktionsstörungen.

Das Vorgehen: Pfeilwinkelregistrat mit dem DIR®-System



Die horizontale Kieferrelationsbestimmung nach dem Prinzip des Pfeilwinkel- oder Stützstiftregistrates wird beim DIR®-System nach einem elektronischen Verfahren durchgeführt und ist das einzige System auf dem Dentalmarkt, das eine Kaudruckkontrolle während der Aufzeichnung und der Verschlüsselung erlaubt. Die einzelnen Arbeitsschritte zur Registrierung des Pfeilwinkelregistrates sollen an dieser Stelle kurz erläutert werden.
Zuerst werden die passgenauen Schablonen zur Aufnahme des elektronischen Sensors für den Unterkiefer und die komplementären Schablonen mit dem Stützstift für den Oberkiefer in den Mund des Patienten eingebracht. Dabei ist es wichtig, dass die Zähne außer Okklusion stehen (Bisssperre), sodass alle Unterkieferbewegungen frei, also ohne Zahnführungen, ablaufen können. Der Behandler presst den Unterkiefer des Patienten durch Daumendruck in die retralste und kranialste Position zur Aufzeichnung der Pfeilspitze im Registrat. Alle weiteren Aufzeichnungen werden als Protrusionsbahn und rechts- bzw. linksseitige Laterotrusionsbahn vom Behandler unterstützt und unter einer definierten Bisskraft zwischen 10 und 30 Newton unter visueller Kontrolle des Behandlers und des Patienten (digitale Kraftskala) durchgeführt.
Mithilfe der WIN-DIR-Software werden die Messergebnisse mit dem Ziel der Berechnung der zentrischen Kondylenposition ausgewertet. In der ZKP werden die Schablonen dann im Patientenmund verschlüsselt und zur Modellanalyse als neue, sogenannte Sollposition in den Artikulator übertragen. In der Regel weicht diese Sollposition von der habituellen Kondylenposition im Schlussbiss, der Ist-Situation, ab. Daher wird die Neueinstellung der horizontalen Unterkieferposition zum Oberkiefer über eine individuell angefertigte DIR®-Okklusionsschiene erforderlich, die je nach Situation in verschiedenen Designs und grundsätzlich mit 5 verschiedenen okklusalen Reliefgestaltungen fabriziert werden kann (Abb. 1-4).
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Abb. 1: Abb. 1: DIR® -Messung am Probanden.   Abb. 2: UK-Modell mit Messschablone zur Aufnahme des DIR®-Messsensors.   Abb. 3: OK-Modell mit Messschablone zur Aufnahme des Stützstiftes.   Abb. 4: DIR®-Systemkomponenten, Laptop mit DIR®-Diagnosemessbild.  


Das DIR®-System erfüllt die Forderung einer zentralen Bissnahme, da beide Kondylen durch den Behandler symmetrisch in eine retrokraniale Position geführt werden und die von hier durchgeführten Lateralbewegungen einen einseitigen Kondylusversatz, also eine transversale Asymmetrie aufdecken, würden. Die Verschlüsselungsposition nach sagittaler Vorverlagerung des Unterkiefers auf der Winkelhalbierenden des Pfeilwinkels entspricht nach MRT-Auswertungen von klinischen Fällen (unpublished results) der oben definierten, zentralen Kondylusposition.

Schienentherapie bei CMD und Präprothetik



Bei CMD-Patienten ist eine temporäre Schienentherapie ebenso unvermeidbar wie sie bei Patienten vor prothetischer Versorgung dringend empfehlenswert ist. Da die habituelle Okklusion dieser Patienten häufig von der zentrischen Kondylenposition abweicht, sind reine Aufbissschienen keine therapeutisch sinnvolle Lösung. Vielmehr müssen ins Okklusionsrelief der Schienen eingearbeitete Führungen die individuell-exzentrische Verlagerung des Patientenkiefers beim Zubiss durch Eingleiten in die korrekte Zentrikposition ausgleichen. Nach den möglichen zwei Verlagerungsformen in sagittaler Richtung (Protrusion- und Retrusionsverlagerung) und den beiden möglichen Verlagerungsformen in transversaler Richtung durch Rechts- bzw. Linksrotation um den Arbeitskondylus bei der Laterotrusionsverlagerung sowie der möglichen Verlagerungsform in vertikaler Richtung durch Rotation um die Interkondylarachse bei der Bisserhöhungsverlagerung, sollen im Folgenden drei klinische Situationen vorgestellt werden, für die nach der Modellanalyse entsprechende DIR®-Schienentypen angefertigt wurden.

Klinische Fallbeispiele

Fall 1 – Adjustierte Schiene nach DIR®


Veränderung von Ist-Position in Soll-Position: Durch die Therapie mit der adjustierten Schiene werden beide Kondylen aus der Kompression genommen.

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Abb. 5: Modellanalyse.   Abb. 6: Schiene.   Abb. 7: Ist-Position.  
Fall 2a und b – Entlastungsschiene nach DIR®/Äqilibrierung


Veränderung von Ist-Position in Soll-Position: Durch die Therapie mit der Entlastungsschiene werden beide Kondylen nach anterior (in Fall 2a) bzw. nach retral (in Fall 2b) versetzt.
Fall 2a


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Abb. 8: Modellanalyse: Ist-Situation ist retrusiv, Sollwert ist protrusiv.   Abb. 9: Schiene Sollwert ist protrusiv.   Abb. 10: Soll-Position: Sagittaler Versatz UK um 1,6 mm protrusiv.  
Fall 2b


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Abb. 11: Modellanalyse: Ist-Situation ist protrusiv, Sollwert ist retrusiv.   Abb. 12: Schiene Sollwert ist retrusiv.   Abb. 13: Soll-Position: Sagittaler Versatz UK um 1,6 mm retrusiv.  
Fall 3 – Neuprogrammierungsschiene nach DIR®


Veränderung von Ist-Position in Soll-Position: Durch die Therapie mit der Neuprogrammierungsschiene wird der rechte bzw. der linke Kondylus zurückrotiert.
Fall 3a


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Abb. 14: Modellanalyse: Ist-Situation mit Kondylusverlagerung rechts, Sollwert mit Rückrotation.   Abb. 15: Schiene: Sollwert rotiert rechten Kondylus zurück.   Abb. 16: Soll-Position: Transversaler Rotationsversatz UK um 2,1 mm nach rechts.  
Fall 3b


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Abb. 17: Modellanalyse: Ist-Situation mit Kondylusverlagerung links, Sollwert mit Rückrotation.   Abb. 18: Schiene: Sollwert rotiert linken Kondylus zurück.   Abb. 19: Soll-Position: Transversaler Rotationsversatz UK um 2,1 mm nach links.  


Weitere Informationen erhalten Sie über www.dir-systeme.de oder www.fundmental.de

Korrespondenzadressen:
Prof. Dr. Udo Stratmann
Institut für Anatomie
Vesaliusweg 2–4
48149 Münster
E-Mail: udo.stratmann@ukmuenster.de
www.hartgewebe.de

und

Danube Private University
Fakultät Medizin/Zahnmedizin
Dr.-Karl-Dorrek-Str. 23, Campus West
A-3500 Krems an der Donau, Österreich

ZÄ Dr. Farina Blattner
Gertenbachstraße 30
42899 Remscheid
Tel.: 02191 50649
www.dr-blattner.de
PR Funktionsforum 2

3. FUNKTIONSFORUM für Zahnärzte und Zahntechniker

Prof. Dr. Udo Stratmann wird am Samstag, den 13.11.2010 anlässlich des 3. Funktionsforum für Zahnärzte & Zahntechniker in Stuttgart unter dem Motto „Funktion und digitale Zahnheilkunde“ einen Vortrag über die DIR®-Schiene halten.

 Auf diesem Symposium wird die zahnärztliche Funktionsdiagnostik mit all ihren Ergebnissen und Konsequenzen für die Therapie von Patienten im Fokus stehen.

Nähere Informationen und Anmeldung auf www.dir-system.de/



 

 

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Fotostrecke
Abb. 1: Abb. 1: DIR® -Messung am Probanden.   Abb. 2: UK-Modell mit Messschablone zur Aufnahme des DIR®-Messsensors.   Abb. 3: OK-Modell mit Messschablone zur Aufnahme des Stützstiftes.   Abb. 4: DIR®-Systemkomponenten, Laptop mit DIR®-Diagnosemessbild.   Abb. 5: Modellanalyse.   Abb. 6: Schiene.   Abb. 7: Ist-Position.   Abb. 8: Modellanalyse: Ist-Situation ist retrusiv, Sollwert ist protrusiv.   Abb. 9: Schiene Sollwert ist protrusiv.   Abb. 10: Soll-Position: Sagittaler Versatz UK um 1,6 mm protrusiv.   Abb. 11: Modellanalyse: Ist-Situation ist protrusiv, Sollwert ist retrusiv.   Abb. 12: Schiene Sollwert ist retrusiv.   Abb. 13: Soll-Position: Sagittaler Versatz UK um 1,6 mm retrusiv.   Abb. 14: Modellanalyse: Ist-Situation mit Kondylusverlagerung rechts, Sollwert mit Rückrotation.   Abb. 15: Schiene: Sollwert rotiert rechten Kondylus zurück.   Abb. 16: Soll-Position: Transversaler Rotationsversatz UK um 2,1 mm nach rechts.   Abb. 17: Modellanalyse: Ist-Situation mit Kondylusverlagerung links, Sollwert mit Rückrotation.   Abb. 18: Schiene: Sollwert rotiert linken Kondylus zurück.   Abb. 19: Soll-Position: Transversaler Rotationsversatz UK um 2,1 mm nach links.   PR Funktionsforum 2  

Prof. Dr. Udo Stratmann

Institut für Anatomie

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48149 Münster

E-Mail: udo.stratmann@ukmuenster.de
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