EQUIA – eine neue Basisversorgung?

Drucken Von D. Kromer-Busch    aktualisiert am 28.08.2011

Unter dem Titel „Einfach währt am längsten! Auch bei der Seitenzahnfüllung?“ lud GC (Bad Homburg) am 27. Juni 2011 zum Pressegespräch im Sheraton-Konferenzzentrum auf dem Frankfurter Flughafen ein. Im Fokus der Veranstaltung stand das Füllungsmaterial EQUIA, das bereits auf der IDS vorgestellt worden war und kürzlich eine Indikationserweiterung erfuhr. Der Hersteller empfiehlt das Material nun für alle Klasse-I- und kleinere Klasse-II-Füllungen für die langfristige Versorgung. In diesen Indikationen kommt es als Alternative zu Amalgam infrage. Ob es dafür tatsächlich geeignet erscheint, wurde im Rahmen der Veranstaltung aus wissenschaftlicher und praktischer Sicht beleuchtet.

EQUIA
EQUIA


Auch für die Umwelt gut: Alternativen zu Amalgam

Dr. Piyush Khandelwal, Produktmanager GC Europe, ging in seinem Vortrag auf die chemischen Merkmale von EQUIA ein. Zunächst einmal klärte er jedoch über einen Aspekt des Standardmaterials Amalgam auf, der in den üblichen Diskussionen oft vergessen wird: Mit 90 Tonnen pro Jahr gehört zahnärztliches Amalgam mittlerweile zu den Haupt-Verwendungszwecken von Quecksilber in der EU. Wie Dr. Khandelwal ausführte, gehen EU-Bestrebungen derzeit hin zur Reduzierung von Quecksilber, sodass ein Alternativmaterial zu Amalgam auch von dieser Seite gewünscht wird und für die Zahnmedizin unabdingbar werden könnte.

Glasionomere und der Zahn: Die Chemie stimmt

Dabei hat Amalgam als Basismaterial zweifellos Vorteile: Es besitzt eine hohe Überlebensdauer, ist wirtschaftlich für Zahnarzt und Patient, stopfbar, verzeiht Fehler, besitzt gute physikalische Eigenschaften und hat sich klinisch bewährt.
Zum Gespräch fanden sich zusammen (v.l.n.r.): Frank Rosenbaum (Geschäftsführer GC Germany), Jens Pätzold (Medizinrechtsanwalt und Partner der Kanzlei Lyck & Pätzold Medizinanwälte, Prof. Dr. Roland Frankenberger (Direktor der Abteilung für Zahnerhaltungskunde, Medizinisches Zentrum für ZMK Philipps-Universität Marburg und Universitätsklinikum Gießen und Marburg), Prof. Dr. Reiner Biffar (Leiter der Poliklinik für zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde an der Universität Greifswald), Gert Fecht (Zahnarzt/Uplengen-Remels), Dr. Piyush Khandelwal (Produktmanager, GC Europe).
Zum Gespräch fanden sich zusammen (v.l.n.r.): Frank Rosenbaum (Geschäftsführer GC Germany), Jens Pätzold (Medizinrechtsanwalt und Partner der Kanzlei Lyck & Pätzold Medizinanwälte, Prof. Dr. Roland Frankenberger (Direktor der Abteilung für Zahnerhaltungskunde, Medizinisches Zentrum für ZMK Philipps-Universität Marburg und Universitätsklinikum Gießen und Marburg), Prof. Dr. Reiner Biffar (Leiter der Poliklinik für zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde an der Universität Greifswald), Gert Fecht (Zahnarzt/Uplengen-Remels), Dr. Piyush Khandelwal (Produktmanager, GC Europe).
EQUIA mache Amalgam in der einfachen und schnellen Anwendung aber durchaus Konkurrenz, so Dr. Khandelwal, da eine einfache Füllung mit dem Bulk-applizierbaren Material bereits in rund dreieinviertel Minuten gelegt werden könne und dabei sogar ein ästhetischeres Ergebnis hervorbringe. Dr. Khandelwal betonte, dass Glasionomere, wie EQUIA, dem Amalgam in chemischer Hinsicht geradezu überlegen erscheinen. So haften sie durch einen chemischen Prozess am Zahnschmelz – sie reagieren mit dem Kalzium des Zahnes – und stärken so die Zahnstruktur. Durch den chemischen Verbund erübrigt sich das Etching. Dies habe zur Folge, dass das Vorgehen bei Glasionomeren weniger invasiv ausfalle, keine Dentintubuli und Dentinkanäle durch Anätzen freigelegt werden und sich somit auch keine postoperativen Empfindlichkeiten ergäben. Zudem härte das Material im Mund des Patienten weiter aus. Die physikalischen Eigenschaften des Glasionomers werden durch das zugehörige Coating stark verbessert. Dieses dringt tief ins Glasionomer ein, fülle Porositäten auf und steigere somit die Bruch- und Biegefestigkeit sowie die Ästhetik. Die Amalgamdiskussion wählte auch Prof. Dr. Roland Frankenberger, Philipps- Universität Marburg und Universitätsklinikum Gießen und Marburg, als Ausgangspunkt seiner Betrachtungen. Amalgam stelle zwar den „Goldstandard“ für die Basisversorgung dar, sei aber dem Patienten schlichtweg nicht mehr vermittelbar. Und bei allen Vorteilen kämpfe man auch bei Amalgam mit materialtypischen Problemen, wie Höckerfrakturen und Infraktionen.

Nun stand dem Einsatz von Glasionomeren als Basisversorgung in der Vergangenheit ihre schlechte Biegefestigkeit entgegen und, wie Prof. Frankenberger ausführte, die Verlustquoten bei diesen Materialien waren einfach zu hoch*. Gute Ergebnisse, die für eine angemessene Überlebensdauer der Füllungen sprechen, konnte der Referent nun für EQUIA vorlegen. So zeigte der Belastungstest im Kausimulator nach 100.000 Zyklen, die zwei Jahren im Patientenmund entsprechen, keine klinisch relevanten Frakturen und ebenfalls keine „katastrophalen Frakturen“ (Verlust des approximalen Kastens). Hinsichtlich Randqualität und Frakturen schnitt EQUIA durchweg besser ab als die drei Vergleichsglasionomere.**

In vitro – in vivo

Den In-vitro-Ergebnissen von Prof. Frankenberger und seiner Studiengruppe kann Prof. Dr. Reiner Biffar, Zentrum für ZMK Greifswald, demnächst Ergebnisse aus der Versorgungspraxis gegenüberstellen. In seinem Vortrag ging er hier vor allem auf das innovative Design seiner Greifswalder Studie ein.** Diese untersucht Überlebensraten, klinisches Verhalten und Abrasionsfestigkeit von EQUIA im Vergleich zu Fuji IX Fast, dem bewährten Vorgängermaterial von GC. Bei der auf fünf Jahre angelegten prospektiven EQUIA-Studie handelt es sich um eine doppelt randomisierte, multizentrisch angelegte Studie, die alle Ansprüche an wissenschaftliche Evidenz erfüllen soll, zugleich aber den niedergelassenen Zahnarzt einbindet. Im Rahmen einer solchen „Feldstudie“ können in überschaubarer Zeit große Fallzahlen erreicht werden (in diesem Fall: 880 Füllungen), ohne dass die einzelne Praxis überlastet wird. Parallel zu dieser Untersuchung finden Vergleichsstudien an den Universitäten München und Marburg statt, damit die gewonnenen Erkenntnisse auf einer umfangreichen Datenbasis verglichen werden können. Prof. Biffar hält es für notwendig, solche neuen Studiendesigns auszutesten, da die Kapazitäten für die Forschung in der Zahnmedizin unbedingt ausgeweitet werden müssten – schon angesichts der Änderung des Medizinproduktegesetzes und beleitender Gesetze nach EU-Richtlinie im März 2010. Danach muss der Zahnarzt die Rechtmäßigkeit einer Behandlung im Klagefall nachweisen, wenn er die Herstellerempfehlung überschreitet. Hersteller müssen künftig also in noch größerem Maße testen, um der Zahnärzteschaft Rechtssicherheit zu garantieren; beispielsweise immer dann, wenn sie Indikationen ausweiten möchten. Tatsächlich erwies sich das Vorgehen und insbesondere die Rekrutierung der Zahnärzte als „Knochenarbeit“ – stellte Prof. Biffar fest. 110 Zahnärzte haben sich schließlich zur Teilnahme bewegen lassen. Derzeit laufen die Nachuntersuchungen zum Follow-up nach einem Jahr. Nach erster Übersicht sehen die Ergebnisse zur Haltbarkeit der Füllungen positiv aus.

Anwenden und Abrechnen

Mit der Alltagstauglichkeit des Materials befassten sich auch die beiden Vorträge am Nachmittag. Der niedergelassene Zahnarzt Gert Fecht berichtete von seinen Erfahrungen mit EQUIA. Für viele seiner Fälle sei es das Material der Wahl, da sich damit schnelle, einfache und sichere Versorgungen verwirklichen lassen. In seiner Landpraxis wende er es als Problemlöser, für Kassenfüllung bei Klasse-I- und kleineren Klasse-II-Defekten und als provisorisches Füllungsmaterial in allen Klassen an.

Was erstattet die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) bei Seitenzahnfüllungen? Mit dieser Frage befasst sich ein Gutachten der Medizinanwälte Lyck & Pätzold für GC. Wie Jens Pätzold referierte, wurde in der Vergangenheit im Seitenzahnbereich allein Amalgam als geeignete und damit abrechenbare Füllungsalternative angesehen. Tatsächlich ist die Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses für eine ausreichende, zweckmäßige und wirtschaftliche vertragszahnärztliche Versorgung weiter gefasst und überlässt dem Zahnarzt die Wahl des geeigneten Füllungsmaterials, sofern es sich um einen „anerkannten und erprobten“ Werkstoff handelt, der gemäß der medizinischen Indikation verwendet wird. Pätzold kam zum Schluss, dass EQUIA nach den bisherigen Studien durchaus als „anerkannt und erprobt“ anzusehen ist und demnach über die GKV abgerechnet werden darf. (Anmerk. d. Red.: Im ZMK-Sonderheft 7-8/11 zum Thema Abrechnung wird der korrekte Abrechnungsweg für den Kassen- und Privatpatienten beschrieben.)

Fazit

Die Referenten äußerten sich einstimmig dahingehend, dass EQUIA ein hohes Potenzial zeige und durchaus eine Alternative zu Amalgam darstellen könnte. Weitere Studienergebnisse hierzu werden noch erwartet. 

 

Teilen

Fotostrecke
Zum Gespräch fanden sich zusammen (v.l.n.r.): Frank Rosenbaum (Geschäftsführer GC Germany), Jens Pätzold (Medizinrechtsanwalt und Partner der Kanzlei Lyck & Pätzold Medizinanwälte, Prof. Dr. Roland Frankenberger (Direktor der Abteilung für Zahnerhaltungskunde, Medizinisches Zentrum für ZMK Philipps-Universität Marburg und Universitätsklinikum Gießen und Marburg), Prof. Dr. Reiner Biffar (Leiter der Poliklinik für zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde an der Universität Greifswald), Gert Fecht (Zahnarzt/Uplengen-Remels), Dr. Piyush Khandelwal (Produktmanager, GC Europe).  

ZMK | Jg. 27 | Ausgabe 7-8 _ Juli/August 2011


Literaturverzeichnis

* Zitiert wurde eine Studie von Hickel etal. (Am J Dent (2002) mit 7,7 % jährlicher Verlustquote, wobei der Referent eine wesentlich höhere Quote für wahrscheinlich hält.
** Studien: Frankenberger R, Appelt A, Naumann M, Roggendorf MJ (2011). Fracture behavior and marginal quality of different glass ionomer cements and different application protocols; Equia – Klinische Studie Phase IV im Feld an der Poliklinik für zahnärztliche Prothetik, Alterszahnmedizin und Medizinische Werkstoffkunde, Universitätsmedizin Greifswald

Leser-Kommentare

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar zu verfassen.