Der Blick über den Tellerrand

Drucken Von Prof. Dr. Stefan Zimmer    aktualisiert am 28.12.2011

Der Kongress für präventive Zahnheilkunde („Blend-a-med-Kongress“) fand dieses Jahr in Verbindung mit dem Herbstsymposium der Universität Witten/Herdecke am 28. und 29. Oktober 2011 in der Dortmunder Westfalenhalle statt. Organisiert wurde der Kongress als Kooperation von Procter&Gamble, dem Zahnmedizinischen Fortbildungszentrum Stuttgart, der Gesellschaft für Präventive Zahnheilkunde (GPZ e.V.) und der Universität Witten/Herdecke. Nachfolgend ein kurzer Einblick in die Referate.

Die Referenten und Veranstalter des 1. Kongresstages (v.l.n.r.): Prof. Heusser, Prof. Einwag, Prof. Zimmer, Prof. Friedmann, Frau Burdett, Herr Blunck und Herr Krebs.
Die Referenten und Veranstalter des 1. Kongresstages (v.l.n.r.): Prof. Heusser, Prof. Einwag, Prof. Zimmer, Prof. Friedmann, Frau Burdett, Herr Blunck und Herr Krebs.


Prof. Dr. Peter Heusser, Inhaber des Lehrstuhles für Medizintheorie, Integrative und Anthroposophische Medizin an der Universität Witten/Herdecke, lenkte in seinem Eröffnungsvortrag mit dem Titel „Braucht der Mensch mehr als Schulmedizin“ den Blick zunächst auf die ganzheitliche und komplementäre Medizin. Er machte in seinem Vortrag deutlich, dass es das Ziel der medizinischen Forschung sein muss, alles, was wir heute unter komplementärer und ganzheitlicher Medizin verstehen, wissenschaftlich zu überprüfen. Was in der Medizin aber wissenschaftlich belegt ist, findet zwangsläufig Eingang in die Schulmedizin. Somit wurde in dem Vortrag von Prof. Heusser deutlich, dass es keine verschiedenen Arten von Medizin, sondern nur eine geben darf, und zwar eine humane. Auch der zweite Vortrag führte über den zahnmedizinischen Tellerrand hinaus und betrachtete die Zusammenhänge zwischen Mund- und Allgemeingesundheit. Prof. Dr. Anton Friedmann, Lehrstuhlinhaber für Parodontologie an der Wittener Universität berichtete über zweifelfreie kausale Zusammenhänge zwischen Diabetes und Parodontitis. Ein nicht eingestellter Diabetes verschlechtert die Heilungschancen einer Parodontitis und umgekehrt beeinflusst eine aktive Parodontitis einen Diabetes negativ. Andere Zusammenhänge zwischen Parodontitis und Allgemeingesundheit, wie z. B. koronare Herzkrankheiten, Schlaganfall und untergewichtige Frühgeburten, sind zwar wissenschaftlich ebenfalls belegt, allerdings sind die sogenannten „attributablen“ Risiken nur gering und es gibt bis heute auch keine klinische Studie, die eine Verbesserung bei diesen Symptomen nach einer erfolgreichen Parodontitisbehandlung gezeigt hätte.

Im dritten Vortrag warfen Karsten Blunk (Hygienefachkraft) und Olaf Krebs (Leiter Zentrale Sterilgutversorgung Universitätszahnklinik Witten/ Herdecke), aktuelle Hygienefragen der täglichen Praxis auf. Hier ging es unter anderem um das Thema von Legionellen im Trinkwasser. Durch die Novellierung der Trinkwasserverordnung zum 1. November 2011 bestehen für Zahnarztpraxen und gewerbliche Anlagen neue Vorschriften zur Installation von Vorkehrungen zur Vermeidung von Legionellenbefall. Außerdem müssen einmal jährlich wasserhygienische Untersuchungen und bei positivem Befund Maßnahmen wie thermische oder chemische Desinfektion und Biofilm Removal bei Wasserleitungen und Behandlungseinheiten durchgeführt werden.

Ebenfalls über den Tellerrand hinaus führte der äußerst unterhaltsame Vortrag von Prof. Dr. Jürgen Werner (Universität Witten/Herdecke), einem Philosophen und Unternehmensberater, der katholische Theologie studiert hat und dessen Karriere als Sportjournalist begann. Sehr anschaulich vermittelte er Grundlagen der menschlichen Kommunikation und machte klar, dass man Patienten kommunikativ mitnehmen muss statt nur zu argumentieren und Informationen zu liefern.

Der Samstag gehörte dem Thema Prävention, das unter verschiedenen Aspekten beleuchtet wurde. Es begann mit einem Vortrag von Prof. Dr. Stefan Zimmer, (Lehrstuhlinhaber für Zahnerhaltung und Präventivzahnmedizin an der Wittener Uni), der sein über viele Jahre an unterschiedlichen Standorten erprobtes Konzept zur Individualprophylaxe vorstellte. Er wandte sich scharf gegen zuletzt auf der online-Plattform „geld.de“ formulierte Vorwürfe, dass Zahnärzte, die für eine professionelle Zahnreinigung mehr als 70 € verlangten, „Abzocker“ seien. Anhand einer Beispielrechnung konnte Zimmer belegen, dass allein schon die Kosten pro Stunde im Normalfall bei 75 € und schnell deutlich darüber liegen. Anhand seiner letzten Werkstattrechnung zeigte er außerdem, dass die Kosten einer Stunde in der Autowerkstatt netto bei 123,60 € und brutto bei 147,08 € liegen. Provokant stelle der Referent die Frage, wer höher qualifiziert sei und wer an dem wertvolleren Gut arbeite: der Automechaniker oder die Prophylaxeassistentin oder DH.

Prof. Dr. Rolf Hinz, Praxisinhaber und kommissarischer Lehrstuhlinhaber für Kieferorthopädie an der Universität Witten/Herdecke, kritisierte das Missverhältnis zwischen Mitteln, die in der Kieferorthopädie für Therapie und Prävention ausgegeben werden und forderte nachdrücklich ein Umsteuern in Richtung Frühprävention, z. B. durch Abgewöhnen schädlicher Habits. In diesem Zusammenhang wies er auf einen neuartigen Schnuller hin, der in einer randomisierten klinischen Studie untersucht wurde und deutlich weniger frontal offene Bisse verursachte als ein Standardschnuller. Prof. Dr. Peter Cichon (Praxisinhaber und ebenfalls Professor an der Uni Witten/Herdecke) ging auf die Prävention bei Menschen mit Behinderungen ein, die den gleichen Anspruch auf ein gesundes Kauorgan haben wie jeder nicht Behinderte. Diesen Anspruch zu realisieren ist ein sowohl fachlich als auch wirtschaftlich schwieriges Thema. Fachlich, weil viele Menschen mit Behinderungen zu einer eigenständigen häuslichen Mundhygiene nicht in der Lage sind und nur im Rahmen einer Vollnarkose präventiv betreut werden können. Wirtschaftlich, weil sie häufig von Transferleistungen leben und Privatrechnungen für Prophylaxe nicht bezahlen können. Prof. Cichon stellt sich dieser Herausforderung sowohl in seiner Praxis als auch an der Wittener Uni seit vielen Jahren und führte eindruckvoll den Beweis, dass ein gesundes Kauorgan trotz vielfältiger Limitationen auch bei Menschen mit Behinderungen möglich ist.

An die Vortragsreihe des Kongresses schlossen sich drei gut besuchte Workshops zu den Themen Hygiene, häusliche Mundhygiene und PAR-Erhaltungstherapie an.

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ZMK | Jg. 27 | Ausgabe 12 _ Dezember 2011

Prof. Dr. Stefan Zimmer

Prof. Dr. Stefan Zimmer

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