Astratech

Dauerhafte Keramik-Prothese ohne jegliches Metall

Sofortbelastung von Keramikimplantaten im zahnlosen Oberkiefer – Ein klinischer Fallbericht – Teil 3

Drucken Von Dr. Christian Lamest, Dr. Erik Bahr    aktualisiert am 01.03.2010

Abb. 18: OK von okklusal nach Entfernung des temporär befestigten Provisoriums.
Abb. 18: OK von okklusal nach Entfernung des temporär befestigten Provisoriums.

Definitive prothetische Versorgung



Nach der geplanten Einheilzeit von sechs Monaten wurde das temporär befestigte Provisorium entfernt. Hierbei musste darauf geachtet werden, dass auf die Keramikimplantate keine bzw. nur sehr geringe vertikale Abzugskräfte einwirkten. Sieben Implantate widerstanden einem Reverse-torque-Test mit 15 Ncm. Das Implantat regio 21 zeigte sich nicht optimal osseointegriert und wurde ohne Konsequenz für die grundsätzliche prothetische Planung entfernt. Da die Implantatschultern an einigen Stellen durch koronale Proliferation des Gingivalrandes (Creeping Attachment) straff von Gingiva überlagert waren, erfolgte dort eine diskrete elektrochirurgische Konturierung. Die abschließende klinische Inspektion des periimplantären und des zur Aufnahme der Brückenpontics vorgesehenen Weichgewebes nach Abheilung der Wunden ergab reizlose Verhältnisse (Abb. 18).
Eine diagnostische Erstabformung erwies sich als hilfreich, um vom ausführenden Meisterlabor die Einschubrichtung durch
Abb. 19: Die Teilansicht der Präzisionsabformung zeigt die exakte Wiedergabe der Implantatschultern.
Abb. 19: Die Teilansicht der Präzisionsabformung zeigt die exakte Wiedergabe der Implantatschultern.
Parallelometervermessung festlegen zu lassen. Zur Rezementierung des Provisoriums während der Herstellungsphase der definitiven Brückenversorgung kam ein nicht vollständig aushärtender Zement (TempoSil, Coltene/ Whaledent, Altstätten, Schweiz) zur Anwendung.
Vor der endgültigen Abformung wurden die prothetischen Abutments minimal nachpräpariert, um ein spannungsfreies Aufsetzen des späteren Zirkonoxidgerüstes zu ermöglichen.
Nach Gingivaretraktion durch Doppelfadentechnik (Ultra Pak, Ultradent Products, South Jordan, USA) konnte eine Präzisionsabformung zur optimalen Gestaltung der Kronenrandbereiche mit Polyäthermaterial (Permadyne Penta H, 3M ESPE, Seefeld) und einem individuellem Löffel durchgeführt werden (Abb. 19). Zur Festlegung einer ersten zentrischen Relation diente ein Abformträger (Beauty Pink Wax X-hart, Moyco Union-Thompson, Montgomeryville, USA) mit Front-Jig. Die horizontale Lage des Oberkiefers wurde durch Gesichtsbogenregistrierung (SAM Präzisionstechnik, München) ermittelt. Die vertikale Dimension konnte aufgrund der guten Akzeptanz vom Langzeitprovisorium übernommen werden.
Nach der Herstellung eines ausreichend dimensionierten Zirkonoxidgerüstes (ZENO Tec System, Wieland Dental + Technik, Pforzheim) erfolgte eine Anprobe zur Kontrolle der spannungsfreien Passung, der ästhetischen Situation der
Abb. 20: Festlegung der dreidimensionalen Kieferrelation nach intraoraler Fixierung des Brückengerüstes (Gerüstherstellung: Labor Schappé, Bexbach).
Abb. 20: Festlegung der dreidimensionalen Kieferrelation nach intraoraler Fixierung des Brückengerüstes (Gerüstherstellung: Labor Schappé, Bexbach).
Abb. 21: OK von okklusal nach definitiver Eingliederung der Vollkeramikversorgung (keramische Verblendung: Josef Berwanger, Labor Ilkert, Saarlouis).
Abb. 21: OK von okklusal nach definitiver Eingliederung der Vollkeramikversorgung (keramische Verblendung: Josef Berwanger, Labor Ilkert, Saarlouis).
Brückenpontics und der präzisen Lage der Kronenränder20. Zur Registrierung der definitiven Zentrik wurden zunächst Aufbissplateaus im Dreipunktkontakt in der endgültigen vertikalen Dimension am Brückengerüst fixiert (Aluwax, Aluwax Dental Products Co. Inc., Michigan, USA). Die präzise Festlegung der dreidimensionalen Kieferrelation erfolgte abschließend mit einem geeigneten feinzeichnenden Material (Temp Bond, Kerr Italia S. r. l., Salerno, Italien) (Abb. 20).
Nach Montage der Meistermodelle in einen volljustierbaren Artikulator (SAM 3, SAM Präzisionstechnik, München) wurde die Brückenkonstruktion auf Basis einer individuellen Farbbestimmung keramisch verblendet (Vita VM 9, Vita Zahnfabrik, Bad Säckingen). Um die extraaxialen Kräfte vor allem auf die distalen Implantate möglichst gering zu halten, entschieden wir uns, die Freiendbrückenglieder distal der Implantate regio 15 und regio 25 nur in Prämolarenbreite zu gestalten. Im Rahmen einer abschließenden Ästhetikanprobe wurden nochmals die Zahnformen und der farbliche Gesamteindruck geprüft. Nachdem das Ergebnis auch die Patientin voll zufriedengestellt hatte, wurde die Vollkeramikversorgung mit einem speziellen selbsthaftenden Universal-Kunststoffzement (G-Cem, GC Corporation, Tokio, Japan) definitiv befestigt (Abb. 21–23). Die Patientin erhielt eine umfassende Mundhygieneaufklärung mit der Empfehlung, professionelle Zahnreinigungen im Halbjahresrhythmus durchführen zu lassen.

Diskussion



Bei Patienten mit einer ausgeprägten Metallunverträglichkeit lässt sich eine festsitzende metallfreie Versorgung des zahnlosen Oberkiefers nur unter Verwendung von Keramikimplantaten realisieren. Aufgrund der im Oberkiefer dominierenden spongiösen Knochenqualitäten und des systembedingt einteiligen Implantatdesigns stellt eine prothetische Versorgung auf Zirkonoxidimplantaten eine besondere biologische Herausforderung dar. Zu diesem Themenkomplex liegen jedoch bislang keine evidenzbasierten Langzeituntersuchungen vor5,21. Entscheidend für die erfolgreiche Osseointegration im vorliegenden Fall war die sichere Vermeidung von Mikrobewegungen während der Einheilphase. Dies wurde durch eine
Abb. 22: Frontalansicht der Patientin, die im Unterkiefer ein herausnehmbares Provisorium trägt.
Abb. 22: Frontalansicht der Patientin, die im Unterkiefer ein herausnehmbares Provisorium trägt.
ausreichend hohe Primärstabilität und eine angemessene Anzahl von Implantaten erreicht: Acht Z-Look3-Implantate wurden mit einem Drehmoment von jeweils 40 Ncm eingebracht. Darüber hinaus wurde eine stabile polygonale Verblockung aller Pfeiler durch Zementierung eines präoperativ hergestellten Langzeitprovisoriums erzielt. Die Mitarbeit der Patientin bei der Vermeidung unangemessen hoher Kaubelastungen musste im Rahmen dieser Sofortbelastung ebenfalls gewährleistet sein.
Die grundlegende Voraussetzung, ein derart komplexes Therapieziel möglichst sicher und vorhersagbar zu erreichen, ist die exakte Erhebung und Auswertung aller relevanten Befunde. Dies gelingt unserer Meinung nach nur unter Anwendung einer geeigneten Software, die eine virtuelle Planung der Implantatpositionen unter anatomischen und prothetischen Gesichtspunkten ermöglicht.

Fazit



Zirkonoxid mit seiner herausragenden Biokompatibilität hat sich als Werkstoff für Implantatsysteme und zur Herstellung von Kronen- und Brückenzahnersatz klinisch bestens bewährt. Patienten mit einer allergischen Diathese gegenüber Metallen bietet es die Möglichkeit von völlig metallfreien Restaurationen. Die Versorgung des zahnlosen Oberkiefers mit festsitzendem Zahnersatz auf
Abb. 23: Abschließende Röntgenaufnahme der metallfreien Gesamtkonstruktion.
Abb. 23: Abschließende Röntgenaufnahme der metallfreien Gesamtkonstruktion.
einteiligen Keramikimplantaten stellt dabei eine besondere Herausforderung dar. Hier schaffen CT-basierte Planungsprogramme die Voraussetzung, sogar solche komplexen Rehabilitationen vorhersagbar und erfolgreich umzusetzen.
Der vorgestellte Fall zeigt, dass nach sorgfältiger Planung und richtiger Indikationsstellung auch bei einteiligen Keramikimplantaten eine Sofortversorgung erfolgreich durchgeführt werden kann. Zu diesem Themenkomplex gibt es bis dato jedoch noch keine evidenzbasierten Langzeituntersuchungen. Wissenschaft und Forschung sind daher aufgerufen, die vielversprechenden klinischen Erfolge durch Langzeitstudien zu untermauern.

Zurück zu Teil 1:
Sofortbelastung von Keramikimplantaten im zahnlosen Oberkiefer – Ein klinischer Fallbericht – Teil 1

Zurück zu Teil 2:
Sofortbelastung von Keramikimplantaten im zahnlosen Oberkiefer – Ein klinischer Fallbericht – Teil 2

Teilen

Fotostrecke
Abb. 19: Die Teilansicht der Präzisionsabformung zeigt die exakte Wiedergabe der Implantatschultern.   Abb. 20: Festlegung der dreidimensionalen Kieferrelation nach intraoraler Fixierung des Brückengerüstes (Gerüstherstellung: Labor Schappé, Bexbach).   Abb. 21: OK von okklusal nach definitiver Eingliederung der Vollkeramikversorgung (keramische Verblendung: Josef Berwanger, Labor Ilkert, Saarlouis).   Abb. 22: Frontalansicht der Patientin, die im Unterkiefer ein herausnehmbares Provisorium trägt.   Abb. 23: Abschließende Röntgenaufnahme der metallfreien Gesamtkonstruktion.  


Literaturverzeichnis

  1. Kohal RJ, Papvasiliou G, Kamposiora P, Tripodakis A, Strub JR. Threedimensional computerized stress analysis of commercially pure titanium and Yttrium-partially stabilized zirconia implants. Int J Prosthodont 2002; 15: 189.
  2. Kohal RJ, Weng D, Bächle M, Strub JR. Loaded custom-made zirconia and titanium implants show similar osseointegration: an animal experiment. J Periodontol. 2004; 75 (9): 1262-8.
  3. Mayer W. Diagnostik von Unverträglichkeitsreaktionen in der Zahnmedizin. Ganzheitliche Zahnmedizin 2006; 01: 22-24.
  4. Mellinghoff J. Erste klinische Ergebnisse zu dentalen Schraubimplantaten aus Zirkonoxid. Z Zahnärztl Impl 2006; 22 (4): 288-293.
  5. Lambrich M, Iglhaut G. Vergleich der Überlebensraten von Zirkondioxid- und Titanimplantaten. Z Zahnärztl Impl 2008; 24 (3): 182-191.
  6. Akagawa Y, Ichikawa Y, Nikai H, Tsuru H. Tissue compatibility and stability of new zirconia ceramic in vivo. J Prosthet Dent 1992; 68 (2): 322-326.
  7. Kohal RJ, Hürzeler MB, Mota LF, Klaus G, Caffesse RG, Strub JR. Custommade root analogue titanium implants placed into extraction sockets. An experimental study in monkeys. Clin Oral Implants Res 1997; 8: 386.
  8. Kohal RJ, Weng D, Bächle M, Klaus G. Zirkonoxid-Implantate unter Belastung. Eine vergleichende histologische, tierexperimentelle Untersuchung. Z Zahnärztl Impl 2003; 19 (2): 88-91.
  9. Kondell PA, Soder PO, Landt H, Frithiof L, Anneroth G, Engstrom PE, Olsson ML. Gingival fluid and tissues around successful titanium and ceramic implants. A comparative clinical, laboratory, and morphologic study. Acta Odontol Scand. 1991; 49 (3): 169-73.
  10. Sennerby L, Dasmah A, Larsson B, Iverhed M. Bone tissue responses to surface-modified zirconia implants: A histomorphometric and removal torque study in the rabbit. Clin Implant Dent Relat Res 2005; 7 Suppl 1: 13-20.
  11. Steflik DE, McKinney RV Jr, Koth DL. Epithelial attachment to ceramic dental implants. Ann N Y Acad Sci 1988; 523: 4-18.
  12. Jaffin RA, Kumar A, Berman CL. Immediate loading of dental implants in the completely edentulous maxilla: a clinical report. Int J Oral Maxillofac Implants 2004; 19: 721-730.
  13. Malo P, Rangert B, Dvarsater L. Immediate function of Branemark implants in the esthetic zone: a retrospective clinical study with 6 months to 4 years of follow-up. Clin Implant Dent Relat Res 2000; 2: 138-146.
  14. Rocci A, Martignoni M, Gottlow J. Immediate loading in the maxilla using flapless surgery, implants in predetermined positions, and prefabricated provisional restorations: a retrospective 3-year clinical study. Clin Impl Dent Rel Res 2003; 5: 29-36.
  15. Hill HU. Multiple Chemikalien-Sensitivität (MCS) Ein Krankheitsbild der chronischen Multisystem-Erkrankungen. Shaker Verlag; Aachen 2005.
  16. Neugebauer J. Wem gehört die Zukunft: Keramik- oder Titanimplantaten? Dent Implanto 2007; 5: 356.
  17. Lekholm U, Zarb GA. Patientenselektion und Aufklärung der Patienten. In: Branemark, PI, Zarb G A, Albrektsson, T: Gewebeintegrierter Zahnersatz; Quintessenz, Berlin- Chicago- London- Rio de Janeiro- Tokio, 1985: 195-205.
  18. Glauser R, Ree A, Lundgren AK, Gottlow J, Hämmerle CHF, Schärer P. Immediate occlusal loading of Branemark implants applied in various jawbone regions: a prospective, 1-year clinical study. Clin Implant Dent Relat Res 2001; 3: 204-213.
  19. Lorenzoni M, Pertl C, Zhang K, Wimmer G, Wegscheider WA. Immediate loading of single-tooth implants in the anterior maxilla. Preliminary results after one year. Clin Oral Implants Res 2003; 14: 180-187.
  20. Tinschert J, Natt G, Körbe S, Heines N, Heussen N. Weber M, Spiekermann H. Bruchfestigkeit zirkonoxidbasierter Seitenzahnbrücken. Eine vergleichende In- vitro- Studie. Quintessenz 2006, 57 (8): 867-876.
  21. Dhom G. Wem gehört die Zukunft: Keramik- oder Titanimplantaten? Dent Implantol 2007; 5: 357.
Lamest

Dr. Christian Lamest

Fachzahnarzt für Oralchirurgie

Schulstraße 22

66740 Saarlouis

E-Mail: dr.lamest@bodtlaender-lamest.de
http://www.bodtlaender-lamest.de

Erik Bahr

Dr. Erik Bahr

Zahnarzt

Obertorstraße 1

66111 Saarbrücken

E-Mail: seriba@t-online.de
http://www.zahnarzt-bahr.de

Leser-Kommentare

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar zu verfassen.