Sopransoli zum Sonnenaufgang

Drucken Von Monika & Rainer Hamberger    aktualisiert am 28.08.2011

Überraschungen im Dreiländereck zwischen Österreich, Slowenien und Friaul

Traumhafte Aussichten am Bohinj See.
Traumhafte Aussichten am Bohinj See.


Reinhold Messner schüttelt den Kopf und blickt in unsere Runde: „Vor über 200 Jahren wäre niemand auf die Idee gekommen, dort oben herumzuklettern, wo Steinschlag und Lawinen herunterkommen, das machen vor allem Touristen und Abenteurer aus den Städten. Am liebsten fahren sie noch mit dem Auto so weit hinauf wie möglich. Da müssen wir Einhalt gebieten, um die Bergkultur zu respektieren.“ Im Spiegel seiner Lebenserfahrung als einer der Bergsteiger schlechthin sind ihm der wachsende Tourismus und die damit verbundene Mobilität in den Tälern und auf so vielen Bergen ein Graus. Dabei gibt es umweltfreundliche Möglichkeiten, in die Berge zu gelangen, ohne Staus zu verursachen. Der ICE aus Deutschland fährt in Kooperation mit den Österreichischen Bundesbahnen von München über Salzburg in die Südalpen. Mallnitz, der erste Halt nach dem Tauerntunnel, liegt auf der Alpensüdseite, bereits im Bundesland Kärnten. Nicht viele steigen hier aus. Es sind vor allem zünftig Gekleidete mit Rucksack und Familien mit Kindern.
Auf Rädern im Nationalpark Hohe Tauern.
Auf Rädern im Nationalpark Hohe Tauern.
Die Luft ist frisch hier auf etwa 1.200 m Höhe. Über dem Alpenhauptkamm am 3.252 m hohen Ankogel stehen kleine Haufenwolken. Wir werden vom Hotel abgeholt. Mallnitz möchte seine Gäste so umweltschonend wie möglich betreut wissen. Ein Wanderbus fährt täglich zu Ausgangspunkten für Wanderungen, E-Bikes werden vermietet und man bemüht sich, in der Gastronomie vor allem mit einheimischen Produkten auszukommen. Zunächst stehen wir nur neugierig vor den Fahrrädern mit Elektromotor. Der Akku sitzt je nach Modell entweder vertikal unter dem Sattel oder horizontal auf dem Gepäckträger, der kleine Motor an der Hinterachse. Ansonsten ist das ein „normales“ Fahrrad. Sobald man Unterstützung am Berg braucht, lässt sich von +1 bis +4 der Motor dazuschalten, beim Bergabfahren bremst dieser bei -1 bis -4. Wir entscheiden uns für die leichte Tour zum Stappitzer See am Ende des Tales. Rasch lassen wir die mit Blumen geschmückten Bauernhäuser hinter uns und sind auf ungeteerten Wegen fast allein. Nur einmal begegnet uns eine Schulklasse – auch auf Rädern. Im See spiegeln sich die umliegenden Berge, Trollblumen wiegen sich im feuchten Gras, weit über uns kreisen zwei Bartgeier. „Hat das Nullkilometer-Menü mehr als null Kalorien?“, fragen wir abends den Wirt. Rasch ist erklärt, was es damit auf sich hat. Man möchte so gut es geht den Transport von Zutaten vermeiden. Es werden Fleisch von heimischen Bauern oder Jägern, Gemüse und Salat aus dem Ort und Kräuter von den Bergwiesen verwendet. Der Geschmack ist kräftig, man kaut etwas intensiver und ist immer wieder überrascht vom Einfallsreichtum der Küche: Raffiniert eingelegte Löwenzahnknospen schmecken fast wie Kapern. Am nächsten Morgen besuchen wir das Nationalparkzentrum. Gerade für unseren Nachwuchs sind die ausgestopften Tiere und Versuchsangebote zum Verständnis einfacher physikalischer Gesetze hier sehr interessant. Nachmittags sind wir zu Fuß unterwegs und rasten auf einer bewirtschafteten Almhütte. Beim Rückweg schützt uns das dichte Astwerk einer uralten Lärche vor einem kurzen Wolkenbruch. Typisch für den Bergsommer in Kärnten sind eher kurze Schauer, denn die at lant i schen Fronten sind hier nach der Überquerung der Hohen Tauern schon ziemlich erschöpft. Da behält die südliche Sonne gerne die Oberhand.

Slowenien – Seen, Burgen und viel Wildnis

Das Südalpenklima schätzen wir am nächsten Tag, als der Zug uns von Mallnitz entlang bewirtschafteter Hänge hinunter nach Villach bringt, wo wir in die slowenische Bahn umsteigen. Für Kinder ist die Durchquerung des Karawankentunnels mit seinen 8 km Länge ein Abenteuer, es riecht etwas nach Steinstaub. Ohne weitere Kontrollen und Formalitäten sind wir kurze Zeit darauf in Bled. Hier residierte Josip Broz Tito in der Villa Bled, die heute in schönster Aussichtslage über dem Bleder See als Hotel betrieben wird. Der Blick reicht über das tiefblaue Wasser hinüber zu einer Insel mit der Kirche Maria Himmelfahrt und weiter zur über 1.000 Jahre alten Burg von Bled, die ehemals zum Bistum Brixen gehörte. Ähnlich wie in einer venezianischen Gondel werden wir geräuschlos über den See gerudert. Bahnsteige und Schaffner werden uns immer vertrauter.
Mit dem Ruderboot auf dem Bleder See; im Hintergrund die Villa Bled.
Mit dem Ruderboot auf dem Bleder See; im Hintergrund die Villa Bled.
Ein Zug bringt uns in etwa einer halben Stunde nach Bohinjska Bistrica am Bohinjer See. Das Ziel hat weit weniger Häuser und Verkehr als in Bled, denn hier ist quasi die Endstation des Verkehrs in die Julischen Alpen. Im Nationalpark Triglav sind wir hier umringt von bis über 2.800 m hohen Bergen. Über zwei Drittel des Bezirkes Bohinj liegen innerhalb der Nationalparkgrenzen. Enten sonnen sich am Seeufer, Fischschwärme spielen dicht unter der Wasseroberfläche. Der bis 4 km lange und an einen Fjord erinnernde See wird von einem Wanderweg umrundet. Im Sommer wird er bis 22 Grad warm und lädt zum Baden ein, während er winters oft von Eis bedeckt ist. Ein Elektroboot bringt uns an das hintere Ende; von dort aus führt eine Seilbahn auf den etwa 1.500 m hohen Berg Vogel. Er ist Ausgangspunkt eines Skigebietes und ein Eldorado für Wildblumenliebhaber, die hier verschiedene Orchideenarten vor grandiosem Hintergrund fotografieren.

Der Abwanderung Einhalt gebieten – gelungene Projekte in Friaul

Man glaubt schon nicht mehr daran, dass sich die Schluchten öffnen werden. Schon eine Weile bringt uns der Bus vom Bahnhof Udine immer weiter hinein in die Südalpen. Durch Tunnels, vorbei an Wasserfällen und ab und zu gibt es Lichtblicke über den Bergwäldern. Da öffnet sich die Landschaft und einige Häuser werden sichtbar. Das fast 1.400 m hoch gelegene Sauris hieß ehemals Zahre, hatte einen deutschen Namen. Im 11. Jahrhundert haben Fahnenflüchtige aus Bayern hier Zuflucht gesucht. Das Risiko, entdeckt zu werden, war wohl sehr gering. Sie brachten die deutsche Sprache mit und siedelten. Sauris ist eine der deutschen Sprachinseln in Nordostitalien. Noch etwa 70 Prozent der örtlichen Bevölkerung sprechen im Alltag zahrisch. Diese Mundart ist mit dem Pustertaler Dialekt verwandt. Auch im Kindergarten und in der Schule wird wieder Zahrisch gelehrt. Die Sprache der Behörden ist allerdings das Italienische. In den Teilorten leben insgesamt nur ca. 400 Menschen das ganze Jahr über. Unterzahre/Sauris di Sotto und Oberzahre/Sauris di Sopra sind die beiden höchstgelegenen Gemeinden Friauls. Als im 20. Jahrhundert die Abwanderung vom beschwerlichen Bergleben immer weiter zunahm, entwickelte man ein tragfähiges Konzept zur Sicherung der Bergkultur auf nachhaltige Art. Bauten wurden konserviert und restauriert. Es gab Zuschüsse aus Brüssel unter der Voraussetzung, dass diese Räumlichkeiten für mindestens 15 Jahre touristischer Nutzung zur Verfügung gestellt werden.
Reinhold Messner referiert über den Tourismus in den Bergen.
Reinhold Messner referiert über den Tourismus in den Bergen.
Dabei hat auch das Albergo Diffuso seine liebevoll hergerichteten Apartments stilvoll in historische Holzhäuser integriert. Eine Brauerei wurde gegründet, ein Künstler und Maskenschnitzer eröffnete eine Galerie mit seinen Fasnachtsmasken aus Holz. Nachdem es in den meisten Bauernhäusern üblich war, gesalzenen Schweineschinken an der Bergluft roh zu trocknen, und die Qualität weithin bekannt war, begründete man erfolgreich eine Produktion von luftgetrocknetem Schinken und Salami. Wandert man vom oberen in den unteren Ortsteil zwischen Orchideen und Waldreben, ist eine Verköstigung dann sehr willkommen. Anreisende Gäste werden mit Shuttlebussen am Bahnhof Udine gratis abgeholt. Außerdem unterhält der Gemeindebus täglich drei Verbindungen auf der einstündigen Strecke nach Udine. Im Sommer fehlen über 100 Arbeitskräfte, die aus Nachbarregionen angeheuert werden. Der Einfallsreichtum des Ortes ist ungebrochen. Zwischen Juli und September findet bereits wiederholt die „Zahrarmonie“ statt, ein Festival der klassischen Musik mit Künstlern aus aller Welt. Dabei begrüßen unter anderem 15 Sopranistinnen aus Japan im Freien bei Sonnenaufgang den neuen Tag mit ihren Gesängen. Solche Klänge in ursprünglicher Natur hätten sicher auch die Bergvölker des Himalaya überrascht. Ihnen waren die Regionen oberhalb der kultivierten Zonen heilig, wo sich heute Sportler und Abenteurer tummeln. „Die Touristen gehören inzwischen zur Kulturlandschaft der Alpen“, meint Reinhold Messner, „das ist nicht mehr rückgängig zu machen. Aber sie sollen nicht immer noch weiter nach oben dringen. Wer über die Baumgrenze hinauf in die Felsregion steigt, muss sehen, wie er dort klarkommt. Wenn er hinunterfällt, ist er selber Schuld.“ Fazit und Ausblick eines Weltbergsteigers, der vielleicht die Vielzahl der Nachahmer unterschätzt hatte. Während er uns seine wohlüberlegten Theorien zur Zukunft des Alpentourismus unterbreitet, leuchten gerade die letzten Sonnenstrahlen des Tages auf den Langkofel, der durch ein glasloses Fenster in der Steinwand seiner Burg Firmian weit oberhalb des geschäftigen Bozen zu erkennen ist.


Informationen

Über 20 Urlaubsorte in allen 6 Alpenanrainerstaaten haben sich zu einem Konzept des nachhaltigen Tourismus mit sanfter Mobilität verpflichtet. Darunter sind Orte wie z. B. das renommierte Bled in Slowenien, aber auch das weniger bekannte Sauris mit seinen 400 Einwohnern. Dabei wurden an die örtlichen Gegebenheiten angepasste Maßnahmen entwickelt, deren Umsetzung kontinuierlich überprüft wird. Ziel ist der autofreie Urlaub bzw. die Reduktion der Autonutzung, so gut es geht. Alle Orte sind per Bahn bzw. mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Die Deutsche Bahn unterhält Verbindungen durch Österreich und nach Norditalien hinein. Es gibt immer wieder preisgünstige Aktionen, z. B. von Deutschland zu den Höhepunkten der Alpen ab 39 €, oder von München nach Mallnitz ab 19 €. Züge von DB AutoZug fahren von Nord- und Westdeutschland bis Villach im Süden Kärntens.

Weitere Auskünfte unter www.alpine-pearls.com, http://www.dbautozug.de
und www.bahn.de.

 

 

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Fotostrecke
Auf Rädern im Nationalpark Hohe Tauern.   Mit dem Ruderboot auf dem Bleder See; im Hintergrund die Villa Bled.   Reinhold Messner referiert über den Tourismus in den Bergen.  

ZMK | Jg. 27 | Ausgabe 7-8 _ Juli/August 2011

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