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Hals-Nasen-Ohren-ärztliche Aspekte der Halitosis – Teil 1

Drucken Von Prof. Dr. Oliver Kaschke    aktualisiert am 01.02.2012

Der Zahnarzt sieht sich im Praxisalltag häufig Patienten gegenüber, die Mundgeruch haben. Dieses Leiden ist nicht nur für die Betroffenen unangenehm, sondern es kann auch eine ernsthafte Erkrankung anzeigen. Falls der Zahnarzt die Ursache der Halitosis nicht abklären kann, da sie nicht mit der Zahn- bzw. Mundgesundheit verbunden ist, sollte er den Patienten daher an den Hals-Nasen-Ohren-Arzt überweisen. Dieser wird die angrenzenden Regionen auf für das Symptom Halitosis typische Erkrankungen untersuchen. Wie der folgende Überblick zeigt, kommen eine ganze Reihe unterschiedlicher Auslöser mit verschiedenen Lokalisationen infrage.

Abb. 1 a): Akute Tonsillitis.
Abb. 1 a): Akute Tonsillitis.


Halitosis ist ein unerwünschtes, offensives Körpersymptom, welches aus der Mundhöhle als unangenehm empfundener Geruch austritt. Es gilt als anerkannt, dass die Mehrzahl der Ursachen für die Halitosis in der Mundhöhle selbst und hier besonders im Bereich der Periodontalregion und der Zunge zu suchen ist1,2.
Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt ist mit dem Symptom eines auffälligen Mundgeruches in seiner täglichen Praxis bei diagnostischen und therapeutischen Handlungen intensiv konfrontiert. Trotz der auffällig großen Begleitsymptom Zahl von Patienten mit Halitosis bitten nur relativ wenige Betroffene direkt um gezielte Beratung und Behandlung.
Auffälliger Mundgeruch kann einunterschiedlicher, spezifischer Erkrankungen des Hals-Nasen-Ohren-Gebietes sein, wobei die empfundene Lokalisation des unangenehmen Körpersymptoms zwar in der Mundhöhle, die ursächliche Lokalisation aber in einer angrenzenden Region liegt. Dabei können die den Geruch verursachenden Störungen sowohl in der Nase mit angeschlossenem Nasennebenhöhlensystem und im Nasenrachen angesiedelt sein wie auch im Hypopharynx und Larynx. Überwiegend kommen aber Ursachen im Pharynx infrage3.
Abb. 1 b): Akuter Peritonsillarabszess links.
Abb. 1 b): Akuter Peritonsillarabszess links.

Ursachen für Halitosis im Pharynx und Larynx



Die Mundhöhle enthält aus Sicht des HNO-Arztes charakteristische Strukturen, die mit Halitosis assoziiert sind. So gehören die Gaumentonsillen und die Zungengrundtonsille als Anteile des Waldeyer’schen Rachenringes zu den anatomisch sehr variablen Strukturen, an denen unterschiedliche Krankheiten vorkommen. Ihre buchtenreichen, teilweise zerklüfteten Oberflächen mit Krypten und Taschen bieten günstige Voraussetzungen für lokale, bakteriell bedingte Gewebeentzündungen.
Die akuten Tonsillitiden (akute Mandelentzündung, Angina) gehen gelegentlich mit ausgeprägter Halitosis einher (Abb. 1a). Besonders starker Geruch weist dabei auf spezifische bakterielle Besiedelungen oder auch eine Abszedierung hin (Abb. 1b). Nach Abheilung geht dieses Symptom aber wieder zurück oder verschwindet auch vollständig. Problematischer sind die chronischen Tonsillitiden (Abb. 1c). Sie weisen ein charakteristisches Bild auf. In meist tiefen Krypten finden sich Zelldetritus und Sekrete, die eine hohe Konzentration anaerober Bakterien beinhalten. Beim Kauen, Sprechen und Gähnen werden die Krypten teilweise ausgepresst und geruchstragende Bestandteile der Bakterien freigesetzt. Der HNOArzt kann bei der Untersuchung mittels Spateldruck diese Sekrete und Detritus aus der Tonsillenkrypte ausdrücken. Zuweilen entleeren sich auch verdichtete Detrituspfröpfe, so genannte Tonsillolithen, die einen stark unangenehmen Geruch freigeben4,5. Durch lokale Mundpflegemaßnahmen, wie die Anwendung geeigneter Mundspüllösungen, kann das Problem häufig eingedämmt werden. Frustran verlaufende Behandlungen sind nur durch eine Tonsillektomie beherrschbar. Bei den seltener vorkommenden problematischen Manifestationen im Zungengrund kann eine laserchirurgische Abtragung hilfreich sein.
Abb. 1 c): Chronische Tonsillitis.
Abb. 1 c): Chronische Tonsillitis.

Mundgeruch bei Kindern tritt auf, wenn Tonsillenhyperplasien vorhanden sind. Die mit diesem Problem einhergehende ausgeprägte Mundatmung beeinflusst das Schleimhautmilieu und begünstigt eine Bakterienanheftung. Eine chirurgische Therapie ist wegen anderer Zusammenhänge angezeigt und beseitigt auch das Halitosis-Problem.
Spitze Fremdkörper in der Nahrung, z. B. Knochensplitter und kleine Gräten, können sich in die Schleimhaut und bevorzugt in die lymphatischen Gewebestrukturen einspießen. Bleiben diese unbemerkt, bilden sich umschriebene Entzündungsareale, an denen sich kritische Bakterien ansiedeln. Ein auffälliger Mundgeruch ist die Folge.
Die zweite wichtige Struktur in der Mundhöhle, die der HNO-Arzt bei seiner Untersuchung auch stets begutachtet, ist die Zunge. Ihre besondere Anatomie mit Papillen und Furchungen begünstigt die Entstehung von Mundgeruch. Ein sich an diesen Strukturen ausbildender Biofilm mit zellulären und bakteriellen Bestandteilen ist dafür verantwortlich6. Für den HNO-Arzt ist es dabei aber wichtig, mögliche pathologische Veränderungen des Zungenepithels von ungefährlichen Varianten abzugrenzen (Abb. 2a u. b). In präkanzerösen und kanzerösen Veränderungen des Zungenepithels kommt es charakteristischerweise zur Anhaftung anaerober Keime (Abb. 2c). Die hohe Zellmitoserate mit Ansammlung von Zelldetritus bietet einen idealen Nährboden. Leider werden zuweilen die versteckt liegenden Epithelveränderungen häufig erst spät erkannt (Abb. 3). Ein auffälliger Mundgeruch bildet ein mögliches Frühsymptom.
Auf der Zunge manifestieren sich häufig auch unterschiedliche Entzündungen, wie bakterielle Biofilme oder Soorbeläge (Abb. 4). Die letztgenannten entwickeln meist einen eher süßlich anmutenden Geruch, zeigen eine charakteristische weiße Färbung und kommen typischerweise bei Patienten mit Immunsuppression vor. HIV-infizierte Patienten sind davon oft betroffen und bilden dabei am seitlichen Zungenrand ein typisches Schleimhautbild, welches als Haarleukoplakie bezeichnet wird (Abb. 5). Die besondere, wellenartige Struktur begünstigt die anaerobe Bakterienbesiedelung, die wiederum Halitosis verursacht.
Bilder
Abb. 2 b): Lingua plicata. Eine auffällige Längs- und Querfurchung des Zungenepithels ist ebenfalls ohne pathologischen Wert. Je nach Biofilmbelag auf diesen Varianten kommt es zur Halitosis.   Abb. 2 c): Karzinom am Zungenrand.   Abb. 3: Mundbodenkarzinom.  

Die für die gut einsehbaren Zungenabschnitte geltenden Besonderheiten bei tumorösen Infiltraten wirken auch bei Hypopharynx- und Larynxkarzinomen. Bereits in sehr frühen Stadien der Erkrankung kann es zur ausgeprägten Halitosis kommen aufgrund bakterieller Sekundärbesiedelung von Tumornekrose-bedingten Epithelläsionen. Somit kann dieses Symptom auch zu den Frühindikatoren gerechnet werden, zumal andere klinische Zeichen, wie Schluckschmerz oder Halslymphknotenschwellungen, erst viel später für den Kranken deutlich werden können (Abb. 6a u. b). Neben den tumorösen Veränderungen sind es aber auch die chronischen Kehlkopfentzündungen, die eine extraorale Quelle der Halitosis bilden können, insbesondere die chronisch hyperplastischen Formen mit pseudomembranösen Bildungen und atrophe Laryngitiden. Die Intensität der Halitosis ist aber eher gering.
Eine weitere extraorale Ursache kann ein Hypopharynxdivertikel sein, welches auch als Zenker’sches Divertikel bekannt ist. Der retinierte Speisebrei und regurgitierter Speichel erzeugen einen eher säuerlichen bis fauligen Geruch, der sich deutlich vom typischen oralen Mundgeruch unterscheidet. Der Betroffene beklagt auch meist eine Schluckbehinderung. So lässt sich rasch eine Verdachtsdiagnose formulieren, die durch eine Kontrastmitteluntersuchung überprüft wird.

Lesen Sie weiter:
Hals-Nasen-Ohren-ärztliche Aspekte der Halitosis – Teil 2

 

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Abb. 1 b): Akuter Peritonsillarabszess links.   Abb. 1 c): Chronische Tonsillitis.   Abb. 2 a): Lingua geographica. Die auffällige Oberfläche der Zunge weist unterschiedlich strukturierte Areale auf, die eine Epithelvariante darstellen.   Abb. 2 b): Lingua plicata. Eine auffällige Längs- und Querfurchung des Zungenepithels ist ebenfalls ohne pathologischen Wert. Je nach Biofilmbelag auf diesen Varianten kommt es zur Halitosis.   Abb. 2 c): Karzinom am Zungenrand.   Abb. 3: Mundbodenkarzinom.   Abb. 4: Schwarze Haarzunge. Nikotinabusus, Fehlernährung, Medikamenteneinnahmen   (z.B. Antibiotika) sowie mangelnde Mundhygiene begünstigen die Entstehung von Biofilmen, die auffällig gefärbte Epithelverdickungen ausbilden.   Abb. 5: Candida-albicans-Belag der Zunge mit Haarleukoplakie am seitlichen Zungenrand bei einem Patienten mit HIV-Infektion.   Abb. 6 a): Hypopharynxkarzinom links.   Abb. 6 b): Stimmlippenkarzinom rechts.   Abb. 7: Nasenpolypen führen zur Verlegung der Nasenatmung und Bildung eines retronasalen Sekretflusses. Sekundär entstehen bakterielle Besiedelungen.  


Literaturverzeichnis

  1. Filippi, A.: Halitosis-Aktueller Stand und Perspektiven. Zahnmedizin up2date 4, 351-366 (2008)
  2. Van den Broek, A.M.W.T., Feenstra, L., De Baat, C.: A review of the current literature on management of halitosis. Oral Disease 14, 30-39 (2008)
  3. Tonzetich, J.: Oral malodour: An indicator of health status and oral cleanliness. Int J Dent, 28, 309-319 (1977)
  4. Myers, N.E., Compliment, J.M., Post, J.C., Buchinsky, F.D.: Tonsilloliths a common finding in pediatric patients. Nurse Practitioner 31, 53-54 (2006)
  5. Rio, A.C., Franchi-Teixeira, A.R., Nicola E.M.: Relationship between the presence of tonsilloliths and halitosis in patients with chronic caseous tonsillitis. Br Dent J 204, E 4 (2008)
  6. Lee, S.S., Zhang, W., Li, Y.: Halitosis update: a review of causes, daignoses, and treatment. J Calif Dent Assoc 35, 258-268 (2007)
  7. Ng, D.K, Chow, P.Y., Kwok, K.L.: Halitosis and the nose. Hong Kong Med J 11, 71-21 (2005)
  8. Dixon J.W., Senior, B.A., Reebye, U.N., Cottrell, D.A.: Rhinosinusitis: diagnosis, management, and dental implications. J Mass Dent Soc 52, 50-52 (2004)
  9. Berk, L.: Systemic pilocarpine for treatment of xerostomia. Expert Opin  Drug Metab Toxicol 4, 1333-1340 (2008)
  10. Khosravani, N. et al.: The cholinesterase inhibitor for the local treatment of dry mouth: a randomized study. Eur J Oral Sci 117, 209-217 (2008)
Prof. Dr. Oliver Kaschke

Prof. Dr. Oliver Kaschke

Abteilung für Hals-Nasen-Ohren-Krankheiten

Plastische Gesichts- und Halschirurgie

Sankt-Gertrauden-Krankenhaus

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10713 Berlin

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